Dinge des Lebens

Mit dem Igel durch die Welt

Irene Seidel-Beck, 72 Jahre, Rentnerin aus Groß Glienicke

Das Filzhöschen ist abgewetzt, sodass die Pobacken hindurchblitzen. Auch die Haarpracht von Irene Seidel-Becks Hörzu-Mecki weist kahle Stellen auf. Eine Zebrafinkenfeder ziert das Haupt des Igels stattdessen. Es wird offensichtlich, er ist viel rumgekommen. „Abgesehen von Australien kennen wir alle Kontinente. Wir waren im afrikanischen Busch, in etlichen Nationalparks, und das immer auf eigene Faust. Da musste man schon ein bisschen wachsam sein“, sagt Irene Seidel-Beck. Reisen, das sei für sie gleichbedeutend mit Freiheit. Sie spricht leise, aber bestimmt. Unbehagen strahlt die 72jährige Rentnerin nur aus, wenn sie über ihre frühe Vergangenheit spricht.

Im Jahr 1949 erklärte die Fernsehzeitschrift Hörzu den Mecki zu ihrem Maskottchen. Der kleine Igel entsprang einst den Köpfen der Gebrüder Diehl für die Bebilderung des Grimm-Märchens „Hase und Igel“. In den folgenden Jahren erlangte er in Deutschland Kultstatus und Fans konnten Comics, Trickfilme und Mecki-Puppen erstehen. Bis Irene Seidel-Beck ihrem Mecki das erste Mal durch das zottlige Haar streichen konnte, dauerte es eine Weile.

Abhauen mit dem Rucksack

Sie wuchs in der DDR auf. Auch dort kannte man den Mecki, wenn auch nur in seiner zweidimensionalen Form, denn eine Mecki-Puppe gehörte zu jenen Dingen, die nur durch gute Beziehungen in den Westen zu bekommen waren. So reihte sich der Mecki in eine Reihe von Wunsch-Träumen ein, die Irene Seidel-Beck als Teenagerin umtrieben. Freiheit war noch so ein Thema. Sie fühlte sich in der DDR eingeengt, hatte keine Lust auf die Jungpioniere, sehr zum Ärger ihrer Lehrer. „Ich habe alles hinterfragt. Für mich war es immer wichtig zu wissen, warum ich bestimmte Dinge tun soll, und was sie bringen.“ Sie flog von der Schule. „Politisch untragbar“ lautete die schriftliche Begründung der Lehranstalt. In den Sommerferien im August 1956 machte Irene Seidel-Beck mit ihren Eltern einen Ausflug nach Berlin. Einen Rucksack und ihre Schildkröt-Puppe hatte sie dabei. Es sollte ein längerer Ausflug werden, aber das durfte vor allem an der Grenze niemand erfahren, denn tatsächlich hatte man den sich entschlossen abzuhauen, wie man das damals nannte. Die Flucht gelang und zum ersten Weihnachtsfest hatte die damals 15jährige nur einen Wunsch: ein Hörzu-Mecki sollte auf ihren Gabentisch liegen. Der kleine Körper mit dem wuscheligen Kopf und der Stupsnase hätten es ihr angetan. Am Weihnachtsabend ging ihr Wunsch in Erfüllung, und die Freudentränen flossen.

Symbol der Selbstbestimmung

Die Neuberlinerin baute sich ein Leben im Westen auf, arbeitete lange in der Medizin und führte später ein Hotel im Wedding. Mit Anfang 30 nutzte sie ihre neuen Privilegien und reiste nach Südafrika. Die ganze Welt wollte sie sehen, solange sie jung war, sagt sie. Das Entdecken anderer Lebensweisen und Meinungen stillte ihren Durst nach Pluralität, den die DDR bei ihr hinterlassen hatte. Mit einem reinen Strandurlaub könne man der Entdeckerin daher keine Freude machen. Der Mecki im Gepäck, als Symbol der zurückgewonnenen Selbstbestimmung, wurde zum festen Bestandteil und begleitete sie auch auf allen folgenden Reisen. Er war Gesprächspartner, wenn der Frust groß und die Gesprächspartner rar waren. Oder zum gefühlten Beschützer, wenn die Reisen gar zu abenteuerlich wurden. „Wenn Sie in den 70er-Jahren durch den afrikanischen Busch gefahren sind, konnte es schon passieren, dass Sie am nächsten Morgen keine Reifen mehr an Ihrem Land Rover hatten.“ Angst hatte sie dennoch nie. Nicht selten wurde die kleine Puppe, die am Zielort angekommen stets auf dem Nachttisch wachte, selbst zum Gesprächsthema. Einmal pausierte Irene Seidel-Beck im Nirgendwo eines Nationalparks in der Nähe von Houston, Texas. Vorn im Mietwagen lag der Mecki und erregte die Aufmerksamkeit einer Frau. Sie entpuppte sich als Düsseldorferin, die selbstverständlich mit dem Mecki vertraut war, und bescherte Irene Seidel-Beck einen netten Pausenschnack.

Im Flugzeug reist der Mecki natürlich per Handgepäck im verschalten Kosmetikköfferchen. Man wisse ja, wie mit den Koffern umgegangen werde. Für „Zeck“ sorgte er nur einmal, als Frau Seidel-Beck nach Israel einreisen wollte. Als Versteck für Verbotenes aller Art bezichtigten ihn die Zollbeamten. Durch ausgiebiges drücken, drehen und wenden konnte Schlimmeres verhindert werden, vor allem für die Zollbeamten, denn Frau Seidel-Beck wäre zum Schutz ihres Reisebegleiters notfalls auch „rabiat“ geworden.

Der Igel in der Wiege

So sehr wie es die ehemalige Hotelmanagerin immer wieder in die Ferne lockte, aus Berlin wegziehen wollte sie nie. „Berlin war immer meine Welt. Solange Berlin die Mauer hatte, war es etwas Besonderes. Die Berliner sind ein besonderes Völkchen“, sagt Irene Seidel-Beck. Eingesperrt hätte sie sich hier nie gefühlt, auch nicht vor der Wende.

Heute lebt sie zusammen mit ihrem Lebenspartner und einem Bobtail in einem Haus im Umland von Berlin. Sie habe den Mief und den Lärm des Kaiserdamms nicht mehr ausgehalten. Reisen tut sie immer noch, allerdings mit Vorliebe ins gar nicht so entfernte Bayern. Hier pflege man noch Traditionen, das gefällt Frau Seidel-Beck. Der Mecki wohnt in einer kostbaren, bemalten Holzwiege von 1820, zusammen mit der Schildkröt-Puppe. Im Schlafzimmer von Frau Seidel-Beck bleibt er seiner Aufgabe treu und wacht über ihren Schlaf.

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