Geschichte

Mein Vater, der Spion

Wie lebt man mit der Vorgeschichte der eigenen Eltern? Klaus Schulz-Ladegast weiß es genau: Er wurde als Staatsfeind verhaftet – wegen seines Vaters

In seinem Lichterfelder Vorgarten blühen die Blumen. Ein verwinkelter Steinweg führt in ein helles Zimmer mit Holzboden. Klaus Schulz-Ladegast sitzt in einem Ledersessel. Er ist Rentner. Und doch arbeitet er jeden Tag. Er arbeite seine Vergangenheit auf. Und die seines Vaters.

Mit 20 Jahren wurde Schulz-Ladegast als Staatsfeind der DDR verhaftet. Das war 1961. Drei Jahre und vier Monate saß er ein. Erst Untersuchungshaft in Hohenschönhausen, danach drei Monate Einzelhaft in der Stasi-Zentrale in der Magdalenenstraße. Danach Rummelsburg, Waldheim und Torgau. Verhöre, psychische Folter, unzureichende Hygiene und mangelnde Verpflegung gehörten zu seinem Haftalltag. Schulz-Ladegast selbst ist aber nie Oppositioneller gewesen. Inhaftiert wurde er, weil sein Vater als Informant für den Bundesnachrichtendienst agiert hatte.

In Lichterfelde zückt der 72-Jährige in Jeans und blauem Hemd sein Smartphone. Das Interview, das wir mit ihm führen wollen, will er aufzeichnen. „Ich dokumentiere ganz viel. Einfach um meinen eigenen Verarbeitungsprozess nachvollziehen zu können.“ Er nippt an seinem Wasser. „Ich will genau wissen was war, um vergessen zu können“, sagt er – und dann noch: „Ich glaube, einen anderen Weg gibt es nicht.“

Im Jahr 1960, kurz vor seiner Verhaftung, sei Berlin die faszinierendste Stadt der Welt gewesen. „Wo sonst konnte man den westlichen und den östlichen Entwurf Deutschlands so nah beieinander erleben und sich in einer Stadt in zwei Systemen bewegen?“, erzählt der gebürtige Schöneweider.

Nach seiner Ausbildung zum Chemielaborant im Osten wollte Schulz-Ladegast im Westen sein Abitur nachholen. „Ich war volljährig. Mein Vater konnte es mir nicht mehr verbieten und ich wollte studieren.“

Als junger Mann verbrachte er damals viel Zeit am Berliner Ensemble, schaute sich Stücke und Proben an. „Ich wollte Theatermensch werden und Literatur studieren.“ Hinter der Ausbildung zum Chemielaborant habe er persönlich nie gestanden. Aber „Chemie“ bedeute Wohlstand, habe es in der DDR geheißen. Und sein Vater habe es ihm verboten, die Ausbildung abzubrechen. „Was man anfängt, das zieht man auch durch“, lautete seine Devise.

Schulz-Ladegast sagt, er sei nie Fan der DDR gewesen, aber er habe sie gegenüber dem Westen doch bevorzugt. „Die Kommunisten waren Lügner. Aber die Westler lügen auch“, hatte der junge Mann damals für sich befunden. „Die DDR wirkte auf mich wie das geringere Übel.“ Bei der Freien Deutschen Jugend oder den Jungen Pionieren sei er aber dennoch nie gewesen. Er habe immer nur so viel für den Staat getan, wie gerade notwendig war.

Nach seinem West-Abitur zog Schulz-Ladegast zurück in den Osten, zurück in sein Elternhaus. Es sollte nur vorübergehend sein. Denn er war verliebt und wollte sich bald verloben. Die Ringe hatte er bereits gekauft. Aber aus seinen Plänen sollte nichts werden. Am 19. August 1961 wurde Schulz-Ladegast verhaftet. „Staatssicherheit. Kommen Sie mit.“ Diese Worte hätten sein Leben durchtrennt, sagt er. Ohne Ankündigung. Ohne jede Vorahnung. Sein Vater war wenige Stunden vor ihm verhaftet worden.

„Ich erinnere mich noch genau an die Szene, als uns der BND-Mann zum ersten Mal besuchte“, sagt Schulz-Ladegast. Wie sich sein Vater und der Fremde die Hände schüttelten, er habe es noch genau vor Augen. Er habe dann seine Tante besucht und dort später seinen Vater getroffen. Außer Hörweite der Tante, habe er ihm schließlich erzählt, was der BND ihm angetragen habe. Er solle Informant werden und sich so aktiv für die Wiedervereinigung einsetzen.

Eine folgenschwere Entscheidung

Schulz-Ladegast riet seinem Vater von der Informanten-Tätigkeit ab. „Aber wenn du einwilligst, dann sieh wenigstens zu, dass es darüber nichts Schriftliches gibt“, habe er zu ihm zu Bedenken gegeben.

Dass die Entscheidung seines Vaters Einfluss auf sein Leben nehmen könnte, hatte er damals nicht geahnt. „Nein“, sagt er heute auf seinem Ledersessel in Berlin-Lichterfelde entschieden. Er setzt die Füße auf dem Parkettboden auf, beugt sich vor: „Und warum der BND ausgerechnet meinen Vater gewollt hat, das weiß ich bis heute nicht. Ich will es aber herausfinden.“ Vor einem Monat habe er dem BND eine Anfrage gestellt. Bisher aber keine Antwort erhalten. Der Rentner kann über die Beweggründe seines Vaters nur Vermutungen anstellen. „Er war absolut Anti-DDR eingestellt. 1952 hatte er eine Ausbildung als Lehrer angefangen. Da er aber als engagierter Christ aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen war, wollte er in der DDR nicht lange unterrichten. Als Christ in einem atheistischen Schulsystem lehren, das konnte er nicht.“ Aus den Stasi-Akten seines Vaters erfuhr Schulz-Ladegast: Der BND-Mann konfrontierte seinen Vater mit dem Eid, den er 1936 als Berufssoldat auf Adolf Hitler geleistet habe. Seine Schuld würde ihn nun dazu verpflichten, sich aktiv für die Wiedervereinigung Deutschlands einzusetzen.

„Dass mein Vater diesen Eid geleistet hatte, hatte ich zuvor entweder vergessen oder einfach nie wahrgenommen“, sagt Schulz-Ladegast heute. Der Eid sei für ihn nach wir vor etwas Unvorstellbares. Er macht eine Pause. „Mein Vater war kein Akademiker“, fährt er fort. „Mein Vater war Kind einer politisch deutsch-nationalen Familie und ist nach seiner Lehre zum Elektromonteur Berufssoldat geworden.“ Stille. Über den Krieg haben Vater und Sohn nie geredet. „Es war auch völlig normal damals, dass man danach nicht gefragt hat“, glaubt Schulz-Ladegast. Durch seine mittlerweile zehnjährige Recherchearbeit weiß er: Seine Familie ist kein Einzelfall. Viele Familien klammerten das Thema Krieg nach dessen Ende aus. „Zur Ausbildung eines Soldaten gehörte auch die Weisung, dass man über Befindlichkeiten nicht reden sollte.“

Als Werner Schulz und sein Sohn sich nach der Haft nach über drei Jahren wiedersahen, herrschte wieder Schweigen. „Er hat sich nicht dafür entschuldigt, dass sein Entschluss uns beide ins Gefängnis gebracht hat“, sagt Schulz-Ladegast: „Auch über seine Beweggründe für den BND zu arbeiten, haben wir nie geredet.“ Heute bereut der Sohn das Schweigen. Erinnerungen an seinen Vater und seine Inhaftierung schreibt er nieder. Eines Tages sollen seine Aufzeichnungen ein Buch werden.

In einem Auszug übertitelt mit „Das letzte Wort“ schreibt er sein Vater habe nicht „Schön, dass du da bist“ gesagt, als sie sich wiedersahen. Aber Freude und Zuwendung hätten sich in seinem Gesicht widergespiegelt. „Es hat damals ein kurzes Gespräch darüber gegeben, was wir im Knast gemacht haben“, erinnert sich Schulz-Ladegast auf dem Ledersessel: „Er hat mir erzählt, er sei Betriebselektriker in einem Zuchthaus in Brandenburg gewesen.“ Mehr hat er nicht erfahren.

War der Sohn je wütend auf seinen Vater? Schulz-Ladegast lacht. Schallend. Sein Ledersessel dreht sich unter seinen Lachsalven, schwenkt auf seiner beweglichen Achse von links nach rechts. „Meine Frau ist auch ganz entschieden der Meinung, ich müsste wütend auf meinen Vater sein“, sagt er. Seine Frau ist Psychotherapeutin. Das lichte Zimmer mit den Ledersesseln ist ihr Arbeitszimmer. Er beugt sich vor. „Aber nein. Ich war nie wütend. Und ich liebe meinen Vater noch immer.“

Verdrängung der Hafterfahrung

In den Jahren nach seiner Haft beschäftigte sich Schulz-Ladegast nicht mit dem, was ihm widerfahren war. Er versuchte zu studieren. Aber ein Studium in der DDR wurde ihm verwehrt. „Sie sind nicht würdig, an einer Hochschule der DDR zu studieren“, heißt es in dem Ablehnungsbescheid. Der Berliner zog von Berlin nach Berlin, von Treptow nach Kreuzberg. Studierte an der Freien Universität, arbeite danach als Bildungsreferent in verschiedenen politischen Organisationen. Seine jüngere Schwester brach den Kontakt zu ihm ab. „Sie gibt mir die Schuld für die Inhaftierung des Vaters.“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich habe heute intensiven Kontakt zu ihrem Sohn. Weder er noch ich können erklären, warum sie die Dinge verkehrt herum sieht.“ Der gemeinsame Vater erlebte die Wiedervereinigung nicht. 1983 starb er an Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Ich hielt bis zu seinem Tod Kontakt zu ihm. Das ist doch selbstverständlich“, sagt der Sohn.

1990 wurde Klaus Schulz-Ladegast selber Vater. Zehn Jahre später erkranke seine älteste Tochter an Sklerodermie. Eine autoimmune Bindgewebskrankheit, bei der sich die Haut vernarbt und verhärtet. Die Ursachen der Krankheit sind nicht vollständig erforscht. Schulz-Ladegast las seinerzeit einen Artikel über Traumata und deren Folgen für die nachfolgende Generationen. Die These, dass es Erbkrankheiten geben könnte, die durch nicht verarbeite Erfahrungen der Eltern entstehen, ließ ihn nicht mehr los. Was wäre, wenn er für die verhärtete Haut seiner Tochter verantwortlich wäre? Schulz-Ladegast beschloss, sich mit der bis dahin verdrängten Vergangenheit auseinandersetzen.

Waldheim, Torgau, Rummelsburg und Hohenschönhausen. Er besuchte die Gefängnisse in denen er inhaftiert war. In der Gedenkstätte Hohenschönhausen führt er schließlich Besucher durch das Gefängnis. „Als ich Hohenschönhausen das erste Mal wieder betrat, konnte ich mich gerade noch an die Schleuse erinnern. Der Rest schien mir fremd“, sagt er und macht dann eine Pause: „Aber während der Führungen sind plötzlich die Erinnerungen wiedergekommen. So stark, dass ich sie jetzt hier vor meinem inneren Auge abrufen kann.“

Seine Zelle in Hohenschönhausen habe er sich mit einem Herrn Seiler geteilt. Dieser habe ihn alles über den Krieg erzählt, was er seinen Vater nie zu fragen gewagt hatte. „Die Zeit, in der ich die Führungen gemacht habe, habe ich wie einen Rausch erlebt“, sagt Schulz-Ladegast: „Nach der Arbeit war ich meist so müde, dass ich sofort schlafen musste. Dann bin aufgestanden und habe alles Erinnerte sofort aufgeschrieben.“ Seit acht Jahren widmet sich Schulz-Ladegast nun der Erinnerungsarbeit. „Ich mache das für mich und natürlich auch für meine drei Kinder.“ Das Buch an dem er arbeite, werde dennoch einfach nicht fertig. Er liest seine Stasi-Akten, die Kader-Akten des Betriebs, bei dem er arbeitete, und stellt Anfragen beim BND. Zu dem Staatssicherheitsmann, der Schulz-Ladegast damals verhaftete, hat er seit mittlerweile sechs Jahren Kontakt.

Der Stasimann strebe Versöhnung an. Schulz-Ladegast sagt, das sei nicht das, was man erreichen könne. Eher eine „Annäherung durch Wandel“, sagt er und spielt damit auf geflügelte Worte Egon Bahrs an, die die neue Ostpolitik der sozialliberalen Koalition unter Kanzler Willy Brandt Anfang der 70er-Jahre kennzeichnete.

Seine eigenen Kinder sind heute zwischen 18 und 23 Jahren alt. „Sie könnten Ihnen mit Sicherheit sagen, dass ich mich durch die Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit verändert habe“, sagt er in dem Arbeitszimmer seiner Frau. Nimmt wieder einen Schluck Wasser. Musikinstrumente stehen neben einen Regal mit Büchern. Ein Teddybär blickt in den Raum. „Ich bin weicher und durchlässiger geworden.“ Mir einem gleichaltrigen Bekannten habe er sich nun auch darüber unterhalten, wie sie in ihrer Kindheit mit einem Rohrstock geschlagen wurden. Schulz-Ladegast lacht. „Heute sind solche Gespräche möglich. Früher undenkbar.“ Wieder lacht er. Schallend. „Mein Bekannter hat mir die exakt gleiche Geschichte erzählt, die ich auch erlebt habe. Das Ritual ist identisch.“ Der Rohrstock auf dem Schrank. Der Hocker mitten im Raum. „Lass die Hose runter.“ Er empfinde das heute als amüsant, sagt er.

Im Arbeitszimmer in Lichterfelde öffnet sich eine Tür. „Klaus, ich brauch dich bald“, ruft seine Frau in den Raum, ohne ihn zu betreten. Das Ehepaar bereitet ein Essen für Freunde vor. „Oh, nur noch zehn Minuten“, sagt Schulz-Ladegast. „Bitte, bitte!“, fügt er hinzu. Und die Tür schließt sich wieder.

Klaus Schulz-Ladegast will über seine Vergangenheit reden. Will Fragen gestellt bekommen. Erinnern. Er hofft, so verarbeiten zu können. „Meine Frau sagt, ich beschäftige mich zu viel mit der Vergangenheit.“ Er verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich sage ihr dann, es ist mein Job, mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.“

Seine Kinder stellen keine Fragen

So viele Fragen Schulz-Ladegast heute an seinen Vater hat, seine eigenen Kinder fragen ihn nichts zu seiner Zeit in Haft. „Ganz einfach, weil ich ihnen schon alles von mir aus berichtet habe“, sagt er. Auch habe er all seine Kinder mindestes einmal mit in die Gedenkstätte Hohenschönhausen genommen. „Ich bin einfach in eine andere Zeit aufgewachsen“, kommentiert Schulz-Ladegast die Unterschiede zwischen seinem Erziehungsstil und dem seines Vaters. „Meine Kinder würden ja auch nie auf die Idee kommen, dass ich sie schlagen könnte. Geschweige denn mit einem Rohrstock.“

Die Vergangenheitsbewältigung gehört nun zum Leben des 72-Jährigen. „Ich glaube eher nicht, dass ich jemals damit fertig werde.“ Aber nichtsdestotrotz befinde er sich gerade in einer glückliche Lebensphase. Er bekomme Rente, keiner könne ihm mehr etwas, und er hege auch keinen Groll. Erst recht nicht gegenüber seinem Vater.

„Die Auseinandersetzung mit seiner Biografie und seinen Entscheidungen hat mir gezeigt, wie vielfältig Menschen sind. In jedem von uns wirken Gegensätzlichkeiten, die uns erst zu denen machen, die wir sind.“