Mamas & Papas

Warum Götze Kotze ist und Hoeneß in den Knast muss

Wir sind eine tragische Familie. Keine Millionen in der Schweiz, kein Steuerberater- oder Anwaltsmandat, um einen Geldverstecker rauszuhauen, kein Staatsanwaltsjob, um sich wenigstens als Hüter des Guten fühlen zu dürfen, nicht mal einen Sohn, den man für 37 Millionen Euro nach Südeuropa verscheuern könnte oder wenigstens an Cottbus, für zwei Dauerkarten. „Götze ist Kotze und Hoeneß in den Knast“, johlte Hans, als er neulich aus der Schule kam. Er hatte sich bislang nicht sonderlich für Fußball interessiert.

Der Schulhof ist wie Internet: Wenig Halbwissen und viel Emotion führen zu stabilen Meinungen. „Wer ist denn dieser Hoeneß?“, fragt der besorgte Vater, der Vorurteile und Stereotypen ablehnt, solange sie sich gegen Borussia Dortmund richten. „Der muss ins Gefängnis, weil er von Bayern ist“, erklärt Hans. Interessanter Zusammenhang. „Und was hat er angestellt?“, bohre ich. „Weil der..., weil der... hat Götze gekauft?“, schlingert mein Sohn. Wehmut: Halb Berlin würde freiwillig ein Wochenende ins Gefängnis gehen, wenn Hertha aus Versehen mal einen Kicker aus der Götze-Klasse kaufte, anstatt Perlen wie die Boatengs mit Bestehen der Führerscheinprüfung ziehen zu lassen. Aber jetzt ist keine Zeit für Sentimentalitäten, die Erziehungspflicht ruft. Heute: Einführung ins Steuerwesen. „Stell’ dir vor, du bekommst nicht einen Euro Taschengeld, sondern nur 70 Cent.“ Hans nimmt Protesthaltung an, ich kontere mit eiskaltem Nussbaum-Blick. „Ab sofort 30 Cent von jedem Euro in die Familienkasse. Dafür wird das Essen für alle gekauft.“ Hans versucht auszurechnen, welche Steuerlast auf sein Sparschwein drückt. „So, und nun stell’ dir vor, Opa schenkt dir zehn Euro. Davon müsstest du drei Euro in die Familienkasse zahlen, vergisst es aber.“ Hans guckt ertappt. „Uli Hoeneß hat ganz viel Geld von einem Opa vergessen, weil er so viele staatstragende Ansprachen halten musste. Deswegen muss er vielleicht ins Gefängnis.“ Ungläubiger Blick. Mein Sohn hatte sich Kriminalität offenbar dramatischer vorgestellt, mit Blut und Verfolgungsjagden. „Haben die Bayern jetzt nichts mehr zu essen?“, fragt er besorgt. Dieses Übermaß an Empathie hat er von der Chefin geerbt, was herzergreifend ist, aber in Steuerfragen eher hinderlich. Andererseits – eine spannende Frage: Wer zahlt eigentlich in die bayerische Mannschaftskasse? Beckenbauer versteuert in Österreich, Ribery in Frankreich, Martinez in Spanien und Gomez in Stuttgart. Und dann noch der Länderfinanzausgleich: Allein für die nächtliche BER-Beleuchtung braucht man bestimmt die Steuern von Neuer und Müller und Schweinsteiger. Das können die bayerischen Zahnärzte mit ihren Solaranlagen auf den Datschen gar nicht wieder rausholen. „Die haben ja noch ihre Weißwürste“, beruhige ich Hans, „und die Nürnberger vom Hoeneß.“ Damit wäre die Hungersnot beim FC Bayern abgewendet.

Bleibt der Fall Götze. „Wenn du bei Joshuas Eltern dreimal so viele Weihnachtsgeschenke bekommst wie bei uns, wo würdest du dann leben wollen?“ Hans überlegt: Endlich der Lego-Todesstern oder weiterhin berechenbarer Stress mit uns? „Du müsstest die Geschenke aber versteuern“, füge ich hinzu. Der Sohn bittet sich Bedenkzeit aus. Ich nenne ihn „Hans Götze“. Er will mit seiner Mutter unter vier Augen verhandeln. Kinder können gar nicht früh genug mit realitätsnahen Loyalitätskonflikten konfrontiert werden.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.