Wohngemeinschaft

Gemeinsam ist man nicht allein

Wer eine Behinderung hat oder an Demenz erkrankt ist, muss nicht in ein Heim. In Berlin gibt es zahlreiche Wohngemeinschaften speziell für Menschen, die in ihrem Alltag auf Betreuung angewiesen sind – und die trotzdem so selbstständig wie möglich leben wollen

Am Eingang der weitläufigen, verwinkelten 360-Quadratmeter-Altbauwohnung begrüßt eine bedruckte Fußmatte die Eintretenden: „Heimat“ steht in Weiß auf den braunen Borsten. Der Name soll hier Programm sein. In den zehn Zimmern zwischen Stuck, Holzparkett und Kassettentüren leben Menschen in einer Wohngemeinschaft zusammen, die sich vorher nicht kannten. Gemeinsam haben die vier Männer und sechs Frauen: Sie sind alle im Seniorenalter. Und sie sind alle dement. Die WG im vierten Stock der Sächsischen Straße in Wilmersdorf ist jetzt ihr Zuhause.

Aus der Wohnküche zieht der Duft von kräftigem Gemüseeintopf. Ewald Grünig, ein weißhaariger Herr mit altmodischer Brille, und Elsbeth Wellenkötter, eine Dame mit feinen Gesichtszügen und grasgrünem Strickpullover, sitzen an einem der beiden langen Holztische und schälen Kartoffeln. Am zweiten Tisch kümmern sich ihre Mitbewohner um den Rote-Beete-Salat. Hier wird jeden Tag frisch gekocht, Tiefkühlkost oder Konserven gibt es nicht. Auch gegessen wird gemeinsam. Am Herd der knallroten Küchenzeile überwachen zwei Betreuer die Töpfe. Herr Grünig wippt mit dem Fuß zur Radiomusik, Frau Wellenkötter weist ihn mit einem strengen Blick zurecht, er soll sich auf das Schnippeln konzentrieren.

Zehn Bewohner leben in zehn Zimmern mit drei Bädern, theoretisch gäbe es auch Platz genug für ein Paar, aber zurzeit werden die Räume nur als Einzelzimmer genutzt. Ziel der Demenz-WG ist es, wie eine große Wahl-Familie zusammen zu leben. Im Alltag bedeutet das: Man duzt sich, man kocht zusammen, isst zusammen, feiert Geburtstage zusammen.

Jede Aufgabe ist wichtig

Anderer Ort, eine andere WG. In Kreuzberg haben sich nahe dem Görlitzer Park sechs junge Menschen mit ihren Betreuern ebenfalls in der Küche versammelt. Hier wird heute nicht gemeinsam gegessen, es ist ja kein Wochenende Nur Anne (30) und Pierre (21) bereiten gemeinsam ihre Spaghettisoße zu, Benedict schaut ihnen vom Sofa aus zu. Neben der Tür hängt der Pflichten-Plan für diese Woche: Anne hat Mülleimer- und Pierre Handtuchwaschdienst, Benedict hat frei. Auch in dieser Wohnung leben Menschen zusammen, die sich vorher nicht kannten. Gemeinsam haben die zwei Frauen und vier Männer: Sie sind alle zwischen 20 und 30. Und sie alle haben eine geistige Behinderung.

Das WG-Leben ist für die an Demenz erkrankten Senioren wie auch für die jungen Leute mit Handicap eine Alternative zur üblichen Heimunterbringung. Für viele, vielleicht sogar für alle, ist es die bessere. Während Menschen wie sie, die im Alltag Betreuung benötigen, in anderen Einrichtungen oft bloß verwahrt werden, bekommen sie in den WGs Hilfe zur Selbsthilfe, sind jeden Tag gefordert und werden zur Selbstständigkeit motiviert.

Laut Alzheimer Gesellschaft leiden in Berlin etwa 53.000 Menschen ab 65 Jahren an Demenz, bundesweit sind es mehr als 1,4 Millionen. In der Demenz-WG ist der Grad des Verlustes der kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten bei den Bewohnern unterschiedlich stark ausgeprägt. „Manche befinden sich noch im Anfangsstadium“, sagt Pflegedienstleiter Jan Zengel. Trotzdem kann keiner der Senioren mehr allein leben. „Sie würden sich verlaufen, würden vergessen, den Herd auszuschalten oder zu essen. Es wäre einfach zu gefährlich.“

Manfred Fiene, ein großgewachsener Mann in hellblauem Oberhemd, ist mit 63 Jahren der WG-Jüngste. Er ist erst vor fünf Monaten eingezogen und bemerkt laut den Betreuern noch seine „Wahrnehmungsdefizite“, wie sie es nennen. Keine einfache Situation, Manfred Fiene ist deshalb manchmal deprimiert. Aber es sei besser, so Zengel, wenn Demenzkranke so früh wie möglich in eine professionelle Einrichtung umziehen. „Dann kann sich noch ein Gefühl von Zuhause einstellen und die Eingewöhnung klappt besser.“

Manfred Fiene steht am Küchenfenster, im Innenhof scheint die Sonne. Er zieht einen kleinen braunen Kamm aus seiner Hemdtasche, zieht ihn durchs graue Haar. Fiene ist Diplom-Ingenieur, aber er kann seit einiger Zeit nicht mehr in seinem Beruf arbeiten. Nachdem man bei ihm die Demenz festgestellt hatte, musste er sein Leben komplett umkrempeln. Statt der eigenen Wohnung hat er nun ein paar Quadratmeter großes Zimmer, das er WG-Besuchern zwinkernd als seine „wilde Bude“ vorstellt. Er hat eine Weltkarte an die Wand gehängt und einige Familienfotos. Er besitzt eine Dauerkarte für Alba Berlin, die ist ihm aus seinem alten Leben geblieben. Manchmal geht er mit Freunden zu einem Spiel. Fiene führt ein vergleichsweise selbstständiges Leben. Er darf zu seinem Verein, er darf auch allein zum Bäcker nebenan, diese Wege kennt er, da verläuft er sich nicht. Er übernimmt außerdem gern kleine Hausmeisterarbeiten, das hat ihm schon immer Spaß gemacht, Fiene ölt in der WG knarrende Türen und repariert Elektrogeräte.

Bei anderen Bewohnern wie der 80-jährigen Elsbeth Wellenkötter oder dem 86-jährigen Ewald Grünig beschränkt sich die Selbstständigkeit auf einfachere Aufgaben wie das Helfen bei der Vorbereitung gemeinsamer Mahlzeiten, das Füttern der Fische im Aquarium oder Wäsche zusammenlegen. Jede kleine Aufgabe ist wichtig. Auf einer Liste am schwarzen Brett steht, welcher Bewohner wann mit Tische wischen oder Geschirr abräumen dran ist. Pflegedienstleiter Zengel und seine Kollegen sind sicher: „Feste Aufgaben tun den Bewohnern gut, sie trainieren Alltagskompetenzen.“ Die Tage bekommen so eine Struktur, kleine Tätigkeiten halten Körper und Geist fit.

Ansprechpartner rund um die Uhr

Die zehn Bewohner werden rund um die Uhr betreut, tagsüber sind vier bis fünf Profis da, darunter ein Ergotherapeut, Pflegekräfte, Bundesfreiwilligendienstleistende und Praktikanten. Dazu gibt es Spätdienste und eine Nachtwache. Im Vergleich zu den meisten Heimen gibt es hier viele Ansprechpartner, anderswo sind nicht selten zwei Pflegekräfte für 40 Patienten zuständig.

Die WG der „Montessori & Friends Pflegedienst GmbH“ verfolgt die Grundprinzipien der Reform-Pädagogik von Maria Montessori, bei denen auf Sinnesschulung mit bestimmten Materialien ähnlich denen für Kinder Wert gelegt wird, sowie auf die „aktivierende Pflege“ nach dem Konzept der Pflegewissenschaftlerin Monika Krohwinkel. Das gemeinsame Kochen frischer Zutaten gehört genauso dazu wie spielerische Gedächtnis- oder Geschicklichkeitsübungen und das Bestreben, so wenig ruhigstellende Medikamente wie möglich zu geben. Ziel sei es, heißt es im Leitfaden, den pflegebedürftigen Menschen ein Leben wie in einer großen Familie zu ermöglichen. „Nichts soll an ein Heim erinnern, aber vieles an zu Hause.“ Ihre Zimmer dürfen die Senioren deshalb mit eigenen Möbeln einrichten. Die Idee der Demenz-WG entwickelten die Geschwister Karin und Jörg Wellenkötter, nachdem sie mit der Betreuung ihrer Mutter Elsbeth im Pflegeheim unzufrieden waren. Seit der Eröffnung im Februar 2011 wohnt sie nun in einem der lichtdurchfluteten Altbauzimmer.

Die Nachfrage nach den WG-Zimmern ist groß, aber freie Plätze gibt es eigentlich nur, wenn jemand stirbt. Die meisten Bewohner haben die Pflegestufe II, das heißt, für sie zahlt die Pflegeversicherung die von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales festgelegte Tagespauschale von 95,84 Euro. Die Miete, die monatlich je nach Zimmergröße bei 350 bis 500 Euro warm liegt, sowie einen Beitrag zu den Haushaltskosten von etwa 200 bis 250 Euro muss jeder selbst aufbringen. Wer das nicht kann, für den übernimmt der Sozialhilfeträger die Kosten.

In der Wohngemeinschaft für Menschen mit geistiger Behinderung, die vom Unionhilfswerk betrieben wird, werden Zimmermieten und Haushaltsgeld durch die Grundsicherung bezahlt. Ihr Taschengeld bessern viele Bewohner mit Jobs auf – so arbeitet der 28-jährige Benedict in einer Behinderten-Werkstatt, Pierre hilft in einer Großküche und Anne in einer Kita.

Die 30-jährige Anne ist quasi der alte Hase in der WG. Seit 2003 lebt sie in dem zweistöckigen Hinterhaus. „Ich bin Stubenälteste“, erzählt sie Besuchern stolz. Ihr Zimmer hat sie mit orangefarbener Sternchen-Tapete, Familienfotos, Kuscheltieren und Pferdepostern nach ihrem Geschmack hergerichtet. Anne hört am liebsten „Abba“ und erzählt den anderen gern von ihrem Pflegehund bei ihrer Tante und den Reitstunden in Schönholz. Benedicts Zimmer ist gleich nebenan. An seiner Tür klebt ein „I love Kotti“-Sticker, an der Wand hat er ein Bild mit dem Spruch „Life is full of choices“ aufgehängt, das ihm seine Eltern zum Einzug geschenkt haben. Benedict hat vier Geschwister, aber er bekomme selten Besuch, sagt er. Er mag Michael Jackson und seine Leoparden-Bettwäsche. Benedict lacht viel und steckt die anderen meist mit seiner guten Laune an. Aus dem Flur dringt „Abba“-Musik in sein Zimmer, er zuckt mit den Schultern und rückt sein Basecap zurecht.

Auch hier sind die WG-Bewohner für die Gestaltung ihrer Zimmer zuständig. Ob Pferdeposter, Leopardenbettwäsche oder eine Trimm-dich-Stange, wie Pierre eine hat: Die Betreuer mischen sich nicht ein. Sie haben im Erdgeschoss ein kleines Büro, sind Ansprechpartner und manchmal auch Elternersatz, kontrollieren, ob die Haushaltspflichten erledigt, die Zähne geputzt und die Klamotten gewaschen werden. „Die Betreuer gehen uns manchmal auf den Geist“, sagt Anne und verdreht die Augen. Sie klingt wie eine Jugendliche, die sich über die nervigen Fragen der Eltern ärgert. Zwei Betreuer grinsen im Hintergrund, sie kennen das. Die meisten WG-Bewohner stecken entwicklungspychologisch in der Pubertät.

„Wir gucken und fragen, was er kann“

In Berlin leben laut „Behindertenbericht 2011“ des Senats etwa 580.000 Menschen mit einer Behinderung, fast 400.000 von ihnen gelten mit einem Grad von mindestens 50 als schwerbehindert. Wer in die Unionhilfswerk-WG einziehen darf, wenn mal ein Platz frei wird, wird gemeinschaftlich entschieden, jeder Mitbewohner hat ein Mitspracherecht. „Wir gucken uns den an und fragen, was er kann, was nicht, ob er Kochen gern mag, in die Gruppe passt und so was“, erzählt Anne. Dann wird ein Probewohnen vereinbart, schließlich demokratisch abgestimmt.

Auch hier in der Kreuzberger WG sind immer Betreuer vor Ort, tagsüber zwei und zusätzlich meist ein Praktikant. Abends kommt eine Nachtwache in die benachbarte Behinderten-WG, die im Notfall auch Ansprechpartner für Anne, Benedict, Pierre und die anderen ist.

Motto des Zusammenlebens in der Wohngemeinschaft ist laut Unionhilfswerk, „individuelle Lebensqualität“ zu schaffen. Was das heißt? Ein Zuhause. Eine Art Familie. Eine Heimat für Menschen, die im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind.