Mamas & Papas

Wenn der Sohn den Schaffner küssen will

Die Elternkolumne

Wir sind eine faire Familie. Leistung wird belohnt, jedenfalls manchmal. In den Ferien arbeiten wir mit einem Prämienmodell, das wir uns aus dem Wahlkampf abgeschaut haben. Das Prinzip: mit großen Versprechen träge Masse mobilisieren, und am Ende gewinnen die Anführer. Schließlich hatte der Ernährer an seiner Form zu arbeiten, die Chefin wie üblich keine Zeit und der Große keine Lust auf Urlaub. Die Lösung: Der Kleine hatte auf dem 3-Gang-Rad eine zweiwöchige Trampeltour durch die Heimat zu absolvieren, gekrönt vom Besuch im Legoland, und als Bonus fürs Zeugnis noch ein überteuerter Karton farbiger Plastikkleinteile obenauf. Fairer Deal: Ich bekam 14 Tage Spaß und musste mit 24 Stunden Irrsinn bezahlen. Für Hans war es umgekehrt. Gut, dass Achtjährige kaum über kartographische Kenntnisse verfügen. Für den Kleinen klingt Günzburg ähnlich harmlos wie Charlottenburg. Als die pädagogisch wertvolle Mischung aus Gegenwind, Zelten und landeskundlichen Referaten bereits zehn Tage andauerte, wurde Hans langsam skeptisch. War Günzburg ein Phantom wie Bielefeld? Wir kreuzten im südlichen Hessen umher, hart an der bayerischen Grenze, als mein warmes „Ist gar nicht mehr weit“ endgültig im Maulen versank. Wie nach dem Wahlkampf halt: Selbst schuld, wer alles glaubt.

Wieder mal standen wir vor einer Charakterfrage: Sollte ich die rare Ressource Konsequenz bemühen und auf einem Finale hoch zu Rad bestehen? Oder ergab ich mich den zunehmend unbrandenburgischen Steigungen? Natürlich siegte die Herzenswärme, und wir entschieden uns für unser Lieblingsunternehmen. Man weiß die Bahn erst richtig zu schätzen, wenn man tagelang neben der Trasse her strampelt. Nachdem ich, dankbar für eine weitere Trainingseinheit, die bepackten Räder die Bahnsteigtreppen empor und in den Zug gewuchtet hatte, konnte ich Hans nur mit Mühe davon abhalten, im Waggon auf die Knie zu fallen und die schweren Dienstschuhe des Schaffners zu liebkosen. Zeit der Demut. Der bequemste Radsattel verliert auch gegen den abgewetztesten Regionalbahnklappsitz.

Günzburg gehört zu jenen Orten, die die Welt nicht braucht. Vom Bahnhof noch acht Kilometer bis ins gelobte Land. Hans fliegt auch den garstigsten Anstieg empor. Das Kind tiriliert, meine Nerven vibrieren. Überfröhliche Kinder machen mir Angst. Nach Freuen kommt Heulen. Schlechtes Karma, wenn tausende Rangen zeitgleich durchdrehen. Vielleicht gibt’s im Legoland psychologische Betreuung für Eltern. Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich überall nur noch Noppen sehe? Zunächst aber sehen wir überall Autos. Mitleidige Blicke der SUV-Piloten auf uns Rad-Aliens. Ja, das ist Öko-Deutschland: Mit der Geländekarre direkt vor den lactosefreien Vergnügungspark. Bevor wir uns der Bespaßungsindustrie in den Rachen stürzen, muss das Nachtlager bereitet werden, natürlich auf dem Campingplatz des Lego-Feriendorfs. Unser Ultraleicht-Zelt verschwindet in einem Kessel wuchtiger Wohnmobile. Wenn wir Pech haben, übersieht uns ein Spätankommer und wir wachen unter einer Ölwanne auf. Aus dem Tal steigt Kindergejohle auf. „Los, Papa, Du wolltest doch Achterbahn fahren“, drängt Hans. Nein, wollte ich nicht. Ich hab’s nur mal behauptet, um die kindliche Vorfreude zu kräftigen. Nun gibt es keine Ausreden mehr.