Mamas & Papas

Wie belohnen Eltern Tortenviertel?

Wir sind eine altmodische Familie. Wir wollen Zeugnisse mit harten, klaren Zahlen, mit Kopfnoten wie „Schönschreiben“ und „Betragen“. Kaum hat man die eigenen Ängste und Demütigungen von damals verdrängt, sieht man den Nachwuchs bereit für deutliche Ansagen zum Leistungsstand. Hat uns doch auch nicht geschadet. Stattdessen hat Hans auch zum Ende der zweiten Klasse mehr oder weniger ausgemalte Kreise bekommen in etwa 50 Fächern, weil das gute alte Rechnen zerlegt ist in etliche Einzeldisziplinen, dazu eine wortreiche Beurteilung, deren Begriffe wie „lebhaft“ und „...bemüht sich in letzter Zeit...“ mit gutem elterlichen Willen als fast positiv zu deuten sind. Oder nicht? Die Verschleierungsrhetorik der modernen Pädagogik überfordert mich. Hätten wir ja gleich zu Waldorfs gehen können. Aus Tortenvierteln und auf Verletzungsfreiheit angelegter Lehrerlyrik darf ich mir zusammenreimen, ob unser Spross fit ist für die Globalisierung oder als Gegner der Gesamtsituation in Kreuzberg enden wird. Es sei ein sehr gutes Zeugnis, erklärt Hans. Ob die anderen Schüler auch nur halbe oder dreiviertel Kreise hätten, wollte ich wissen. Hans zuckte die Schultern. Noten sind kein Thema, sondern „Clash of Clans“.

Kann es sein, dass aus humanistischen Erwägungen grundsätzlich weder ganz volle noch ganz leere Kreise gegeben werden? Was aber bedeuten die drei verbliebenen Viertel in Noten: 2,3, 4 oder eher 1, 3, 5? Seine Kumpels hätten genau die gleichen Zeugnisse, behauptet Hans, alle hätten viele Kreise mit irgendwas drin. Früher, als alles besser war, musste man sich nur zwei Zahlen merken, die Noten für Schreiben und Rechnen. Der Rest –Kunst, Turnen, Religion – war Dekor. Heute können sich die jungen Menschen gar nicht mehr über ihre Noten austauschen, weil es viel zu viele sind. „Wie viel Viertel hattest Du denn in Subtrahieren im Hunderterraum?“ – so beginnt kein Achtjährigen-Dialog. Es ist wie bei Mobilfunkverträgen: Wahnsinnig viele Optionen erzeugen den Eindruck von differenziertem Angebot, schaffen in Wirklichkeit aber nur Durcheinander.

Kollateral geraten die gewohnten Belohnungsmodelle ins Rutschen. Früher gab es für eine 1 eine Mark, für eine Zwei ein Schulterklopfen und für alles andere was hinter die Löffel. Fünf Mark und eine Tüte Gummibären waren fette Beute am Zeugnistag und halfen über die erste Ferienwoche, wenn alle Kumpels schon in die Ferien gefahren waren und ich einsam durch die Straßenschluchten streunte. Während wir über einen Umrechnungskurs von Kreisvierteln in Euro sannen, kam Hans bereits mit einer ersten Tarifforderung: „Schenkt mir doch einfach was richtig Großes.“ Ein optimistischer Ansatz. „Ich weiß ja gar nicht, ob dein Zeugnis gut oder schlecht ist“, entgegnete ich. „Gut, sehr gut“, erklärte Hans, schließlich seien in jedem Kreis mehrere Viertel zu finden. Und die einsamen zwei bei „Subtrahieren im Hunderterraum“ stammten von einem Computerfehler, das hätten alle, obwohl das Thema noch gar nicht bearbeitet worden sei. Immerhin: Eine neue und nicht unoriginelle Erklärung für schlechte Noten. Außerdem, ergänzte unser Wunderkind, habe er den Füllerführerschein gemacht und Anwesenheit in Religion gezeigt. Mit einem Lego-Raumschiff in Schrankwandgröße fühle er sich adäquat belohnt. Ich biete fünf Euro und eine große Tüte Gummibären. Die Verhandlungen dauern an.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann