Entdeckungsreise

Dem Leben auf der Spur

Die Berlinerinnen Gesche und Hanna engagieren sich mit Maria und Yessenia aus Nicaragua für Hilfsprojekte. Sie sind „Voluntourists“. Ziel: die Welt und sich selbst erkunden

Es war, als ob ein Scheinwerfer angegangen wäre. Alle Blicke richteten sich plötzlich auf ihn. Er stand da wie auf einer Bühne. Ungläubig staunend verfolgte der Abiturient aus Berlin, was mit ihm geschah. „Obruni“, riefen die afrikanischen Kinder, und ihre Augen leuchteten. „Weißer Mann.“

Joshua Franz, 20, lacht verlegen, wenn er von seinem ersten Tag in Ghana erzählt. Davon, wie er sich insgeheim weggeduckt hatte, als ihn die Kinder umringten. Einige hätten ihn sogar angefasst. So, als wollten sie sich vergewissern, dass seine helle Haut echt war, keine Schminke. Es kommt nicht oft vor, dass sich westeuropäische Touristen in diese Ecke von Accra verirren.

7500 Kilometer liegen zwischen Berlin und Accra, der Hauptstadt von Ghana. Doch in diesem Moment war die Distanz Tausender Kilometer verschwunden. Die Ghanaer begrüßten den Zwei-Meter-Mann aus der deutschen Hauptstadt wie jemanden, den sie schon lange kennen, wie einen Popstar oder einen verschollen geglaubten Bruder. Vielleicht wurde Joshua Franz da zum ersten Mal bewusst, worauf er sich eingelassen hatte, als er nach dem Abitur eine Karte zog, die viele spielen, die noch nicht so genau wissen, wer sie sind und was sie wollen: „Was mit Menschenrechten.“

Jetzt war er hier, als Praktikant in einem Menschenrechtsbüro von Projects Abroad, einem der größten kommerziellen Anbieter von Auslandsreisen für Freiwillige. Er sollte straffällig gewordene Jugendliche in Englisch unterrichten, das war der Plan. Doch seine bloße Anwesenheit erschien allen Einheimischen als ein Heilsversprechen, das es einzulösen galt. Joshua Franz sagt: „Das war eine positive Form von Rassismus.“

Dieser Tag liegt gut ein halbes Jahr zurück. Nach sechs Monaten in Ghana flog Joshua mit Projects Abroad weiter nach Südafrika, wo er heute noch im Einsatz ist. Neues Land, neue Erfahrungen.

„Voluntourism“ nennt sich diese Form des Tourismus – von „Volunteer“, also Freiwilliger, und „Tourism“, also Tourismus. Die Freiwilligenarbeit erlebt einen Boom, seit die Bundesregierung 2010 die Wehrpflicht abgeschafft hat. Waren es früher in erster Linie junge Frauen, die nach dem Abitur als Au Pair jobbten, nutzen jetzt auch immer mehr junge Männer die Gelegenheit, die Wartezeit bis zum Studium mit Jobs oder Praktika im Ausland zu überbrücken. Nach einer Untersuchung des gemeinnützigen Freiwilligen-Vereins Sobia e.V. stieg ihr Anteil auf 40 Prozent.

Der Trip in Entwicklungsländer, ist er ein sicheres Ticket ins Berufsleben? Oder doch eher ein etwas anderer Abenteuer-Urlaub? Die Angebote der kommerziellen Veranstalter zielen eher in die zweite Richtung.

Reisen, helfen, lernen, lachen

Sie buhlen um eine Klientel, deren letzte Monate vor dem Abitur nur aus Lernen bestanden. Um Stubenhocker wider Willen, die so ausgehungert nach Abwechslung sind, dass sie dafür gern ihre Ersparnisse plündern.

Einen Monat Meeresschildkröten retten in Mexiko für 1995 Euro. Acht Wochen Waisenkinder betreuen in Nepal für 1595 Euro. Fünf Wochen Reittherapie mit behinderten Kindern in Ecuador für 1250 Euro – alles ohne Flug. Und die Arbeit? Sie erscheint nur als Mittel zum Zweck. Als reiner Spaß und weniger als Beitrag zur Entwicklungshilfe. Den unbezahlten Einsatz für ein „Löwenprojekt in Sambia“ verkauft die Münsteraner Agentur Travel Works als quasi-religiöses Erweckungserlebnis: „Du atmest die frische Morgenluft Sambias ein, nimmst das besondere Licht zu Tagesbeginn wahr und weißt, dass du diesen Augenblick nie vergessen wirst.“

Die Versprechen der Werbung decken sich in vielen Fällen mit den Vorstellungen der Teilnehmer. Die sind oft wolkig. „Ich habe keine Lust, in den Semesterferien rumzusitzen und Däumchen zu drehen“, sagt etwa Johanna Mößmer, 22, Lehramtsstudentin für Mathematik und katholische Religion, wenn man sie nach ihrer Motivation fragt. Ende Juli fliegt die Augsburgerin mit Projects Abroad auf die Philippinen. Einen Monat lang wird sie dort als Betreuerin in einem Kinderheim arbeiten, mehr ist zeitlich und finanziell nicht drin.

3500 Euro kostet der Trip, sponsored by Mama und Papa. Doch was sie am anderen Ende der Welt lerne, sei das Geld wert, da ist Johanna optimistisch. „Ich will sehen, ob die Arbeit mit Kindern überhaupt was für mich ist“, erklärt sie. Die Fragen, ob man das nicht auch in Deutschland erkennen kann und was Waisenkinder davon haben, wenn die Betreuer so oft wechseln, dass sie sich kaum die Namen merken können, müssen die Veranstalter nicht interessieren. „Das Feedback der Rückkehrer ist durchweg positiv“, sagt Michael Harms von Projects Abroad. Einige verreisten sogar ein zweites Mal mit der Organisation. „Für uns ist das Bestätigung genug.“

Veranstalter staatlich subventionierter Reisen beurteilen die kommerziellen Angebote kritischer. Sie vermissen einen entwicklungspolitischen Mehrwert. „Was hat ein Radiosender in der Karibik von einem deutschen Praktikanten, der nur Schulenglisch spricht?“, fragt etwa Michael Katèrla, der für die Organisation „Arbeiten und Studieren im Ausland“ (Asa) Studenten aus Deutschland und Entwicklungsländern für Hilfsprojekte wirbt. Im Zweifelsfall nehme der einheimischen Jugendlichen noch den Platz weg. Andere Kollegen werden noch deutlicher. Sie sprechen von Abzocke auf Kosten der Armen.

Auch Anna Theresa Schmidt hat sich die Frage nach dem Nutzen für die Einheimischen gestellt. Nach dem Abitur ging die 18- jährige Augsburgerin mit Projects Abroad für ein halbes Jahr nach Indien. In Madurai, der drittgrößten Stadt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, sollte sie schulpflichtige Mädchen in einem Waisenhaus betreuten. Ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Mit ihnen spielen. Sie kämmen. Solche Sachen eben. Die Mädchen begegneten ihr zurückhaltend bis misstrauisch. Anna Theresa sagt, sie könne das verstehen. Freiwillige kämen und gingen. Wie solle da Vertrauen entstehen.

Und doch: Nutzlos war der Einsatz nicht. Schon weil Anna Theresa viel sah und lernte. Die Welt ihrer Schützlinge hörte an der Haustür auf. Es gab weder Fernseher noch PC. Kaum eines der Kinder sprach Englisch. Um die Mädchen zu verstehen, eignete sich Anna Theresa Schmidt deren Muttersprache, Tamil, an. Eine Übung in Disziplin. „Innerhalb von drei Wochen konnte ich lesen und schreiben.“

Über ihre Zeit in Indien hat die Tochter einer Managerin ein Tagebuch geführt. Auszüge davon hat sie in der Lokalzeitung ihrer bayrischen Heimat gedruckt. Von einem Kulturschock schreibt sie dort und wie sie ihn überwunden habe - mit Humor, Neugier und Spaß an der Improvisation. Ihre Erfahrungen sind in gewisser Weise exemplarisch. Wer will, kann ihr Tagebuch als Leitfaden für Voluntouristen lesen.

Pfefferspray in der Tasche

Schon die Wahl ihres Landes war ein Missverständnis. Wenn Anna Theresa Schmidt heute erzählt, warum es sie ausgerechnet nach Indien gezogen hatte, staunt sie über ihre eigene Blauäugigkeit.

Irgendwo hatte sie mal gelesen, dass in Indien die Wiege des Buddhismus stehe. Das hatte ihr Bild von dem Land geprägt. Sie träumte von Menschen, die mit fernöstlich verklärter Miene auf Yoga-Matten sitzen und meditieren. Tatsächlich stieß sie als erstes auf einen Inder, der sich, noch während er in den Straßengraben pinkelte, umdrehte, um ihr einen Satz zuzurufen, den sie noch häufiger hören sollte: „Welcome to India!“

Tamil Nadu, das ist einer der ärmsten indischen Bundesstaaten. Von Buddha fehlt hier jede Spur. Der Staat ist hinduistisch geprägt. Ein Land so groß wie Griechenland, das Klima tropisch. Anna Theresa hat im Anschluss an ihren Einsatz auch das restliche Indien mit dem Rucksack bereist, nie allein, immer eine Flasche Pfefferspray im Gepäck. So hatte es ihr ihr Betreuer in Madurei geraten. Ein indischer Angestellter von Projects Abroad, von dem sie sagt, na klar habe er sich um sie gekümmert. Im Notfall hätte sie ihn auch nachts anrufen können.

Doch was ist das, ein Notfall? Ihre Definition davon hat sich verändert, seit sie in Indien einmal barfuß in eine Glasscherbe getreten und Tage später in ein so genanntes Krankenhaus gehumpelt war, mit geschwollenem Fuß. An die hygienischen Verhältnisse erinnert sie sich mit Schrecken. „Der Operationsraum sah aus wie ein Bahnhofssaal. Der Fuß wurde ohne Betäubung aufgeschnitten.“

Eine harte Schule, aber eine, die sie lehrte, wie die Welt auch sein kann. Vielleicht gerade deswegen, weil sie den Eingriff letztendlich ohne Hilfe durchstand. Anna Theresa sagt, es gebe Dinge, die regele man besser allein.

Auch bei anderen Widrigkeiten schaffte sie es, eine Lösung zu finden. So hatte die Gastmutter, die kaum älter war als sie, nur das Nötigste mit ihr gesprochen und nicht daran gedacht, für sie zu kochen. Anna Theresa Schmidt hätte die Familie wechseln können. Aber von ihrer Unterkunft bis zum Kinderheim war es nur ein Steinwurf. Und in einem Land, in dem kilometerlange Staus zum Alltag gehören und man insgeheim betet, dass der Bus seinen Geist nicht schon vor der Endhaltestelle aufgibt, sei ein Umzug eben so eine Sache. Außerdem gehöre so etwas dazu, findet Anna Theresa. Ihr Einsatz in Indien sollte sie ja auch gerade herausführen aus der heimischen Komfortzone.

Reis mit scharfer Wassersoße

Anna Theresa suchte sich eine Ersatzmutter. Es war Latha, 40, eine Tochter, geschieden. Eine Frau aus der Nachbarschaft, die mit ihr Tamil paukte. Sie kochte auch für sie. „Nicht immer nur lauwarmen Reis mit scharfer Wassersoße“, sagt Anna Theresa und lacht.

Indien und die Frauen. Das ist überhaupt so ein Thema. Anna Theresa ringt immer noch nach Fassung, wenn sie von den gleichaltrigen indischen Mädchen erzählt, die sie am College kennengelernt hat.

Sie sagt: „Die hatten alle einen Computer und fuhren ab auf Justin Bieber.“ Man sei zusammen ins Kino gegangen und habe viel gelacht. Doch für die meisten sei nach dem Studium Schluss mit lustig. „Sie werden von ihren Familien verheiratet.“ So sähen es die Regeln im indischen Süden vor.

Anna Theresa Schmidt wollte es nicht glauben. Auch deshalb hat sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Was sie während ihres sechsmonatigen Aufenthalts in Indien schockiert hat. Was sie kurios fand. Und auch, was sie erheitert hat. Auf dem Schreibtisch in ihrer Studentenbude stapeln sich Fotos, zu jedem kann sie eine lange Geschichte erzählen. Zum Beispiel die vom Taj Mahal, dem berühmtesten Mausoleum der Welt. Einem der sieben Weltwunder.

Ein Foto zeigt Anna Theresa, wie sie mit einem Pappschild vor dem monumentalen Bauwerk steht. „Zehn Rupien pro Foto“, hat sie auf Englisch mit Kugelschreiber darauf gekritzelt. Sie sagt, auf ihrer Reise nach Agra sei ihr und ihren Mitreisenden das Geld ausgegangen. Also taten sie etwas, was europäische Backpacker in Indien tun, wenn sie pleite sind. Sie posierten mit Einheimischen für Fotos – gegen Bargeld. Ein lukrativer Job, wie sich herausstellte. „Nach zwei Stunden hatten wir soviel Geld verdient, dass wir uns davon zwei Nächte im Hotel leisten konnten.“

Erfahrenere Freiwillige hätten gleich ein Blog über ihre Erlebnisse geführt und versucht, Anzeigen an Firmen zu verkaufen. „Fundraising wird immer wichtiger“, sagt Michael Harms von Projects Abroad. Einen Leitfaden hat der kommerzielle Reiseveranstalter auf seine Homepage gestellt. Er lehrt Schulabgänger, Freunden, Bekannten und der Familie Geld aus den Rippen zu leiern. Und das geht so: Den Erfahrungs-Trip als gute Tat verkaufen. Einen Marathon organisieren, eine Motto- Party oder eine Auktion. Den Erlös in die eigene Tasche stecken. Am besten auch die örtlichen Medien informieren. Und die Sponsoren auf dem Laufenden halten, wenn möglich via Facebook. „Lade Fotos von deinem Zielland hoch, damit sich deine Bekannten ein Bild davon machen können, was du vor Ort machst. Fotos haben immer eine besonders gute Wirkung“, so der Veranstalter.

Zwar dienen viele Einsätze wohl mehr der eigenen Entwicklung als der der Armen der Welt. Doch auch das kann man ja als Fortschritt betrachten. Und ohne solche Tipps könnten sich viele Abiturienten den Trip nicht leisten. 7000 Euro hat Joshua Franz bislang bezahlt. Geld, das seine Großeltern für seine Ausbildung zurückgelegt hatten. Jetzt ist es weg, und seine alleinerziehende Mutter hat ein Problem. Die Deutschlehrerin sagt, sie habe sich verschulden müssen, weil der Staat das Kindergeld nur für Freiwillige weiterzahlt, die als Stipendiaten staatlich anerkannter Organisationen im Ausland arbeiten.

Doch Joshua ist zufrieden. Für den Berliner, der derzeit noch in Südafrika im Einsatz ist, hat sich die Investition jetzt schon gelohnt. Er war in die Ferne gereist, um herauszufinden, wer er ist. Und über sich und die Welt hat er, der behütet mit Mutter und Oma aufwuchs, wohl tatsächlich einiges erfahren.

Man erwischt Joshua Franz in einem Internet- Café in Kapstadt. Ein Schlaks in Jeans und T-Shirt, der Teint gebräunt, das Haar raspelkurz, das Gesicht schmaler und ernster als auf dem Passbild, das noch aus Schulzeiten stammt. Dass er in Kapstadt Menschen zum Gericht begleitet, die sich keinen Anwalt leisten könnten, erzählt er. Und wie sehr ihn dieser Job ausfülle. Doch die Skype-Verbindung ist schlecht. Der Ton bricht immer wieder ab. Aber das kennt er schon.

Joshua sagt, er habe in Afrika gelernt, dass nichts von dem selbstverständlich sei, was er für selbstverständlich hielt. Duschen, so lange man will. Einen Salat oder ein Stück Obst an jedem Tag. Auch nicht das Internet. Zweimal wurde ihm das Handy geklaut. Einmal stand er ohne Geld da, weil die Kreditkarte nicht funktionierte. In diesen Momenten halfen ihm die Betreuer seiner Organisation.

Wunsch nach Austausch

Gesche Marleen Hausin und Hanna Göppert haben ihr Abenteuer noch vor sich. Im Juli fliegen sie für drei Monate nach Nicaragua, um Workshops zur Klimagerechtigkeit zu organisieren. Sie sind Stipendiatinnen von „Arbeiten und Studieren im Ausland“ (Asa) aus Berlin. 1960 wurde das Programm von Studenten für Studenten gestartet. Lange, bevor das Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) staatlich subventionierte Freiwilligen-Reisen 2008 in dem Programm „Weltwärts“ bündelte, leisteten die Gründer von Asa Pionierarbeit.

Projekte werden bis heute von gemischten Studententeams aus Industrie- und Entwicklungsländern gestemmt. Gesche Marleen Hausin und Hanna Göppert probieren zudem ihre Workshops im Vorfeld an Berliner Schulen aus. Unterstützung bekommen sie dabei von zwei Kommilitoninnen, die erzählen können, wie dramatisch sich der Klimawandel schon heute auf ihren Alltag auswirkt. Dafür sind Maria Conchita Gonzales Moya, 21, und Yessenia Castro, 20, nach Berlin gekommen.

Gerade sitzen sie zu viert vor einer Pizzeria in Neukölln, rühren in ihren Cappuccinos und diskutieren. Darüber, dass das Wasser in Nicaragua knapp wird und sich der Preis für Mais infolge der Dürre verdreifacht hat. „Entwicklung muss nicht primär im globalen Süden stattfinden, sondern im Norden. Wir müssen unser Konsumverhalten ändern“, sagt Gesche ernst. Maria lächelt. Sie sagt, die Deutschen seien auf einem guten Weg. Dass die ihren Müll trennen, hat sie beeindruckt.

Klar mache sich ein Auslandsaufenthalt gut im Lebenslauf, sagen die Studentinnen. In erster Linie gehe es ihnen aber um etwas anderes: um den Austausch. Und der hat bereits begonnen. Mitten in Berlin.