Dinge des Lebens

Eine blendende Erscheinung

Constanze Hallensleben, 43 Jahre, Bloggerin aus Friedenau

Müssen die Dinge, die uns umgeben, funktional sein – oder vor allem schön? Constanze Hallensleben kann diese Frage ohne Umschweife beantworten. Dennoch zögert sie ein wenig, bevor sie mit ihrer persönlichen Wahrheit herausrückt. „Ganz ehrlich?“, fragt die 43-Jährige fast etwas verschämt. Dann beginnt sie zu lächeln. „Also, was mich umgibt, muss schon auch praktisch sein“, sagt sie. „Aber die Ästhetik, die geht vor.“ Damit spricht Constanze Hallensleben aus, wovon ihre durchkomponierte Wohnung ganz ohne Worte erzählt. Vor allem aber ein Ding: eine Lampe, die eigentlich gar keine Lampe ist. Kunstkenner würden sie „Objekt“ nennen, Menschenkenner eine Herzensangelegenheit.

Ganz bescheiden steht er da neben dem Sofa auf einem Stapel Bücher, der „Rosenkavalier“. Und zieht doch die Blicke auf sich. Der „Rosenkavalier“ ist ein Kunstwerk des französischen Künstlers Roland Roure, geschaffen aus Holz, Blech, Draht und Fiberglas. Ein wenig Farbe macht aus dem Material eine männliche Gestalt. Grau ist der Sockel, taubenblau die Hose, rot-weiß der Ringelpulli. Mit der Rechten umschließt die Figur drei Stängel mit gelb blühenden Blüten, die dem Betrachter mit ausgestrecktem Arm präsentiert werden. Der wahre Zauber des Objekts entpuppt sich indes bei der Berührung des linken Arms. Ein eingelassener Draht sorgt dafür, dass die Halogenlampe im Kopf des „Rosenkavaliers“ angeht, woraufhin dessen Wangen zart erröten.

Constanze Hallensleben lacht. Auch ihre Wangen haben nun Farbe bekommen, ihre Augen glänzen vor Begeisterung. Auf der Messe „Ambiente“ in Frankfurt habe sie das Objekt von Roure gefunden, erzählt sie. Na gut, es sei nicht unbedingt ein praktisches Leselicht. Dennoch brenne der „Rosenkavalier“ jeden Abend im Wohnzimmer: „Durch sein Licht bringt er Leben in den Raum, und er macht gute Laune.“

Dass Constanze Hallensleben den „Rosenkavalier“ als ihr Lieblingsding bezeichnet, gleicht einem Ritterschlag. Denn ihre Wohnung ist voll von Kleinoden. Den Raumtrenner zwischen Wohn- und Essbereich ziert eine Sammlung außergewöhnlicher weißer Vasen. Auf einem schmalen Bord knapp unter der Altbaudecke marschiert eine Reihe kunstvoll geschnitzter Tierfiguren aus der Lausitz. Auf ihrem Schreibtisch ein stylischer Laptop, darüber eine filigrane Drahtskulptur in Engelsform, ein Mitbringsel aus Paris. Constanze Hallensleben ist eine Sammlerin schöner Dinge; sie selbst nennt sich „ein Trüffelschwein“. Und sie ist Fachfrau.

Die geborene Kielerin lernte in der Lehrwerkstatt des SFB den Beruf der Inneneinrichterin, arbeitete dann jahrelang bei der renommierten Berliner Einrichtungsberatung Seidlein & Seidlein. Nach der Geburt ihres Sohnes, der heute 16 Jahre alt ist, machte sie sich selbstständig. Den schönen Dingen blieb sie treu: So erstellte sie einen exklusiven Versandkatalog für erlesene Wohnaccessoires, beriet Berlinerinnen und Berliner mit wenig Zeit oder Geschmack beim Einkaufen, baute als Creative Managerin die „Wohnen“-Kategorie eines großen Versandhändlers auf und gründete – ihr neuester Coup – einen eigenen Blog. Creme Berlin heißt er und will eine Plattform für Highlights in und aus der Hauptstadt sein. Hier finden Liebhaber bemerkenswerter Menschen, Orte und Dinge Hinweise auf besondere Produkte und Läden aus den Bereichen Wohnen, Essen, Schönheit und Mode.

„Rein kommt in den Blog nur, was ich persönlich wirklich mag“, sagt Constanze Hallensleben, und man sieht ihr an, wie sehr sie sich über diese Errungenschaft freut. Anstatt – wie früher häufig notwendig – Kompromisse zu finden und Bestehendes zu optimieren, kann sie nun frei von gestalterischen und finanziellen Zwängen ihrer Lust am Entdecken frönen. Chic oder neu sind dabei nicht die ersten Kriterien. „Ich mag handgefertigte, nachhaltige Dinge. Dinge, in die Menschen viel Herzblut und Kopf gesteckt haben“, sagt sie. Einfallsreich sollen sie sein, liebenswert, gern auch verspielt. Auf jeden Fall aber besonders. Und bestenfalls gibt es zu ihnen eine Geschichte.

All das trifft auch auf den „Rosenkavalier“ zu. Mit einem zarten Fingertipp bringt Constanze Hallensleben seinen Kopf zum Glühen, löscht dann das Licht mit einem weiteren Stups wieder aus. Das Lichtobjekt ist nicht das einzige Kunstwerk von Roland Roure in der Friedenauer Wohnung. Eine mannshohe Skulptur bekamen Constanze Hallensleben und ihr Mann zur Hochzeit geschenkt. Den Esstisch und ein Regal zieren weitere Figuren. Sie sind zart und dennoch robust, lassen sich bewegen, bringen den Betrachter zum Schmunzeln. Constanze Hallensleben imponiert, wie der von Pablo Picasso inspirierte Künstler Schrott zu neuem Leben erweckt. Sie bewundert seine Originalität und die durchdachte Ausführung. Und sie freut sich, dass die Objekte von Roland Roure noch einigermaßen erschwinglich sind: 820 Euro hat die Bloggerin und Inneneinrichterin für den 50 Zentimeter hohen „Rosenkavalier“ bezahlt. Auch ihr Mann war begeistert, als Constanze Hallensleben mit einem weiteren Roure nach Hause kam. Und ihr Bruder: Er bestellte sich ebenfalls ein Exemplar aus der Serie.

Manchmal aber, gesteht Constanze Hallensleben, hat es ihre Familie mit ihr nicht so leicht. Dann etwa, wenn sie mal wieder das Spülmittel aus der Originalverpackung in eine Pumpflasche umfüllt, damit es sich harmonisch in die Küche einpasst. Oder wenn sie sich angesichts des Badezimmer-Waschtisches unbelehrbar zeigt, der zwar äußerst elegant ist, aber auch ziemlich unpraktisch. Constanze Hallensleben streicht sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und zuckt mit den Schultern. Sie kann nicht anders, sie war schon als Kind so. Sammelte, arrangierte, ordnete, entwarf.

Kein Zweifel: Constanze Hallensleben hat Design im Blut. Wie gut, dass es den Blog gibt. Jeder Klick auf blog.cremeberlin.com zeigt ihr: Es gibt genug Leute, die ticken wie sie. Ein Grund mehr, weiter auf die Suche zu gehen nach den schönen Dingen auf dieser Welt.

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung für Sie hat oder der Sie schon sehr lange begleitet? Dann scheiben sie uns doch: familie@morgenpost.de