Ernährung

Brei? Nein, danke!

Wieso, das hat sich Loretta Stern, Schauspielerin und Mutter von Karline gefragt, sind wir eigentlich überzeugt davon, dass Babys mit Brei „befüllt“ werden müssen? Zusammen mit ihrer Hebamme Eva ging sie einen anderen Weg – den breifreien

Karlines Selbstesser-Tagebuch

3. September (5 Monate + 11 Tage alt)

Eine Premiere: Heute durftest Du beim Abendessen mit gedünstetem Brokkoli experimentieren! Dein erster Kontakt mit Essen! Wir haben uns nämlich entschieden, Dir Fingerfood statt Brei anzubieten, damit Du selbst und in aller Ruhe Deine ersten Erfahrungen mit diesen komischen, vielfarbigen und hübsch zermatschbaren Sachen, die man sich offensichtlich in den Mund stecken darf, sammeln kannst. Na ja, in den Mund stecken ... Papa und ich waren wahnsinnig aufgeregt und sogar darauf gefasst, dass Du Dich vielleicht doll verschluckst, aber so weit hätte es gar nicht kommen können: Von den vier weich gedünsteten Röschen, die ich vor Dir auf den Tisch gelegt hatte, hast Du drei mehrfach auf den Boden befördert und lediglich eines kurz an den Mund geführt, kurz daran gesaugt und es dann auch zufrieden fallen lassen. Aber immerhin, ein Anfang ...

4. September (5 Monate + 12 Tage alt)

Jippie, es geht los! Heute Morgen beim Frühstück hatte ich Dich wieder auf dem Schoß, und diesmal hast Du mit schmalen Butterbrotstreifen (ohne Rinde) Bekanntschaft gemacht, oder vielmehr hast Du die Bekanntschaft durch relativ gezieltes Vom-Tisch-Wischen fast erfolgreich verhindert ... Aber ein kleines Stück wanderte doch kurz in Deinen Mund. Und Du hast es nachdenklich darin hin- und herbewegt, so sah es zumindest aus. Als Du es wieder hinausbefördert hast, war nur noch etwa die Hälfte vorhanden und Du machtest mit ernsthaft konzentriertem Gesicht schmatzende Schluck-Geräusche ... Ganz offensichtlich hast Du etwas Butterbrot in Deinen kleinen Magen gefüllt!!!! Zum Abendessen gab’s Gurke für Dich – bisher das erfolgreichste Experiment: Du hast dreimal für längere Zeit (bestimmt 10 Sekunden!) an einer Scheibe gelutscht. Und ganz prüfend und genau hin- geschaut, als Papa und ich gegessen haben! Das Phänomen Essen scheint Dich jetzt wirklich sehr zu interessieren – unser Timing war genau richtig. (Nur fürs Protokoll: Ich stille Dich nach wie vor noch voll – nicht, dass das klingt, als würden wir Dich mit ein paar Scheiben Gurke darben lassen)

9. September (5 1⁄2 Monate alt)

Auf Deiner Speisekarte stand heute Melone. Galia-Melone. Du hast begeistert an einem Stück „gezuzelt“ – so lange, bis einziemlich großer Teil davon in Deinem Mund gelandet ist!

Ich will lieber Brot als Brei

Dann hast Du Dich aber doch sehr erschrocken. Und ein bisschen geweint, bis Du dann tapfer, so, wie wir es Dir vormachten, das „Ding“ wieder ausgespuckt hast. Traumatisiert scheint’s Dich nicht zu haben – Du hast danach sofort begeistert weitergelutscht!!

19. September (fast 1⁄2 Jahr alt)

Der Knaller des Tages: Wir setzten Dich zum ersten Mal, mit einem dicken Kissen im Rücken und zwei kleinen zu Deinen Seiten, in Deinen neuen Hochstuhl mit integriertem Tisch!! Du kannst Dich, so ordentlich abgestützt, schon sehr gut aufrecht und gerade halten, und so trauten wir es uns kurz – sehr zu Deinem Vergnügen! Für Dich gab’s heute Kartoffeln, und Du hast, außer auf Deiner gesamten Tischplatte, auf Deinem „Schutzanzug“ (einem Lätzchen mit langen Armen, sehr praktisch), auf Deiner Hose und auf dem Boden, auch einige Stücke nachhaltig in Deinem Gesicht verteilt, manche landeten sogar in Deinem Mund! Das Meiste hast Du dann wieder ausgespuckt, aber ein paar Stückchen auch heruntergeschluckt. Und danach hast Du stolz wie Bolle aus Deinem knallroten Doppelhenkelbecher getrunken – Mann, hat Dir das Spaß gemacht, „so wie wir“ zu essen und zu trinken!

26. September (6 Monate + 3 Tage alt)

Heute Morgen habe ich mal probehalber einen Brei-Versuch gestartet – gar nicht Deine Welt! Pffföööööhhh hast Du gesagt und alles wieder ausgespuckt, höflicherweise nur auf Dein Lätzchen. Und eben zum Abendessen hab ich Dir etwas Kürbis püriert, einfach aus Neugier – offensichtlich auch nicht Deine Tasse Tee. Mit dem Löffel hantieren macht Dir Spaß, aber die breiige Konsistenz scheint Dir suspekt. Wir bleiben also geduldig beim Fingerfood.

27. September (6 Monate + 4 Tage alt)

Irgendwie denke ich, dass wir doch noch eine andere Lösung finden müssen, Dich satt zu kriegen: Auf einmal „zwischenmeldest“ Du Dich wieder nachts, Hilfe!! Heute um 3h, ich konnte es erst gar nicht glauben und habe Dir drei- oder viermal den Schnuller wieder in den Mund gesteckt, in der festen Annahme, dies sei der Grund Deiner Beschwerde! Dann um 6.20 h. Und um 11 h hattest Du schon wieder Hunger, sonst war das immer gegen 12h in letzter Zeit! Dann um 14h, um 17h und um 19.30h. Und jetzt das Bedrohlichste: um 22.30h! Eben gerade! Und diese Strecke, vom Ins-Bett-Gehen bis Mitternacht, hast Du bisher immer durchgeschlafen, seit Du Deinen Rhythmus gefunden hast! Ich muss morgen früh unbedingt Eva kontaktieren, vielleicht muss ich Dir doch noch irgendwas nahrhaft Milch-Getreidiges servieren? Gar Milchpul- ver kaufen? Sonst tobst Du bald vor Hunger! Aber Brei trifft wirklich nicht Deinen Geschmack – ein zweites Zwieback-Matsch-Angebot (ich dachte, vielleicht mochtest Du’ s nur gestern nicht ...) hast Du nach dem ersten Löffel grimmig abgelehnt. Und dann nach kurzer Überlegung laut und deutlich „Kraut“ gesagt?!?

28. September (6 Monate + 5 Tage alt)

Heute sieht die Welt schon wieder ganz anders aus – sehr interessant, wie doll ich doch immer wieder (vor allem abends, wenn müde!) beeinflussbar bin bzw. immer noch nach anderen Wegen oder Gangarten suche, um dann letztendlich in einer Art Ausschlussverfahren die meine finde. So dachte ich ja gestern Abend noch recht verzweifelt, dass es sinnvoll oder vielmehr doch notwendig sei, zuzufüttern. Zugegeben, hab mich auch mal wieder kreuz und quer durchs Internet gekämmt. Nicht gut. Besser: Eva fragen! Und die sagt: Es besteht kein Grund zur Annahme, dass Du Hunger leiden musst, da ich ja ausreichend Milch für Dich produziere, sobald Du – wohl wachstumsschubbedingt – neue Extra-Mahlzeiten einführst. Ich kann also in aller Ruhe weiterstillen und Dir nebenbei das Essen näherbringen, was Dir ja auch irrsinnigen Spaß macht.

29. September (6 Monate + 6 Tage alt)

Neuer Tag, neues Essensglück: Heute hast Du begeistert mit mir „gefrühstückt“! Ich hab Dir auf Deine Butterbrotstücke ohne Rinde einfach aus einem Obstgläschen pures Birnenmus gestrichen – Du hast daran genuckelt wie eine Wilde – und auch tatsächlich einige Stückchen geschluckt, Wahnsinn! Du brauchst scheinbar immer ein wenig Bedenkzeit, bis Du loslegst – gerade, als ich Dich wieder aus Deinem Stuhl heben wollte, weil ich dachte, dass Du Dich nicht fürs Essen interessierst, fingst Du an, engagiert ein Stück zu fassen zu bekommen!

23. Oktober (7 Monate alt)

Du bist jetzt 7 Monate alt, mein Kind, und wirst immer virtuoser bei Deinen Essmanövern, wie ich finde – obwohl je nach Tagesform doch auch immer noch gerne das Handtuch unter Deinem Stuhl, Deine Hose oder auch Deine Haare eingesaut werden ... Morgens gerne Dein „Marmeladenbrot“, je nach Laune zwei bis drei Stückchen, heute Mittag zwei ganze Fusilli mit etwas Tomatensoße, und heute Abend hast Du das erste Mal Fleisch probiert! Von meinem Rinderfilet hab ich Dir zwei Streifen abgeschnitten, die Du mit Inbrunst ausgezuzelt hast – am Ende sahen sie völlig grau und zusammengeschnürt aus! Dazu hast Du noch ordentlich Blumenkohl verputzt, bestimmt zwei Röschen, und warst stolz wie Bolle, dass ich sie Dir vorher in unsere (keine Angst, salzarme!) Soße getunkt habe!

28. Oktober (7 Monate + 5 Tage alt)

Du isst wie eine Wilde. Deine Bilanz heute: zum Frühstück zwei recht große Melonenschiffchen. Mittags im Dudu (asiatisch): eine kleine Ecke von meinem Lachsfilet, etwas Avocado und drei Gurkensticks aus der Sushi-Theke (Spezialorder für Dich!!). Nachmittags: drei Stücke Apfel aus meinem Kuchen (schön mat- schig, super für Dich). Und zum Abendessen eineinhalb Kirschtomaten (alles bis auf die Haut, die spuckst Du fein säuberlich abgelöst wieder aus!), ein Stück Brie und eine Ecke Butterbrot. Dein Stillappetit wird allerdings noch nicht merklich weniger – wann das wohl kommt? Aber wir haben ja erst vor knapp 2 Monaten angefangen.

16. Dezember (fast 9 Monate alt)

Frühstück im Café: ein halbes Croissant! Und heute Abend, als es Lachs aus dem Ofen und Grilltomaten gab, hast Du richtig viel gegessen, sodass Du beim Stillen um 20 h merklich weniger getrunken hast! Überhaupt habe ich das Gefühl, dass Dein Stillappetit jetzt immer weniger wird über den Tag.

19. Dezember (fast 9 Monate alt)

Ein Ausflug zum Mittagessen ins arabische Restaurant um die Ecke: Stolz wie Bolle saßt Du zwischen Papa und mir auf der Bank und hast große Mengen Fladenbrot mit Hummus verspeist.

30. Dezember (9 Monate + 7 Tage alt)

Es bahnte sich die letzten Tage schon an, und jetzt ist es tatsächlich einfach so passiert. Nach einer ersten Morgen-Stillrunde um 8 h hast Du den ganzen Tag über bei allen Haupt- und Zwischenmahlzeiten so viel gegessen, dass Du selbst gar nicht geschimpft hast aus Milchhungergründen – und so habe ich wirklich erst am späten Nachmittag gemerkt, dass wir bis zu diesem Moment kein einziges Mal mehr gestillt haben! Na so was! Und nachts stille ich Dich jetzt auch nicht mehr. Vor einiger Zeit haben wir ja die 3h-Runde wieder abgeschafft (Papa hat sich einfach lieb um Dich gekümmert und mit Dir gekuschelt, wenn Du gequengelt hast), und jetzt lassen wir seit 2 Tagen auch den Mitternachtstermin aus – in der ersten Nacht hast Du Dich noch gewohnheitshalber gemeldet, bist aber schon nach kurzem Trösten wieder eingeschlafen, und heute Nacht wurdest Du schon gar nicht mehr wach – das ging wirklich einfacher, als gedacht!

1. Januar (9 Monate + 9 Tage alt)

Zum Jahresbeginn sieht Dein durchschnittlicher Tagesbedarf folgendermaßen aus:

8 h Stillung

9h Frühstück – etwas Müsli magst Du gerade gerne, etwas Brot mit Butter und „Mar- melade“, etwas Brie und ein Glas Wasser

11.30 h meist die zweite Hälfte Müsli und etwas Obst

13.30h Mittagessen mit uns (Nudeln, Fleisch, Kartoffeln, Risotto, Gemüse, Fisch – was auch immer wir essen)

16.30h ca. ein halbes Obst-Getreide-Gläschen

18 h Stillung

19h Abendessen: Brot, Brie, Gurke, Tomate, manchmal Omelette etc. und vorm Ins-Bett-Gehen noch mal stillen. Nicht schlecht, oder?

10. Januar (9 1⁄2 Monate alt)

Dein neuer persönlicher Rekord in Sachen Mittagshunger: 20 Penne mit Tomatensoße und Parmesan.

12. Januar (9 1⁄2 Monate alt)

Eine Premiere: Du warst das erste Mal mit Papa über Nacht alleine, ich war in Hamburg und kam erst heute Morgen ganz früh wieder. Du hast zum ersten Mal eine Milchpulver-Flasche zum Einschlafen bekommen (Pre-Milch) und sie hat Dir wohl sehr gemundet! Weswegen wir das heute Abend wieder gemacht haben. Klappte hervorragend, auch von mir hast Du sehr gerne die Flasche genommen. Die 18 h-Runde hast Du mit Papa auch ausgelassen, obwohl ich sogar extra noch abgepumpt hatte, aber da Du vergnügt zu Abend gegessen hast, gab es wohl keinen Bedarf. Jetzt stille ich Dich also nur noch einmal morgens – das wird ja rasant weniger! Heute Abend wurdest Du immer quengeliger und hattest auf einmal 38,8 °C Fieber. Jetzt geht es wohl richtig los mit den Zähnen

13. Januar (9 1⁄2 Monate + ein paar Tage alt)

Du bist recht unleidlich und fährst Dir immer mit der Zunge über das untere Zahnfleisch, das auch schon sehr rot und geschwollen ist – wir erwarten stündlich den Durchbruch! Aber Du isst weiterhin ordentlich. Den Appetit hat Dir die blöde Zahnerei also nicht verdorben!

15. Januar (fast 10 Monate alt)

Ein Zähnchen! Ein Zähnchen ist zu sehen, nur die alleroberste Spitze, aber immerhin!

24. Januar (10 Monate + 1 Tag alt)

Ich glaube, die Stillerei haben wir hinter uns gelassen, mein Mädchen. Heute Morgen haben wir Dir das erste Mal beim Aufwachen eine Flasche serviert, die Du an uns gekuschelt getrunken hast. Du warst sehr zufrieden damit! Ob das jetzt so bleibt?

25. Januar (10 Monate + 2 Tage alt)

Tag 2 ohne Stillen, Du meinst es wohl wirklich ernst damit! Genau 10 Monate auf dieser Welt, bist Du eine geschmacklich breit aufgestellte und sehr vergnügte Esserin geworden, und das ohne Zähne! Ich finde, wir haben das zusammen ganz schön gut hingekriegt, oder? Mir hat das Experiment jedenfalls sehr großen Spaß gemacht, und ich denke, ich kann mit Schwung notieren: Dir auch!! (…)

Das Fazit

Geschafft: ein komplett fertiger, kleiner Selbstesser!

Unsere Nahrungseinführung ist nun seit 2 1⁄2 Jahren vorbei, das Mädchen zählt schon erstaunliche 3 Lenze und ich kann Ihnen jetzt zum Abschluss noch ein erstes Resümee liefern: Karlines grundsätzliche Aufgeschlossenheit gegenüber neuem Essen und Geschmack hat sich phasenweise sehr verabschiedet – die Selbstesservariante generiert also auch keinesfalls und zwingend einen kleinen, neugierigen Gourmet, der immer fröhlich nach neuen geschmacklichen Abenteuern sucht. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, sie letztlich nur noch und ausschließlich mit Penne Napoli oder Obst begeistern zu können. Alles andere „hab ich einmal pobriert, aber mag es nicht, Mama. Wirklich nicht“.

Das ist die einzige »Übergriffigkeit«, die ich mir in ihrem Speiseplan erlaube: Ich bestehe darauf, dass sie alles neu Angebotene zumindest einmal probiert. (...) Das Gute ist: Ich weiß, dass ich darauf vertrauen kann, dass sie isst, wenn sie wirklich Hunger hat. Und so traue ich mich mittlerweile auch, ihr zu erklären, dass das soeben Servierte die aktuell einzige Möglichkeit sei, zu essen, und gehe nicht auf ihre alternativen Bestell-Wünsche ein. Dann halte ich das Hungergequengel bis zur nächsten Hauptmahlzeit aus. Generell habe ich das Gefühl, dass feste Essens- und auch „Snack“-Zeiten sehr sachdienlich wirken: Dazwischen gibt’s nichts, auch nicht mal eben am späten Nachmittag auf dem Weg nach Hause, selbst wenn wir an unserem Stamm-Kiosk vorbeikommen – sonst ist es ja nur allzu verständlich, dass die Gemüsesuppe beim Abendessen keinen Gefallen findet, wenn vorher 17 Gummibärchen ihren schwungvollen Weg in den Magen antraten. (...)

Momentan befinden wir uns wieder in einer hochexperimentellen Phase. Mutig wird am Tisch Neues auf den Teller geordert. Monatelang landeten wir z.B. mit Käse keinen Stich bei ihr – seit ein paar Tagen mag sie auf einmal „gepfefferte“ Varianten, Gruyre oder auch Appenzeller! Ich denke wirklich, das werden Sie inzwischen zur Genüge bemerkt haben, dass jedes Kind so individuell is(s)t, dass man hier nichts über einen Kamm scheren kann – nur indem man rechtzeitig und immer wieder die Möglichkeit eines vielfältigen Geschmackserlebnisses offeriert und dabei vor allem geduldig und offen bleibt, kann man ihm helfen, sich auf seine Weise und in seinem eigenen Tempo die wunderbare Welt der Nahrung zu erobern.

Der hier gedruckte Text ist ein Auszug aus folgendem Buch: Loretta Stern, Eva Nagy: Einmal breifrei, bitte! Die etwas andere Beikost. Kösel Verlag, 15,99 Euro