Internatskinder

Urlaub bei Mama und Papa

Marie packt für den Heimaturlaub. In der Schulzeit sieht sie ihre Familie nur am Wochenende. Die Zwölfjährige will Artistin werden und lebt im Internat. Ein Einblick

Marie und Tim nehmen die Stufen in den dritten Stock im Eiltempo. Mit Schwung feuern die beiden Sechstklässler ihre Schultaschen und Rucksäcke auf ihre Betten, dann rennen sie zurück ins Treppenhaus und rutschen auf dem Geländer wieder nach unten. Die beiden haben nur ein Ziel: raus, ins Freie. Die Sonne scheint, die großen Ferien sind da. „Ich habe es kaum erwarten können“, sagt Marie, und aus ihren Augen spricht Sehnsucht. Ferien zu haben, das bedeutet für die Zwölfjährige und ihren Klassenkameraden Tim (11) nicht nur Ausschlafen, Nichtstun, Verreisen. Es bedeutet, endlich nach Hause fahren zu dürfen und wochenlang bei ihren Familien zu sein – nicht nur für ein paar Stunden am Wochenende.

Marie und Tim sind Internatskinder. Sie besuchen die Staatliche Schule für Artistik in Prenzlauer Berg und wohnen mit 65 weiteren Kindern und Jugendlichen im dort angegliederten Internat. Das ist keine Bedingung für den Schulbesuch. Doch ein tägliches Pendeln in die Schule wäre für beide zu weit: Die Familie von Tim wohnt 70 Kilometer weit weg in Kloster Lehnin, die von Marie im 300 Kilometer entfernten Weimar.

An sechs Tagen in der Woche, von Sonntag Abend bis zum Schulschluss am Sonnabend, leben Marie und Tim im Internat. Für ihren Traum, später einmal ein großes Publikum mit ihren artistischen Kunststücken zu verzaubern, nehmen sie die Trennung von ihren Eltern, Geschwistern und Freunden in Kauf. Es ist ein besonderes Leben, das diese Kinder führen – mal besonders hart, mal besonders schön. Und in jedem Fall anders, als es Internatsgeschichten wie die von Hanni und Nanni vorgaukeln. Denn für allzu viele Partys und Streiche ist im durchgetakteten Alltag gar kein Platz.

Auf dem Weg Richtung Sportplatz haben sich Lara, Millane, Luzie, Anjes und Maja Marie und Tim angeschlossen. Nun tollen die sieben auf dem Rasenstück zwischen Internat und Artistenhalle. Sie schlagen lupenrein Rad, biegen sich mühelos in die Brücke, gehen in den Kopfstand und probieren Paarübungen. Talent paart sich mit täglichem Üben und jahrelanger Erfahrung: Bevor Marie an die Artistenschule kam, war sie im Geräteturnen aktiv. Zudem trainierte sie von klein auf im „Circus Gaudimus“ ihrer Eltern in Weimar.

Heimweh haben erst mal fast alle Kinder

Tim ging fünf Tage pro Woche zum Turnen, ließ sich dafür extra nach Potsdam umschulen und fuhr täglich von Kloster Lehnin bis in die brandenburgische Landeshauptstadt. Jetzt macht er auch noch Breakdance. Lässig zeigt er den Mädchen auf einem Gullydeckel einen einhändigen Handstand.

Bewegung: Das ist das Leben aller Kinder, die hier wohnen. Marie möchte am liebsten Luftakrobatin werden und am Tuch über den Köpfen begeisterter Zuschauer schweben. Auch Tim will Artist werden. „Auf der ganzen Welt bekannt und berühmt sein, mich stolz fühlen, eine Stretchlimousine fahren und Villen in vielen verschiedenen Ländern besitzen.“ So stellt sich der Elfjährige seine Zukunft als Handstand-Akrobat vor.

Die Chancen auf eine erfolgreiche Karriere stehen gut. An der Schule werden künstlerisch und körperlich besonders talentierte Kinder ab der fünften Klasse zu staatlich geprüften Artisten ausgebildet – parallel zum Erwerb des Abiturs in der 13. Klasse. Da die Schule einen sehr guten Ruf hat und in der Artistenwelt bestens vernetzt ist, bietet sie ihren Absolventen ein gutes Sprungbrett. Früh haben bereits die Jüngsten die Möglichkeit, sich auch außerhalb der schuleigenen Artistenhalle auf Bühnen und vor Kameras zu erproben und Erfahrungen zu sammeln. Tim etwa drehte bereits einen TV-Spot für Fischstäbchen, reiste dafür nach Lanzarote.

Doch solche Engagements, solche künstlerischen Aussichten haben ihren Preis. Trainiert wird an der Artistenschule hart, regelmäßig gibt es Leistungskontrollen. Wer sie nicht besteht, muss die Schule verlassen. Freizeit gibt es wenig. Und für die Internatskinder ist der Alltag vielleicht noch ein wenig anstrengender als für die Kinder, die zu Hause wohnen. Sie müssen früh selbstständig werden und sich selbst organisieren lernen.

„Manche sagen, wir rauben den Kindern hier ihre Kindheit“, sagt Erzieherin Gudrun König. „Aber die Kinder wollen das, sonst würden sie sich nicht selbst so fordern.“ Seit 1985 arbeitet die 62-Jährige im Internat oder ist, wie sie selbst sagt, „Elternersatz“. Viele Jahrgänge hat Gudrun König bereits geweckt, bei Hausaufgaben unterstützt, zu Ärzten begleitet, zum Geburtstag mit Schokoladenkeksen überrascht, bei Heimweh getröstet. Und ist Jahr für Jahr in ihrer Meinung bestärkt worden. „Unsere Kinder“, sagt Gudrun König stolz, „sind etwas Besonderes“.

Bewundernswerte Disziplin

Damit meint die Erzieherin nicht nur das Talent der Artistenschüler und der „Ballettis“, wie die Schüler der Staatlichen Ballettschule genannt werden, die auch im Internat untergebracht sind. Über all die Jahre hat Gudrun König vor allem die Disziplin bewundern gelernt, die die Kinder an den Tag legen. „Man merkt, dass die Kinder das, was sie tun, wirklich machen wollen“, sagt sie. „Die Artistik und das Ballett sind nicht nur Hobbys, sondern Berufsziele.“ Und die Lust darauf unbändig. „Vor einigen Tagen haben wir hier auf dem Rasen ein Sommerfest gefeiert“, erzählt sie. „Wir wollten grillen und gemütlich beisammen sein. Aber eigentlich waren die Kinder die ganze Zeit auf dem Sportplatz nebenan und haben Handstand und Radschlagen trainiert“, sagt sie mit einem liebevollen Kopfschütteln.

„Der Sportplatz ist mein Lieblingsort“, erklärt Tim. Seine Klassenkameradinnen nicken. Doch an diesem schönen Sommertag will Luzie auch mal was anderes sehen und versucht die Mädchen zu überreden, sie in den Park zu begleiten. Die Internatskinder müssen am Tresen erklären, was sie vorhaben, die Erzieher um Erlaubnis bitten und sich in eine Liste eintragen. Dann dürfen sie zu zweit auch bis zum Alex zum Shoppen fahren.

Doch sind solche Freizeitausflüge eher selten. Für ihre Ausbildung nehmen die Kinder ein strammes Tagesprogamm in Kauf. Die Abläufe in Internat und Schule sind durchgeplant. Um 6.30 Uhr heißt es Aufstehen, um sieben Uhr ist Frühstückszeit. Ausreden gibt es nicht, verwöhnt wird auch niemand: Wer eine Stulle in die Schule mitnehmen möchte, muss sie selbst schmieren. Um acht Uhr beginnt der Unterricht für die Sechstklässler mit einem zweistündigen Training in der Artistenhalle. Nach dem Sport geht es für die Kinder in die normalen Schulstunden: Mathe, Deutsch, Englisch, Naturwissenschaften. In der Woche vor den Ferien hatten die Sechstklässler Projektunterricht, und das nur bis 14 Uhr. Eine willkommene Abwechslung.

Normalerweise ist Unterrichtsschluss zwischen 15 und 16 Uhr. 46 Wochenstunden müssen die Elf- bis Zwölfjährigen absolvieren; um das zu schaffen, haben sie auch am Sonnabend Unterricht. Nach der Schule ist etwas Zeit für Hausaufgaben, Lernen und Spielen, um 17.30 Uhr gibt es Abendbrot. Um 21 Uhr ist für die Sechstklässler Bettzeit. Nur am Wochenende geht es lockerer zu: Sonnabends gibt es einen langen Fernsehabend, sonntags dürfen alle so lange schlafen, wie sie wollen. Den ganzen Tag im Schlafanzug rumzugammeln ist allerdings schwierig, denn die Erzieher legen Wert darauf, dass möglichst viele der Internatsschüler bei den Ausflügen mitmachen, die sie am Wochenende anbieten, etwa zum Minigolf oder in den Tierpark. Außerdem gibt es das Essen nur in der Mensa. Und für diesen Gang, findet zumindest Gudrun König, muss man sich anziehen.

Etwa zwei Drittel der Schüler bleiben am Wochenende im Internat, schätzen die Erzieher. Für viele kommt eine Heimfahrt auch gar nicht infrage, da ihre Familien weit weg in Würzburg oder Freiburg oder sogar in anderen Ländern Europas wohnen, etwa in Italien.

„Zu Hause ist es gemütlicher“

Marie und Tim fahren jedoch lieber nach Hause, auch wenn bei beiden der Aufenthalt dort wegen der langen Fahrt auch kaum länger als 24 Stunden dauert. „Ich würde am liebsten ganz zu Hause wohnen“, gibt Marie unumwunden zu. Und das, obwohl sie sich mit ihrer Zimmergenossin Millane im Internat ziemlich wohl fühlt. Die beiden haben 21 Quadratmeter zur Verfügung, eigenes Bad inklusive. Gern liegen sie auf ihren Betten, quatschen und hören die neuesten Hits auf Kiss FM. Gibt es doch mal Streit, hält er nie lange an. „Aber zu Hause ist es einfach gemütlicher“, sagt Marie. „Hier ist es so… so weiß!“

Weiße Schränke, weißer Schreibtisch, weiße Wände: Das Internat ist ohne Zweifel elegant, modern und funktional gestaltet. Doch es spricht eher eine Architekten- als Kindersprache. 220 Euro kostet ein Platz derzeit pro Monat. Der Lineoleumboden ist grau, Teppiche sind wegen des größeren Aufwands beim Putzen auf den Zimmern nicht erwünscht. Gemütliche Beleuchtung? Bunte Vorhänge? Ein Sitzsack zum Lümmeln? Fehlanzeige.

Marie betrachtet das Zimmer und verzieht ihren Mund ein wenig. Zwar hat sie an ihrer Pinnwand einige Briefe und Fotos angebracht, dazu eine Landkarte ihrer Heimat Thüringen. Doch weiß ist es immer noch. Außerdem vermisst Marie ihre Geschwister. Zwei jüngere und fünf ältere hat sie. „Am meisten freue ich mich immer auf meine zwei Jahre ältere Schwester Lisa und meine jüngste Schwester Sophie, die ist erst drei Jahre alt“, sagt Marie.

Auch Tim, der seit knapp zwei Jahren im Internat lebt, wäre lieber öfters zu Hause. Im Internat hat er seine Freunde Anton, Jannis und Jasper, mit denen er rumalbert, einkaufen geht, Brettspiele spielt. Zu Hause genießt er die Ruhe. Dort kann er sich mal richtig hängen lassen, DVDs gucken und am PC spielen, ohne dass ihn ständig jemand stört oder kontrolliert. Außerdem sieht er mal andere als die ewig gleichen Gesichter. Und: Die Eltern sind da. Das gibt Geborgenheit. Vor allem zu Beginn fiel Tim der Abschied schwer, obwohl auch seine ältere Schwester Xenia (14) im Internat lebt. Sie macht an der Ballettschule eine Ballettausbildung. Jede Woche pendelte Tims Mutter anfangs zum „Kindertag“ nach Berlin. Heute telefoniert Tim immer noch jeden Abend mit Mama oder Papa.

Wiedersehensfeier am Wochenende

Das Vermissen beruht auf Gegenseitigkeit. „Am Wochenende kommt mit Tim und Xenia Leben in die Bude, das können meine Frau und ich immer kaum erwarten“, erzählt Vater René Griesbach (42). Die Familie lebt in Kloster Lehnin in einem großen Haus, das auf drei Kinder ausgerichtet ist. Die Älteste ist mit 21 Jahren bereits ausgezogen, Tim und Xenia sind nur Sonnabend auf Sonntag da. „Am Samstag Abend gibt es bei uns immer eine richtige kleine Wiedersehensfeier“, sagt der Vater.

Marie wird in Weimar von ihrer großen Familie ebenfalls sehnsüchtig erwartet und unter der Woche häufig vermisst. „Marie ist fröhlich und unkompliziert. Wenn wir abends zusammen am Tisch sitzen, denke ich oft, wie schön es wäre, wenn sich Marie auch mit unterhalten könnte“, sagt Maries Mutter Annette Schaarschmidt. Richtiggehend traurig stimmt es sie, wenn Marie schöne Dinge in Weimar verpasst, etwa besondere Shows im Familienzirkus Gaudimus. Und nicht zuletzt sei Marie im Alltag eine große Hilfe gewesen, etwa beim Versorgen der Zirkustiere und beim Aufpassen auf das Nesthäkchen Sophie.

Doch trotz der Verlustgefühle sind die Eltern von Marie und Tim überzeugt davon, dass ihre Kinder den richtigen Weg eingeschlagen haben. „Ich freue mich, dass Marie in Berlin eine fundierte Artistikausbildung bekommt, wie sie es sich gewünscht hat und wie wir sie ihr hier nicht hätten bieten können“, sagt Annette Schaarschmidt. Auch das Internatsleben sieht sie als eine Erfahrung an, an der Marie reift. „Schon zu Hause war Marie sehr selbstständig, das geht in einer Großfamilie ja gar nicht anders“, so Annette Schaarschmidt. Dennoch ist sie stolz darauf, dass schon ihre Zwölfjährige ihre Wäsche ganz allein wäscht und ohne Begleitung von Berlin nach Weimar reist. Auch wenn ab und an etwas schief geht und Marie im falschen Zug sitzt oder das Gepäck bis nach München reist. „Das hat dann die große Schwester wieder zurück gebracht, die dort wohnt“, erzählt Annette Schaarschmidt und lacht.

Ohne Vertrauen geht es nicht

Stolz ist auch René Griesbach darauf, wie gut Tim mit der Schule, der Artistikausbildung und dem Internatsleben klar kommt. Er hat seine Ausbildung zum Vermessungstechniker selbst parallel zum Abitur gemacht und währenddessen in einem Internat gewohnt. Daher bringt er großes Vertrauen in diese Lebensform mit. Eine Einstellung, ohne die es nicht geht. „Wir brauchen die Unterstützung der Eltern, und das Kind braucht sie auch“, sagt Erzieherin Sandra Balkon (24).

Die Pädagogen schauen genau hin, ob ihre Schützlinge zu stark unter Heimweh leiden und dem Druck der gleichzeitigen schulischen und artistischen Ausbildung standhalten können. Manchmal vertrauen die Kinder sogar eher den Erziehern als den Eltern an, dass sie lieber nach Hause möchten – aus Angst, die Eltern zu enttäuschen. Dann gibt es Gespräche, bis eine gute Lösung für das Kind gefunden ist. Meist legt sich das größte Heimweh nach einer Woche, wissen die Erzieher. Immer wieder verlassen Schüler aber auch freiwillig das Internat – oder müssen wegen nicht ausreichender Leistungen gehen. „Pro Jahr“, schätzt Sandra Balkon, „zieht mindestens ein Kind wieder nach Hause.“

Auch Tims Vater René Griesbach kennt Zweifel – allerdings eher aus seinem Umfeld. Schon als Tim von Kloster Lehnin täglich nach Potsdam pendelte, musste sich die Familie gegenüber Großeltern und Nachbarn rechtfertigen, die den Aufwand für den Sport mit spitzen Bemerkungen begleiteten. Doch er ist überzeugt, dass Tim in der Artistenschule und dem Internat an der passenden Stelle ist. Der Elfjährige sei so motiviert, habe sich gerade noch das Jonglieren selbst beigebracht und bewege sich am liebsten Rad schlagend durchs Haus. „Das wird auch jetzt in den Ferien wieder so sein“, sagt er und lacht. „Nach einer, eineinhalb Wochen Ferien kommt bei unseren Kindern immer Langeweile auf und der Bewegungsdrang schlägt durch.“

Für Abhilfe ist gesorgt. Eine Reise in den Balaton, Kanutouren, Picknicks im Grünen: Die Familie von Tim hat sich viel vorgenommen. „Vor allem wollen wir Zeit zusammen verbringen“, sagt René Griesbach. Marie erwartet in Weimar ein Trainingslager mit ihren alten Sportkameradinnen vom Geräteturnen und eine Wanderreise nach Österreich mit der Familie. Darauf freut Marie sich sehr.

Und sie weiß auch schon, was sie nach der Ankunft zu Hause als erstes machen wird: „Im Garten an die Kletterwand gehen, aufs Trampolin und auf die Schaukel“. So wie jedes Wochenende. Denn Bewegung kann es in Maries und Tims Leben gar nicht genug geben.