Mamas & Papas

Väterliche Flucht vor der heimischen Diktatur

Die Elternkolumne

Wir sind eine rücksichtsvolle Familie. Mutti darf am Muttertag ausschlafen und bekommt dann eine Art Brunch im Bett serviert. Kindertag ist ohnehin mehrmals die Woche. Nur für den Ehrentag des Ernährers haben wir noch keinen überzeugenden Ablauf gefunden. Früher, als Vater noch Ansehen genoss, war das Programm klar: Bollerwagen, Bier, mit Doppelkorn nachsteuern und Herrenwitze satt. Polyacrylsocken lappen kühn vorn aus der Sandale, dazu Shorts, die der Hawaiianer nicht mal zum Surfbrettputzen nähme.

Leider ist die Chefin nicht sehr traditionsbewusst. Ich wolle doch am „Herrentag“ bestimmt was mit den Jungs unternehmen, fragte sie und sprach „Herrentag“ so spöttisch-spitzlippig aus, als handle es sich um Fußpilz. Um ehrlich zu sein: Nein, ich wollte nichts mit den Kindern unternehmen, sondern mit den echten Jungs. Mit den Schicksalsgenossen, die zu Hause ebenfalls nichts zu sagen haben und ein einziges Mal im Jahr der heimischen Wohlverhaltensdiktatur entfliehen wollen, um total unvernünftig zu sein – ohne den derzeit angesagten Ernährungsratgeber zu befragen, wie viel grünen Tee man bei Vollmond trinken muss, um die ganzen freien Radikalen wieder einzufangen.

Das sei ein sehr egoistischer Plan, befand die Chefin. Stimmt, dachte ich, der „Vatertag“ heißt ja schließlich auch nicht „Familienrücksichtnahmetag“. Ob ich mir meiner Vorbildfunktion eigentlich bewusst sei, bohrte Mona weiter. Hans habe schon mehrfach gefragt, wann Vati denn endlich wieder mit ihm Fußball spielen gehe; das letzte Mal datiere ihrer Erinnerung nach aus dem Frühjahr 2011. Ich erinnere mich vage an die Bänderdehnung, die mir sechs Wochen Humpeln eingebracht hatte.

Das Handy schrie „Höllehöllehölle“, mein Klingelton zum Vatertag. Micha war dran, um zu klären, in welcher Darreichungsform das Bier gewünscht sei (selbstkühlendes Fass natürlich) und ob Plastikbecher für den Schnaps gefragt seien (Unsinn, weil unökologisch). Vorfreude wollte dennoch nicht aufkommen. Die Chefin hatte mit ihrer Strategie das Gift des schlechten Gewissens in meine zarte Vaterseele gepumpt. Ob ich die Jungs mitbringen könnte, wollte ich von Micha wissen. Er war mittelbegeistert.

Vor den eigenen Söhnen kann sich ein Vater natürlich nicht richtig gehen lassen, schon gar nicht in der hart umkämpften Schlussphase. Mancher Witz wird zudem missverstanden, erst recht beim Nacherzählen vor der Chefin, die mich ausgerechnet in der Ausnüchterungsphase vernimmt, warum ich unseren Söhnen Witze vom Affenkastrator beibrächte, wofür sie sich wiederum beim Elternabend zu verantworten habe. Aha, denke ich, und warum grölen wir jedes Jahr wieder darüber? Hauptsache, beim Elternabend wird nicht auch noch diskutiert, wie es den Kindern gelungen ist, ihren Vater aus dem Gebüsch und nach Hause zu schleifen.

Ob sie denn Lust auf Bratwurst und Limo hätten, Picknick im Wald und so, lockte ich beim Abendbrot. Ich hatte beide schon euphorischer erlebt. Aus dem Hinterhalt fragte die Chefin: „Wollt ihr nicht lieber mit Papa Fußball spielen?“ Frenetischer Jubel, als hätte Götze den BVB in der 89. Minute zum Sieger der Champions League geschossen. Tags darauf rief ich bei Micha an, hustete dramatisch und erklärte: „Fiebrige Erkältung.“ Er legte wortlos auf, noch bevor ich versichern konnte: „Nächstes Jahr ganz bestimmt.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.