Dinge des Lebens

Ein Stern als Zeichen der Liebe

Eva Wittwer, 97 Jahre, Rentnerin aus Wittenau

Eva Wittwer ist eine Dame, die sehr auf ihr Äußeres achtet. Das sieht man sofort, wenn man ihr gegenüber sitzt. Aber auch, wenn die 97-Jährige Erinnerungsfotos von Familienfeiern hervor holt. Auf jeden einzelnen Bild ist sie absolut perfekt frisiert und trägt Kleidungsstücke, die optimal aufeinander abgestimmt sind. Ein dunkles Rosé, ein strahlendes Weiß, ein zartes Blümchenmuster. Selten sieht man Eva Wittwer auf den Fotos in der gleichen Bluse. Und doch gibt es auf den meisten Bildern eine Konstante: An einer goldenen Kette um ihren Hals hängt ein auffälliger Stern aus blutroten Granatsteinen. „Den trage ich fast immer zu besonderen Anlässen“, sagt Eva Wittwer, und mit einem kleinen Lächeln fügt sie hinzu: „Und wenn er zu meiner Kleidung passt, natürlich.“ Der ungewöhnliche Granatstern ist ein Brautgeschenk ihrer Großmutter aus dem Jahr 1887.

Schmuckstück mit Geheimfach

An diesem Tag hat Eva Wittwer für das Gespräch über ihr Schmuckstück eine weiße Bluse gewählt. „Von ihr hebt sich der Stern besonders gut ab“, sagt sie und greift nach dem Anhänger, der auf ihrer Brust ruht. Sie dreht den glänzenden Stern herum, denn dort verbirgt sich noch ein Geheimnis. Auf der Rückseite hat der Granatstern eine zierliche ovale Kammer. Darin trägt Eva Wittwer ein Foto ihres verstorbenen Mannes, ein gepresstes Veilchen und ein paar Härchen ihres Lieblingskaters. „Der Stern ist mein Talisman“, sagt sie, „er hat mich schon durch so viele Zeiten begleitet, gute wie schlechte.“

So ungewöhnlich wie das Schmuckstück selbst ist die Geschichte, wie Eva Wittwer, geborene Otto, zu ihm kam. Denn zunächst hatte die Familie Otto mit der Familie Heyden, der der Stern gehörte, gar nichts zu tun. Es war im Jahr 1887, als der junge Jurist Wilhelm Heyden in Gardelegen in der Altmark Marianne Winkelmann heiratete. Die jungen Leute kamen beide aus sehr angesehenen und wohlhabenden Familien. Zur Hochzeit schenkte Wilhelm seiner Braut ein Collier, bestehend aus dem großen Stern, umrahmt von einem Gehänge kleiner Ketten aus Steinen in Form von Blüten. Der leuchtend rote Stern war das Zeichen seiner großen Liebe. „Die Kettchen sind im Laufe der Jahre leider abgerissen“, sagt Eva Wittwer, „aber ich bewahre sie immer noch extra in einer Schmuckschachtel auf.“

In den kommenden sechs Jahren bekam das junge Paar Heyden sechs Kinder. Drei Söhne und drei Töchter. Die große Familie lebte in einer prächtigen Villa, Vater Wilhelm war mittlerweile Justizrat. Die Söhne hießen Wilhelm, Joachim und Eberhard, die Töchter Margarete, Ilse und Hildegard. Von der Familie Otto wusste die Familie aus Gardelegen nichts. Sie lebte schließlich im fernen Berlin. Dort wurde 1915 die kleine Eva geboren, mitten hinein in eine unruhige und karge Kriegs- und Nachkriegszeit. „Mein Vater, Paul Otto, war Kaufmann, und ich hatte eine schöne und behütete Kindheit“, sagt Eva Wittwer. Sie wuchs heran, wurde ein Teenager. „Dann, im Jahr 1932, starb meine Mutter“, sagt Eva Wittwer. Drei Jahre lang trauerte Paul Otto um seine Frau. Bis er dann in Heringsdorf eine Bekanntschaft machte: die von Ilse, eines der sechs Kinder der wohlhabenden Familie Heyden. „Mein Vater blühte wieder auf“, erinnerte sich Eva Wittwer, „er sagte zu mir: ‚Eva, ich habe eine Frau kennengelernt, die ist deiner Mutter so ähnlich.“ Eva freute sich sehr für ihren Vater. Auch sie hatte mittlerweile einen Mann gefunden, mit dem sie das Leben verbringen wollte: Es war Hans-Joachim Wittwer. Der Mann, dessen Foto sie noch heute in dem Schmuckstück mit sich trägt.

Mit ihrer „zweiten Mutter“, wie Eva Witwer sie noch heute nennt, verstand die junge Frau sich vom ersten Tag an blendend. „Ich habe mich wirklich sehr für meinen Vater gefreut, dass er noch einmal eine so liebe Frau gefunden hat“, sagt Eva Wittwer. Ihr Vater und seine Ilse traten schon bald vor den Traualtar und bekamen dann noch einen gemeinsamen Sohn. „Das war eine schöne Zeit“, sagt Eva Wittwer.

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Ilse verlor zwei ihrer Brüder. Und nach dem Krieg musste Ilse Otto all die Reichtümer ihrer Familie abgeben. Sie tauschte sie gegen Lebensmittel und verkaufte unter großer Not alles nur Mögliche. Der Rest wurde enteignet. Nur ein paar Kleinigkeiten und den Granatstern, das Hochzeitsgeschenk an ihre Mutter, konnte Ilse retten. Und dann verstarb auch noch ihr geliebter Mann, der Vater von Eva Wittwer.

Der Lebensabend in großer Armut

„Ilse lebte von da an in einem kleinen Kämmerlein in großer Armut“, sagt Eva Wittwer. „Unvorstellbar, wenn man daran denkt, in welchem Reichtum sie aufgewachsen ist. Wir wollten ihr immer gern eine Freude machen und ihr ein bisschen Glück schenken. Deshalb haben wir sie oft zu uns nach Berlin geholt. Wir gingen mit ihr auf Reisen, hatten sie einfach bei uns.“ Aus Dankbarkeit schenkte Ilse ihrer Stieftochter Eva Anfang der 80er Jahre zum Geburtstag den einzigen Wertgegenstand, den sie noch besaß: den Granatstern. „Ich war sehr gerührt“, sagt Eva Wittwer, „und es war natürlich klar, dass ich dieses besondere Stück in Ehren halten muss.“

Sie nimmt den Stern noch einmal in die Hand. Schaut aufmerksam all die funkelnden Granatsteine an. „Er ist sicher wertvoll“, sagt Eva Wittwer, „aber darum geht es mir nicht.“ Für sie ist das Schmuckstück ein Stück Familiengeschichte. Ein Zeichen dafür, dass es auch in der Not immer weiter geht. Etwas, worüber Eva Wittwer auch mit ihren Kindern, Enkeln und Ur-Enkeln spricht. „Und wenn ich einmal nicht mehr bin“, sagt Eva Wittwer, „dann bekommt meine Tochter den Stern.“ Und mit ihm all die Geschichten, an die er erinnert.

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung für Sie hat oder der Sie schon sehr lange begleitet? Dann schreiben Sie doch, bitte mit Telefonnummer, an familie@morgenpost.de