Serie: Vom Hobby zum Traumberuf

Wenn ich groß bin, werd’ ich... Feuerwehrmann

Mit einem Jahr bekam Julius sein erstes Feuerwehrauto. Heute sitzt er mit Helm und Schutzanzug im echten Löschfahrzeug – bei den „Löschzwergen“ der Freiwilligen Feuerwehr Gatow

Irgendwie will der rechte Kampfgeist nicht aufkommen. Mit aller Kraft legen sich die Jungen und Mädchen auf der anderen Seite in ihr Tau, während in Julius’ Team klar zu sein scheint, wer als Sieger aus dem Wettstreit geht. Der Abstand zur Mittellinie wird immer kleiner, und am Ende liegt das Seil drüben. Keine Schande, findet Julius. Wo doch Justus unter den Gegnern war, der Karate macht. Und dazu Lukas, auch ein starker Kontrahent.

Tauziehen bei der Feuerwehr — für die Gatower „Löschzwerge“ ist das ein häufiger Programmpunkt. Sportliche Spiele und Ausflüge gehören beim Nachwuchs der Freiwilligen Feuerwehr zum Trainingskonzept. Zuvor allerdings hatten die elf Jungen und vier Mädchen in der winzigen Feuerwache gesessen. Brandschutzerziehung war das Thema des Tages. Wie sehr kokelnde Kunststoffe stinken und qualmen, während Haare blitzschnell verglühen, haben Julius und seine „Kameraden“ mit einer Kerze ausprobiert. „Man konnte erkennen, dass der Rauch und die Flamme immer anders aussehen. Und ob Funken sprühen oder der Brennstoff schwarz wird“, sagt Julius.

Die Faszination des Feuers

Dass er selbst so bald Feuerwehrmontur tragen würde, samt Sicherheitsschuhen, Helm und Schutzanzug, hätte der Schüler vor einiger Zeit noch nicht gedacht. Dabei faszinierten ihn die Retter mit ihren roten Autos schon immer. Zum ersten Geburtstag bekam er ein Sachbuch, dazu ein hölzernes Löschfahrzeug mit Blaulicht, das richtig blinkte. Von da an „waren die Wünsche nach Feuerwehrspielzeug immer aktuell“, sagt Julius’ Mutter Sandra Götsch. Leiter- oder Löschwagen aus den Spritzguss-Spielwelten eines fränkischen Spielzeugherstellers, Bücher, die sichtbar geliebt und zerschlissen wurden. Mehr als zehn Feuerwehrautos aller Größen und Ausstattungsgrade zählt Julius zu seinem Fuhrpark. Darunter auch Sammlerstücke vom Tag der offenen Tür der Feuerwehr in Kladow. Denn solche Termine sind Pflicht in Julius’ Familie.

Einige Jahre ist es her, da entdeckte die Familie auf Sylt ein brennendes Reetdach. Die Feuerwehr löschte bereits. „Ein Jahr später kamen wir wieder dort vorbei, und Julius hat sich sofort erinnert“, erzählt Vater Uwe Wunschik. Niemals durfte auf den Besuch des Osterfeuers bei den Großeltern in der Lüneburger Heide verzichtet werden. Erst seit Neuestem beginnt Julius gegen das jährliche Familientreffen zu rebellieren. Seit er mit der Feuerwehr das Gatower Osterfeuer begleiten würde — wäre er nur nicht immer gerade dann im Urlaub. Mit meterhohen Gehölzhaufen und 7000 Besuchern zählt es zu den größten in der Region.

„Feuer“, sagt Uwe Wunschik, „besitzt einfach eine Faszination.“ Brennt daheim eine Kerze, „puste ich die immer wieder aus und zünde sie neu an. Und dann sage ich, der Wind hat sie ausgeblasen“, erzählt Julius grinsend. Allerdings, seit er bei der Feuerwehr ist, sei er „so ein bisschen“ vorsichtiger geworden, sagt der Achtjährige, zeigt mit den Fingern eine winzige Spanne und lacht spitzbübisch.

Die Statistik belegt, dass das Training schon bei den Kleinsten jenseits aller Begeisterung für knisternde Flammen nicht ohne Wirkung verhallt. Etwa 20 Prozent des Nachwuchses bleiben dem ehrenamtlichen Dienst auch später treu. Für die Berliner Feuerwehr sind die 44 Jugendgruppen mit zusammen derzeit 929 Mitgliedern damit eine unverzichtbare Personalressource. Das würdigt in diesem Jahr auch die Deutsche Nationalstiftung, die den deutschen Jugendwehren den renommierten Nationalpreis verleiht. „Dass jemand erst als Erwachsener zu uns stößt, ist die große Ausnahme“, sagt Tim Krüger, Sprecher der Berliner Jugendfeuerwehr.

Seit 17 Jahren gehört er selbst zu den Freiwilligen Helfern. Elf seiner insgesamt 21 Kameraden in Gatow kamen wie er aus der Jugendwehr, sie alle engagieren sich heute selbst für den Nachwuchs. Ein Freund hatte Krüger damals zu der Gruppe mitgenommen. „Was mich als Zehnjährigen begeisterte, war dasselbe wie heute bei Julius: die Autos, die Technik, das Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt er. Er war noch keine 18, da durfte er zu seinem ersten richtigen Einsatz mitfahren: „Ich war gerade auf der Wache, das war mein Glück.“ Mit dem Löschfahrzeug rückten sie aus, um eine Ölspur zu beseitigen. „Eigentlich etwas ganz Harmloses“, erinnert sich der heute 27-Jährige. „Aber für mich war das spannend ohne Ende.“

Aus der Gatower Kinderfeuerwehr, gegründet Anfang 2012, wechselten bereits zwei Mitglieder in die Jugendwehr. Das ist auch Julius’ nächstes Ziel. Schon kurz vor seinem achten Geburtstag, eigentlich das Mindestalter, war er zu den Löschzwergen gestoßen. „Das ist doch was Cooles“, sagt Julius. Noch üben die Kinder mit kleinen Schläuchen und Spritzdüsen, richtige Einsätze sind tabu. Im echten Notfall Menschen zu retten aber stellt sich auch Julius spannend vor. Und wichtig, ja, das sei klar. So klar, dass man es nicht erwähnen muss.

Echte Signalpfeife vom Onkel

Die Kinder zu begeistern, fällt leicht, wenn sie mit Blaulicht durch Gatow fahren dürfen oder an der Havel die Spritzen austesten. Dabei fällt gar nicht so ins Gewicht, dass durchaus richtig gelernt und trainiert wird. Nicht nur jeder Handgriff, auch Teamfähigkeit wird geübt. Beim Übungsfeuer war es nicht Julius, der spritzen durfte. „Ich musste Schläuche aufrollen. Das hat total lange gedauert“, stöhnt er. „Und als ich fast fertig war, ist alles wieder weggerutscht.“ Daran, dass er mal nicht zum 14-tägigen Treffen wollte, kann er sich dennoch kaum erinnern. Zu sehr steht der Spaß im Fokus. Sicher, später kann es gefährlich werden. Müssen Menschen aus dem Eis gerettet, Hochhäuser in voller Kluft im Dauerlauf erklommen werden. Sein Großonkel hat all das gemacht. Das Foto von dem Berufsfeuerwehrmann hat Julius oft im Album bewundert.

Auf die emotionale Belastung bei schweren Unglücken könne man sich kaum vorbereiten, weiß Tim Krüger. „Man denkt, man ist gewappnet. Und dann kommt doch ein Einsatz, der einen umhaut. Meist erst im Nachhinein.“ Er war noch gar nicht lange voll dabei, als seinem Team ein 42-Jähriger nach einem Herzanfall vor den Augen verstarb. Die verzweifelte Mutter stand während des gesamten Rettungsversuches daneben. Krüger: „Das war ein erstes einschneidendes Erlebnis.“ Für Julius dagegen sind die Härten des Dienstes weit weg. Noch fasziniert alles, was mit Feuerwehr zu tun hat. Inklusive der echten Signalpfeife, die ihm der Onkel geschenkt hat, mit ihrem durchdringenden Klang. Es ist der Klang des Abenteuers.

Alle Folgen der 14-teiligen Serie findet ihr unter: www.morgenpost.de/traumberuf