Interview

„Den Hund stört nicht, wenn er ein perlenbesetztes Halsband trägt“

Psychologin Silke Wechsung über die Typologie der Halter

Bei immer mehr Menschen steht der Hund an erster Stelle – vor dem Partner, vor den Kindern, vor Freunden. 35 Prozent der Hundehalter, so belegen Umfragen, stellen ihren vierbeinigen Begleiter vor jede zwischenmenschliche Beziehung. Welche Ursachen und Auswirkungen das hat, weiß Silke Wechsung. Seit 2005 erforscht die Diplom-Psychologin, die selbst einen Riesenschnauzer besitzt, die Mensch-Tier-Beziehung an der Universität Bonn. Annette Kuhn hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Wieso schaffen sich Menschen einen Hund an?

Silke Wechsung:

Man kann drei Typen von Hundehaltern unterscheiden: Es gibt den naturverbunden und sozialen Typ, bei ihm darf der Hund Hund sein. Es gibt den vermenschlichenden, prestigeorientierten und den auf den Hund fixierten, emotional gebundenen Hundehalter. Die erste Gruppe macht etwa 43 Prozent aus, die zweite 22 und die dritte 35 Prozent.

Kommt der Hund mit allen Typen zurecht?

Schwierig ist vor allem die zweite Gruppe. Dem prestigeorientierten Hundehalter geht es darum, über den Hund sein Ansehen zu steigern. Der Hund kann zum Beispiel als Modeaccessoire missbraucht werden. Oder jemand sucht sich einen sehr muskulösen, großen Hund, um über dessen Erscheinung Eindruck zu schinden. Bei dem auf den Hund fixierten Typus dreht sich hingegen alles um den Hund, er ist der wichtigste Sozialpartner. Werden die artspezifischen Bedürfnisse des Hundes dabei berücksichtigt, muss das dem Hund nicht schaden. Eher kommen dann hier die menschlichen Beziehungspartner zu kurz.

Weil der Hund so große Bedeutung hat, gibt es immer mehr Hundeboutiquen und Freizeitangebote. Ist der ganze Luxus nötig?

So lange es dem Hund nicht schadet, ist das tolerierbar. Den Hund stört es nicht, wenn er ein perlenbesetztes Halsband trägt. Aber es gibt viele Produkte, die nicht artgerecht sind. Hundeklamotten sind zum Beispiel in den seltensten Fällen für die Wärmeregulierung notwendig. Das Gleiche gilt für Hundesport: Viele Hunde haben Spaß daran, aber man kann es auch übertreiben. Auf das richtige Maß kommt es an.

Hundeschulen schießen wie Pilze aus dem Boden. Trotzdem gibt es viele unerzogene Hunde.

Meist, weil die Menschen sich einen Hund anschaffen, der nicht zu ihnen passt und der sie von seiner Veranlagung her überfordert. Oder sie beschäftigen sich gar nicht mit Erziehung. Aber es ist gerade in Ballungsgebieten wichtig, dass Hunde gut erzogen sind. In der Stadt trifft man auf Menschen, die Angst vor Hunden haben, auf Kinder, auf andere Hunde. Da müssen sich Hunde angemessen verhalten.

Ist es nötig, eine Hundeschule zu besuchen?

Ich würde das empfehlen. Allerdings ist Hundetrainer kein geschützter Beruf, da gibt es auch viele Scharlatane. Eine gute Hundeschule ist jedoch eine sinnvolle Unterstützung bei der Erziehung. Wenn man angeln gehen will, muss man auch erst einmal einen Angelschein machen. Einen Hund kann sich aber jeder ohne Vorkenntnisse anschaffen.

Wann schaffen sich Menschen einen Hund an?

Es gibt 400 Hunderassen und es gibt wahrscheinlich noch mehr Gründe, sich einen Hund anzuschaffen. Für den einen ist er Kinderersatz, der andere schafft ihn gerade für die Kinder an. Der eine kommt auf den Hund, wenn er in Rente geht, der andere will ihn als Sportpartner. Für viele Menschen spielen mehrere Gründe eine Rolle. Manche überfrachten den Hund mit ihrer Erwartungshaltung. Klassisches Beispiel: Der Hund soll der immer friedliche Spielpartner für die Kinder sein, aber wenn Einbrecher ins Haus kommen, muss er natürlich ein guter Wachhund sein.

Welche Wirkung haben Hunde auf Menschen?

Der Hund ist ein Sozialpartner, mit dem man sich beschäftigen und gut kommunizieren kann. Über den Hund lernt man auch andere Menschen kennen. Und er dient der Gesundheitsprophylaxe, weil man mit ihm rausgeht, sich bewegt. Wir haben in unseren Studien nachgewiesen, dass Menschen mit einer guten Mensch-Hund-Beziehung zufriedener und entspannter sind. Hunde passen sich einfach sehr gut an das Leben ihrer Halter an.

Liegt in der starken Anpassungsfähigkeit auch eine Gefahr?

Ja. Sie ist der Grund, warum Hunde weltweit zu den beliebtesten Haustieren gehören, aber sie ist auch ein Grund dafür, warum mindestens ein Viertel aller Hunde nicht artgerecht gehalten werden und die Vierbeiner das einfach so hinnehmen.

Was sind die beliebtesten Hunderassen?

Nach der Statistik des Verbandes für das Deutsche Hundewesen steht der Schäferhund an erster Stelle. Aber die Wahrnehmung ist eine andere, weil durch Prominente oder die Werbung andere Rassen ins Blickfeld geraten. Rassen wie Weimaraner, Rhodesian Ridgeback oder Australian Sheppard haben in den vergangenen Jahren an Popularität gewonnen. Auch kleine Hunde in Handtaschengröße sind beliebter geworden, zum Beispiel der Chihuahua. Aber die Moden wechseln hier wie jede andere Mode auch. Bei der Auswahl des Hundes spielt das Aussehendie größte Rolle. Das kann zum Problem werden.

Warum?

Wenn jemand sich zum Beispiel einen Weimaraner anschafft, weil er so schönes silbernes Fell hat, aber nicht weiß, dass dies ein Jagdgebrauchshund ist, dann wird der Hund bei ihm sicher nicht richtig ausgelastet. In der Folge wird der Hund vielleicht verhaltensauffällig.

Und was macht man dann – Psychotherapie?

Man sollte sich schon professionelle Hilfe holen, aber das funktioniert nicht so, dass man den vermeintlichen „Problem-Hund“ in die Therapie gibt und ihn eine Stunde später wieder entspannt zurückbekommt. Es sind die Hundehalter, die etwas ändern müssen, die stärker auf die Bedürfnisse des Hundes eingehen müssen. Das Problem liegt in den seltensten Fällen beim Hund, sondern am anderen Ende der Leine.