Mamas & Papas

Schönheit und Leid zwischen Bananenkisten

Wieder endet ein Schuljahr, die Noten stehen fest, die Zeugnisse sind geschrieben. Jeden Morgen wird es schwerer, die Kinder aus dem Bett zu treiben. „Sind doch schon fast Ferien“, murmelt es tief aus den Decken. „Ja“, sage ich, „aber eben nur fast.“ Und ziehe die Decke weg.

Am vergangenen Mittwoch fiel das Aufstehen nicht so schwer: Da war Schulsportfest. „Olympiade“ heißt das in unserer Schule. Sie nimmt nicht an den Bundesjugendspielen teil, sondern plant das Sportfest auf eigene Faust, was zu irren Disziplinen wie dem „Hürdenlauf über Bananenkisten“ führt. Das sieht aus wie früher bei „Spiel ohne Grenzen“. Dieses Jahr stand ich mit der Stoppuhr an der Hürde und nahm die Zeit.

Alle Klassen hüpften an mir vorbei. Dramatische 1. Klassen, bei denen die Aufregung noch groß war und einige Tränen flossen. Völlig abgeklärte 6. Klassen, die nun im sechsten Jahr über die Bananenkisten sprangen.

Ich war froh, dass ich nicht über so eine Kiste hüpfen musste. Ich hatte mich nämlich Tage zuvor mit Freundinnen zum Schwimmen verabredet, wir wollten endlich wieder Sport machen. Weil ich ohne meine Brille nicht sehen kann, wer mir entgegen schwimmt, ließ ich sie auf, traute mich nun aber nicht, mit dem Kopf unter Wasser zu tauchen, aus Angst, dass mir die Brille von der Nase fallen und auf den gekachelten Beckenboden sinken würde. Also schwamm ich wie eine Oma, den Kopf angestrengt über Wasser. Die Folge: Rücken verrenkt.

Die Kinder mussten mir die Schuhe binden, so schlimm war es. Morgens kam ich kaum aus dem Bett. Mein Sohn fand es lustig, mich nachzuäffen. Nach vier Tagen und noch mehr Schmerztabletten ging ich zum Arzt, in der Erwartung, schöne Massagen verschrieben zu bekommen. Stattdessen kam die Arzthelferin mit einem kleinen Tablett, darauf eine fiese Spritze. Acht Einstiche! Danach war der Schmerz weg, zumindest für 24 Stunden. Ich habe mich dann lieber bewegt, als mir weitere intramuskuläre Spritzen verabreichen zu lassen.

Die Kinder beim Sportfest wussten von diesen Sorgen nichts. Sie sprangen, hüpften, rannten, während ich versuchte, locker zu bleiben, damit sich nichts verkrampft. Die letzte Klasse, die an mir vorbeirannte, war die meiner Tochter, eine 5. Klasse. Ich habe sie länger nicht mehr alle zusammen gesehen – wie groß sie geworden sind! Mehrere Jungs haben mich nach Zentimetern längst überholt. „Deine Tochter ist ja so groß wie du“, rief eine Mutter mir zu. Naja, ein paar Zentimeterchen fehlen schon noch. Aber bei Schuhen ist sie tatsächlich schon eine Nummer weiter. Meine Tochter ist jetzt dran, groß und schön und erwachsen zu werden. Himmel, sind ihre Beine lang. Als zöge sie jeden Morgen daran.

Sie rannte also los und sprang in großen Sätzen über die Bananenkisten. Früher konnte man ihr beim Laufen kaum zusehen, sie hatte sich eine sonderbare Körperhaltung ausgedacht, alles schlackerte herum. Jetzt läuft sie gerade und schön, nur ihren Armen sieht man noch die Tochter von früher an. Wenn sie über eine Kiste hüpft, macht sie kleine Flugbewegungen. Sehr süß. Mit viel Tempo rannte sie schließlich über die Ziellinie und strahlte mich stolz an. Ich schaute stolz zurück. Toll zu sehen, wie die eigenen Kinder älter werden.

Wenn man dabei nur nicht auch selbst älter würde. Autsch, mein Rücken. Er tut immer noch weh.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher