Mamas & Papas

Problemzonen bei Grundschülern

Wir sind eine erholungsbedürftige Familie. Schule, Arbeit, Fernsehen, das ewige Gefriere – da müssen mal Ferien sein, am besten in einer Gegend mit Temperaturen über Null Grad.

Die Chefin wollte nach Griechenland, wegen der europäischen Solidarität. Hmm, sind wir da willkommen? Kann man als Berliner glaubhaft versichern, dass man quasi nachbarschaftlich neben dieser Regierung wohnt, aber eigentlich wenig mit den Herrschaften zu tun hat, sind ja eh nie zu Hause? Warum nicht gleich Ferien auf Zypern? Wir wären wohl die einzigen Menschen, die noch Bargeld auf diese Insel brächten. Alle anderen hauen ab damit. Unsere Passbilder würde ich vorsorglich mit einem Bärtchen aufhübschen wie es offenbar Landessitte ist auf der Insel des superseriösen Bankenwesens. In Griechenland sei noch keine Saison, erklärte die Reisefachfrau unseres Vertrauens. Prima, warum nicht nach Sardinien, zu einem Rennrad-Trainingscamp? Die Chefin schnaubte. Da würde die Familie ja kaum Zeit füreinander haben, mäkelte sie. Eben, dachte ich, so minimiert man Konfliktoptionen.

Was ist der Kompromiss aus Zypern und Sardinien? Richtig: Portugal. Auch ein EU-Problemland. Aber ein nettes, ohne Bärtchen und Liechtensteinereien. Dummerweise hatte die Chefin eine Unterkunft zwischen zwei Golfplätzen ausgesucht. Nein, wir haben nichts gegen Menschen mit südwestdeutschem Hintergrund. Gern dürfen sie Prenzlauer Berg bevölkern. Aber warum verfolgen sie uns in unser Ferienquartier? Erstes Fazit: Wir sind immer noch ein geteiltes Land. Während Hans traditionell eine Sandburg zu errichten gedachte, spielen Schwabenmädchen gern was mit Anspruch, Wellness zum Beispiel. Nun, wie sagt man es höflich, ein Schöneberger Bengel ist mit diesen modernen Spielen ein wenig überfordert.

Er habe sich zunächst hinlegen und die Augen schließen müssen, berichtete unser verstörtes Kind nach seiner ersten Wellness-Spiel-Erfahrung. Grundschulmädchen mit Rautenpullovern und ansonsten sehr viel Rosa führten offenbar ein Beratungsgespräch. Man habe sich für seine Problemzonen interessiert, sagte Hans ohne genau zu wissen, was gemeint sein könnte. Kein schlechter Ansatz, dachte ich: Fingernägel, Socken, Wirrhaar – da gibt es eine ganze Reihe Eingriffsmöglichkeiten. Aber wenn Profis Wellness spielen, geht es nicht um Kleinkram, sondern um Fundamentalkorrekturen. Ob er denn seine Gesichtsfalten unterspritzt haben wolle oder lieber ein Komplettlifting, wurde Hans gefragt. Mag sein, dass das Kind nicht über die allerbesten Gene verfügt, aber mit knapp acht Jahren waren chirurgische Renovierungen noch nicht wirklich nötig. Bevor die Mädchen aus Küche und Krankenstation weitere Utensilien besorgen konnten, war das Wellness-Spiel leider vorbei. Die jungen Damen mussten zum Golf-Kurs.

Hans wollte lieber Detektiv spielen. Also robbten wir wie die Kommantschen an den Rand des Grüns und beobachteten Mädchen, die auf Bälle droschen. Hansens künftige Chirurginnen waren offenbar nicht überdurchschnittlich talentiert, dafür kicherten sie unablässig. Ich war nicht erpicht, die Eltern kennenzulernen. Morgen werden wir mit einer Wellness-Gegenoffensive zurückschlagen: Natursand-Peeling an Meersalz-Infusion. Und im Aushubloch neben der Sandburg ist Platz genug, um Golfschläger zu verbuddeln. Und die Mädchen dazu.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann