Dinge des Lebens

Die Revolution in der Hemdtasche

Günther Sinnecker, 91 Jahre, Rentner aus Siemensstadt

Ein Gegenstand, der einen Menschen über Jahrzehnte täglich in der Hemdtasche begleiten kann, muss schon sehr klein sein. Günther Sinnecker trägt seit fast vierzig Jahren ein solch kleines Ding in der Brusttasche mit sich herum. Sein Casio Film Card Taschenrechner ist gerade so groß wie eine EC-Karte und kaum dicker oder schwerer. Der kleine Rechner ist wohl einer der ersten Taschenrechner, die in Deutschland benutzt wurden. „Zumindest hatte ich davor noch keinen gesehen“, sagt Günther Sinnecker.

Und das obwohl er in seinem Beruf jeden Tag komplizierte Rechnungen ausführen musste. Der heute 91-jährige arbeitete 37 Jahre lang bei Siemens als Chef des Prüffeldes und Entwickler von Schaltern für große Mittelspannungsgeräte von sechs bis dreißig kVolt wie sie zum Beispiel in Schaltanlagen bei Elektrizitätswerken gebraucht werden. Er war viel unterwegs damals, in Europa und auch in den USA. „Bis in die 1980er Jahre hinein haben wir mit Rechenschiebern gearbeitet, erst dann gab es die elektrischen Taschenrechner“, erzählt der Maschinenbauingenieur in Rente und holt aus seinem Schreibtisch ein kleines Holzgerät, das aussieht wie ein Lineal mit verschiebbaren und mit Zahlen bedruckten Holzleisten. Der Besuch bei Günther Sinnecker wird zu einem Ausflug in die analoge Welt weit jenseits aller Digitalität, die unser Leben heute bestimmt. Gewöhnt daran, auch die kleinste Rechnung per Computer oder sogar Handy ausführen zu können, muss dem über fünzig Jahre jüngeren Gast der Rechenschieber erst vorgeführt und geduldig erklärt werden. Man merkt Günther Sinnecker an, dass ihm das Spaß macht: „Der Taschenrechner war damals eine Revolution, mit dem Rechenschieber konnte man nicht addieren und subtrahieren, sondern potenzieren und Logarithmen berechnen.“ Dennoch: die Digitalität ist längst Teil des Lebens des 91-Jährigen. Auf seinem Schreibtisch steht ein Computer mit riesigem Bildschirm, den seine Söhne Günther Sinnecker zum 80. Geburtstag geschenkt haben. Daneben liegt ein iPad.

Die kleine Revolution in der Hemdtasche brachten ihm Geschäftspartner aus Japan als Gastgeschenk mit: „Die haben viele unserer Produkte nachgebaut und wir haben dann deren Erfahrungen umgesetzt und die unsere“, erzählt Sinnecker. Die Erfahrungen wurden auf Englisch ausgetauscht, zumindest meistens. Einmal allerdings, so erinnert sich Günther Sinnecker schmunzelnd, verstand ein Herr aus der japanischen Delegation die englischen Fachbegriffe nicht. „Da hat sich einer der Kollegen kurzerhand die japanischen Zeichen auf die Handfläche gemalt.“ Nach seiner Pensionierung vor 28 Jahren blieb der Taschenrechner in der Hemdtasche. Anstelle der komplizierten Berechnungen für Stromtransformationen nutzt Günther Sinnecker ihn nun zum Spaß für Preisberechnungen beim Einkaufen.

Trotz seiner 91 Jahre macht Günther Sinnecker alle seine Einkäufe selbst, „in kleinen Portionen, damit es nicht zu schwer zu schleppen ist“. Schließlich muss er in den zweiten Stock zu seiner viereinhalb Zimmerwohnung in Siemensstadt, in der er schon seit 1964 wohnt. Im Wohnzimmer sind viele Bücherregale, sogar über dem Türrahmen sind zwei Bücherbretter angebracht. Aber auch fast 20 Kladden sind da zu finden, voll mit Kurzgeschichten, die Günther Sinnecker geschrieben hat. „Damit man fit bleibt“, sagt er und zeigt einen Band mit Ereignissen aus seinem Leben und dem Alltag mit seiner Familie. Eine der Episoden, wie er seine kurzen Geschichten nennt, handelt auch von seinem Taschenrechner. Der war im Sommer letzten Jahres nämlich plötzlich verschwunden. Günther Sinnecker suchte in allen Sakkos und fand sich schließlich damit ab, dass er seinen kleinen Begleiter verloren haben musste. Nach dem langen und kalten Winter suchte er an einem warmen Sonntag in seinem Schrank ein kurzärmeliges, gewaschenes und ordentlich zusammengelegtes Hemd heraus. Und: In der Brusttasche fand er seinen Taschenrechner. Er hatte die vierzig Grad in der Waschmaschine schadlos überstanden, sogar die kleine Solarzelle funktioniert noch. „Und das“, findet Günther Sinnecker, „ist ein Wunder!“

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