Mamas & Papas

Die härteste Zeit des Jahres – für Eltern

Wir sind eine anerkennende Familie. Die Jungs können sich ja nur zu friedfertigen Ökoladen-Einkäufern entwickeln, wenn wir Eltern Anteil nehmen, gerade am schulischen Geschehen.

Zum Ende des Schuljahrs allerdings wuchert uns der Anteilnahmeanteil ein wenig aggressiv durch den Terminkalender. Die spaßreiche Vorferienzeit beginnt schon kurz nach Ostern. Kaum hat man Berge von Hasen-Basteleien gar nicht mal so schweren Herzens auf die Mülltonnen verteilt, zieht die Schule das Bildungsprogramm für die Eltern deutlich an.

Zuerst war Theater AG. Zwei Stunden auf Grundschulstühlen ersparen ein Yoga-Wochenende. Die Luft in der Turnhalle, treffender „Kleinlagerraum“, versetzt den Ernährer in Sekundenschlaf. Ausgerechnet bei Hansens Aufmarsch bin ich weggenickt. Zum Glück hatte er eine Rolle, die ihn das ganze Stück über auf der Bühne hielt, zugleich aber zu völlig ungewohntem Stillstehen zwang. Aus der Papprolle heraus konnte er nicht mal winken. Alle Kinder sollten einmal einen Baum gespielt haben.

Die Woche darauf lud die Musik AG ein. Hans traktiert zwar kein Schulinstrument. Aber wenn wir nicht zum Orffschen Trommelterror antreten, boykottieren die Musiker-Eltern das Theater. Nächste Woche wird mein Kreislauf bei der Schach AG ins Bodenlose sacken, die Chefin absolviert danach das Sportfest. Weil alle anderen Eltern filmen, muss ich auch. Gerade im frühschulischen Bereich entscheide elterliche Zuwendung über das weitere Leben, sagt die Chefin. Also gut, halte ich eben auch ein Smartphone hoch. Der Akku ist leer, aber den Film guckt sich eh nie wieder jemand an. Grundschulaufführungen haben den Vorteil einer gewissen Berechenbarkeit: in letzter Sekunde ankommen, dösen, klatschen, Lehrer überschwänglich loben, mit überdrehtem Zwerg nach Hause taumeln. Alsbald aber wird es unberechenbar. Denn der Große schlägt das ultimative Kapitel elterlichen Schulbespaßens auf: den Abiball.

Meinen Hinweis, den eigenen Ball aus gesellschaftskritischen Gründen geschwänzt zu haben, lässt die Chefin nicht gelten. Mein zweiter Hinweis, dass das Ballkleid in all den Regenwochen bestimmt eingelaufen sei, wird mit körperlicher Gewalt beantwortet. Der dritte Hinweis auf unsere finanzielle Lage wird gekontert mit dem Befehl, eines meiner Rennräder auf Ebay zu verhökern. Also gut, kein Entkommen. Problem: Was ist eigentlich ein Abi-Ball? Muss man sich benehmen? Können die Noten korrigiert werden? Ab wann darf ich mich betrinken? Und vor allem: Muss ich tanzen? Die Vorab-Informationen unseres Herrn Sohnes sind dünn. Es werde eine „Performance“ geben, außerdem sei er für die Moderation des Abends auserkoren worden. Es werde lustig. Basta. Was ist, wenn er auf der Bühne erzählt, wie sehr sich der Ernährer mit den Hausaufgaben gequält hat? Und was soll ich anziehen? Den speckigen Smoking, der ein wenig spannt? Mehr Business-Style? Oder ein Soli-Sakko in Tweed mit einer gewagten Cordhose in Pistazie? Und dazu eine Holzfliege, wegen der Nachhaltigkeit?

„Papa, du bist peinlich“, sagt der Abiturient, als ich ihn in meine modischen Überlegungen einweihe. Klar, dafür reicht die elterliche Existenz. Aus Rache werde ich im Trainingsanzug kommen, feinste Ballonseide, Modell Berlin 1983. Die Kids werden mich bestürmen, woher ich dieses scharfe Teil habe.Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.