Dinge des Lebens

Cowboyromantik in Lübars

Heinrich Fleck, 71 Jahre, Schulleiter a.D. aus Lübars

Es gibt Tage, an denen Heinrich Fleck, 71 Jahre alt, von einer Sekunde zur anderen wieder zum kleinen Jungen wird. Heute ist so ein Tag. Es ist der Tag, an dem Heinrich Fleck von seiner „Luftbüchse“ erzählen will, jenem kleinen Luftdruckgewehr, das er vor mehr als 40 Jahren im Frankenwald erwarb. Erzählen? Nein. Gewisse Dinge, findet Heinrich Fleck, muss man einfach ausprobieren. Vor allem die richtig guten. Und dazu gehört in seinen Augen, in die Welt der Cowboys und Indianer einzutauchen. Sie fasziniert ihn seit Kindertagen, und die Luftbüchse ist in seinen Augen dafür ein starkes Symbol.

„Los, kommen Sie“, fordert er Besucher auf und zieht sie ungeduldig die Treppe hinunter in den Lagerkeller seines Reihenhauses in Lübars. An der Längsseite des Raumes hängen kleine bunte Luftballons an einer Styroporplatte. Auf dem Regalbrett davor sind Plastik-Dinos und Cowboy-Figuren aufgereiht. Einigen von ihnen fehlt ein Bein, andere weisen Einschusslöcher auf. Sie stammen von der Luftbüchse. Hier, zwischen Apfelsaftkartons und Werkbank, simulierte Heinrich Fleck schon vor Jahrzehnten mit seinen Söhnen Matthias und Oliver den Kampf für das Gute. Die Augen des 71-Jährigen funkeln vor Begeisterung, als er die 91 cm lange Luftbüchse in seine Hände nimmt. Es ist das Modell 23 der Marke Diana, Heinrich Fleck hat es selbst nach einer Reparatur in Nussbraun gebeizt. Noch mehr funkeln Flecks Augen, als den Besuchern mit seiner Luftbüchse ein Treffer gelingt. „Ist das nicht toll?“, jubelt er. Auf seine Luftbüchse ist eben Verlass. Sie sorgt für Abenteuer – und für Erfolgserlebnisse.

Beides ist Heinrich Fleck wichtig. Man könnte sogar sagen, dass „Abenteuer“ und „Erfolg“ seine Lebensthemen darstellen. Geboren wurde Heinrich Fleck in Hamburg, dort wuchs er auch auf. Der Vater war im Krieg geblieben, die Mutter oft krank. Fleck erinnert sich, dass er sich schon damals in den Wilden Westen sehnte. Aus Holzplanken habe er sich einen Tomahawk und eine Flinte geschnitzt. 1952 war er bei den ersten Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg dabei; seitdem besucht er sie jedes Jahr zu Beginn und am Ende der Saison. Natürlich verschlang der Junge auch sämtliche Bücher von Karl May. 50 Bände stehen noch heute in seiner Bibliothek, neben zahlreichen LPs mit Hörspielen. „Winnetou I“ ist Heinrich Flecks absoluter Favorit, Old Shatterhand sein Held. „Er verkörpert die christlichen Grundsätze, und er hat es geschafft, sich aus jeder noch so misslichen Lage zu befreien“, erklärt er.

Dass aus dem Träumer Heini, der in der Schule nur als Störenfried auffiel und der später zur See fahren wollte, einmal ein ehrgeiziger Mann werden sollte, war damals noch nicht abzusehen. Heinrich Fleck erklärt es sich damit, dass er auf seinem Weg immer Menschen getroffen habe, die an ihn glaubten, ihn inspirierten und zu Leistung antrieben. So wurde aus einem schlechten Schüler ein Elektroinstallateur, der nebenbei das Abitur nachmachte und Grundschullehramt studierte. Die Liebe hatte Heinrich Fleck zu dieser Zeit schon nach Berlin gebracht, wo er auch Vater wurde und seine erste Stelle als Lehrer antrat. 1971 zog die junge Familie von Schöneberg nach Lübars und wenige Jahre später wurde Fleck mit 34 Jahren Schulleiter. 32 Jahre lang leitete er die Grundschule in den Rollbergen mit bis zu 1100 Schülern. Bis heute hat er sich nicht zur Ruhe gesetzt: Zwölf Stunden pro Woche arbeitet Heinrich Fleck an einer Grundschule in Hermsdorf. Er organisiert Handballturniere und bildet Schiedsrichter aus. Und er ist Marathonläufer, startete schon in Berlin, Hamburg und New York, bis heute mehr als 40 Mal. Begonnen hat er damit, um eine Magenerkrankung zu besiegen, die ihn fast das Leben gekostet hätte. „Ich habe einen unbändigen Ehrgeiz“, sagt er über sich selbst.

Doch wer Heinrich Fleck kennt, weiß, dass es nicht nur die persönlichen Siege sind, die ihn erfreuen. Fast noch glücklicher macht es ihn, wenn er andere begeistern und anspornen und ihnen Erfolgserlebnisse verschaffen kann. So wie 1970 beim Familienurlaub im Frankenwald, als sich Heinrich Fleck seinen Kindheitstraum erfüllte und die Luftbüchse erstand.

Es war ein verregneter Sommer, die Söhne waren drei und sieben Jahre alt. „Tagelang strich ich um das Waffengeschäft und zögerte“, erzählt Heinrich Fleck. „Denn eigentlich bin ich ein absoluter Kriegsgegner und mag überhaupt kein Kriegsspielzeug.“ Doch eines Tages überwand er sich und erstand für 67 Mark das Luftgewehr. Den Rest des Urlaubs übte er mit seiner Frau und den Jungs das Zielen. Sie schossen Tannenzapfen ab und zerbeulten Blechdosen, und Heinrich Fleck freute sich über jeden Treffer – über die der Kleinen noch mehr als über die eigenen. Auch seine Schüler machte er später mit der Luftbüchse bekannt. „Wenn ich über das Herz rede, gehe ich in die Markthalle und hole 20 Herzen, die wir untersuchen. Und wenn ich über ein Luftgewehr rede, bringe ich es eben mit“, sagt er. In der Pädagogik nenne man das „originale Begegnung“. Heinrich Fleck nennt es „die Freude am Lernen wecken, indem man etwas bietet“. Möglichst anschaulich, möglichst praktisch. Noch heute trifft er häufig Schüler, die von der Schulzeit bei ihm schwärmen. Das macht ihn stolz.

Heinrich Fleck springt von seinem Platz auf und läuft Richtung Kellertreppe. „Sie haben erst einmal geschossen, nun kommen Sie doch noch einmal“, ruft er und winkt voller Elan seinen Besuch herbei. Noch ein Treffer: Das wäre doch ein erfolgreicher Abschluss des Treffens, findet er. Für sich selbst hat Heinrich Fleck schon ein neues Ziel: Zu gern würde er, der Hamburger Jung, einmal auf einem Frachter nach Neuseeland schippern.

Doch seine große, romantische Liebe bleibt der Cowboywelt sicher. Liebevoll, geradezu ehrfürchtig streicht Heinrich Fleck über die Luftbüchse und sagt: „Sie soll mich bis an mein Lebensende begleiten.“

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung hat oder der sie schon sehr lange begleitet? Dann schreiben Sie, bitte mit Angabe der Telefonnummer, an familie@morgenpost.de