Interview

„Kinder bekommen viel mehr mit, als ihre Eltern vermuten“

Therapeutin Verena Delle Donne über Familiengeheimnisse

Kinder, die in die Welt gesetzt werden, wissen zunächst gar nichts von der Historie ihrer eigenen Familie. Sie lernen die Koordinaten Mama und Papa kennen, Gut und Böse zu unterscheiden, dass sie bei Rot stehen und bei Grün gehen dürfen. Aber irgendwann reicht das Entweder-Oder nicht mehr. Kinder, deren Eltern in Kriegen, in Diktaturen, in traumatischen Situationen gelebt haben, fragen sich häufig, ob sie überhaupt fragen dürfen. Mit der Berliner Psychologin und systemischen Therapeutin Verena Delle Donne sprach unser Autor Frédéric Schwilden.

Berliner Morgenpost:

Gibt es einen moralischen Imperativ, der Eltern dazu verpflichtet, mit ihren Kindern über ihre Vergangenheit aus Krieg oder Diktatur zu sprechen?

Verena Delle Donne:

Aus menschlicher Sicht sollte man niemanden zu etwas verpflichten. Häufig sind diese Menschen traumatisiert, sie haben etwas verdrängt. Sie wollen und können sich nicht mehr erinnern und wenn, dann sind diese Erinnerungen mit Scham behaftet. Andererseits sind solche schwelenden Prozesse für die ganze Familie belastend. Sowohl für die Eltern als auch für die nachfolgende Generation. Gerade wenn die Elterngeneration schon tot oder dement ist, kann man als Nachfolgegeneration nur noch eigene Forschungen anstellen. Man darf seine Eltern nicht zwingen, etwas zu erzählen.

Hat die nachfolgende Generation denn wenigstens das Recht auf Frage?

Ja, es ist sogar sehr sinnvoll, zu fragen. Gerade bei Geheimnissen innerhalb der Familie, wenn es zum Beispiel um Vergewaltigungen oder ungewollte Schwangerschaften geht. Aber auch als Fragender ist es schwierig, sich damit auseinanderzusetzen. Geheimnisse werden meistens sowieso indirekt wahrgenommen. Kinder bekommen viel mehr mit, als es ihre Eltern vermuten. Sie wissen es häufig auf einer Art anderen Ebene.

Wie fragt man denn? „Du Papa, warst Du ein Nazi?“ oder „Hast Du als IM Deine Freunde verraten?“

Delle Donne: Ja, direkt. Sicherlich sollte man bemüht sein, das Gespräch in einem ruhigen Moment zu suchen. Sich vielleicht zunächst generell erkundigen. „Wie war das denn damals?“, „Wie standest Du zu dem System?“ und dann kann man sich dem konkreteren „Musstest Du auch schießen?“ annähern.

Auf dem evangelischen Kirchentag 1969 tötete sich der Vater der Journalistin Ute Scheub mit einer Zyankalikapsel. Kurz davor grüßte er noch die ehemaligen Kollegen von der Waffen-SS. Warum hat das vom Ende des Krieges bis 1969 gedauert?

Nach 45 war eine ganze Generation traumatisiert. Ein Trauma entsteht immer dann, wenn ich selbst oder ein nahestehender Angehöriger vom Tod bedroht ist, oder wenn ich es mit ansehen muss, wie bei einem Zugunglück zum Beispiel. Der Krieg ging durch die ganze Gesellschaft. Allerdings konnte nach 45 kaum einer darüber sprechen. In der „Blechtrommel“ ist das sehr schön beschrieben, wie sich die Leute nach dem Krieg im Zwiebelkeller zum Zwiebelschneiden treffen, damit sie mal weinen können. Die Menschen haben sich nach den traumatischen Erlebnissen so verhärtet, damit sie noch funktionieren konnten. Sie mussten die Republik wieder aufbauen.

Soldaten wurde früher gesagt „Lerne schweigen, ohne zu platzen“. Obwohl die Bundeswehr inzwischen Psychologen einsetzt, stiegt die Zahl der Fälle von posttraumatischer Belastungsstörung seit 2006 von 83 auf 1143 im Jahr 2012. Was kann man dagegen tun?

Ein guter familiärer Rückhalt ist besonders wichtig, gemeinsam darüber zu sprechen. Wir schicken gesunde Menschen in den Krieg und sie kommen krank zurück. Man sollte das nicht verharmlosen. Die Soldaten werden vom Tod bedroht, ihre Familien auch indirekt, aber sie werden darauf nicht vorbereitet.

Können unverarbeitete Traumata der Eltern- oder Großelterngeneration an die eigenen Kinder vererbt werden?

Genetisch vererbt nicht. Aber wo es Geheimnisse gibt, gibt es auch Folgen. Wenn die eigene Mutter schlimme Erfahrungen für sich behält, beeinflusst sie das in ihrem Handeln. Bewusstsein kann nicht vererbt, wohl aber unterbewusst durch Handeln oder Sprechen weitergegeben werden. Wie man miteinander kommuniziert, welche Bedürfnisse bei den Eltern erfüllt wurden und welche nicht. Elterngenerationen versuchen häufig, Bedürfnisse, die sie sich nicht erfüllen könnte, durch ihre Kinder zu kompensieren. Sie wurden selbst nicht geliebt, dann machen Sie sehr viel mit den eigenen Kindern. Es kann aber auch ins Gegenteil umschlagen.

Wie setzen Sie mit einer systemischen Therapie denn an, wenn der eigene Vater, oder die Mutter nicht mehr sprechen wollen, es mich aber selbst sehr belastet?

Ich setze bei Ihnen an. Was brauchen Sie? Was fehlt Ihnen? Sind die Eltern noch verfügbar, können wir sie mit einbeziehen, durch Vorbereitung, oder dadurch, dass sie aktiv an der Therapie teilnehmen, Sie begleiten. Geht das nicht mehr, arbeiten wir anders. Es mag sich gespielt anhören, es ist aber wirklich hilfreich, sich vorzustellen, der Stuhl vor Ihnen, oder der Therapeut, der in diese Rolle schlüpft, ist ein Elternteil. Dann können Sie darüber mit ihm reden. Es geht um die inneren Eltern. Nicht um den realen Vater, oder die reale Mutter, die es noch gibt. Es geht darum, was hat Ihnen gefehlt? Inwiefern haben Ihnen Ihr Vater oder Ihre Mutter geschadet? Die konkrete Ursache ist aber nicht so wichtig. Das kann man natürlich in Akten herausfinden. Was haben er oder sie im Krieg gemacht? Wichtig ist, dass sie die daraus resultierende nicht erfüllte emotionale Komponente erkennen. Da muss man als Erwachsener für sein inneres Kind sorgen. Was hätten mir meine Eltern damals geben müssen, damit es mir heute gut gehen würde. Die realen Eltern können das aber meist aber nicht mehr. Diese versagten Bedürfnisse sollten Sie sich aber nicht woanders holen. Nicht bei den eigenen Kindern, nicht in der Partnerschaft. Der Partner kann nicht den Vater oder die Mutter ersetzen.