Sprechstunde

Können meine Großeltern allein über ihr Erbe verfügen?

Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Experte für Familienrecht

Mich beschäftigt schon seit längerem eine ganz bestimmte Frage: Meine Großeltern haben ein Berliner Testament. Aber wie verhält es sich eigentlich in diesem Fall mit Geldvermögen? Also: Kann der Überlebende der beiden Großeltern über dieses, auch bis zu seinem Tod, ganz allein in voller Höhe verfügen? Oder haben die nach dem Tod des anderen erbenden Enkel da schon ein Mitspracherecht?

Günter H., per E-Mail

Es muss zunächst noch einmal erklärt werden, was ein Berliner Testament überhaupt ist. Das ist ein gemeinschaftliches Testament, das zwei Eheleute gemeinsam errichten. In diesem Testament wird die Erbfolge sowohl für den ersten Todesfall als auch für den Fall geregelt, dass der zweite verstirbt.

Da man vorher nicht weiß, wer der beiden Eheleute zuerst sterben wird, wird in dem Testament bestimmt, dass derjenige, der überlebt, das ganze Familienvermögen erbt, also sein eigenes behält und zusätzlich noch das Vermögen des anderen erbt. Die Kinder bekommen bei dem ersten Erbfall noch nichts. In diesem Fall sind sie also enterbt. Als Ausgleich bekommen sie dann aber nach dem Tode des zweiten Elternteils dessen ganzes Vermögen. An die Stelle von Kindern können natürlich auch die Enkelkinder treten, wie das bei Ihnen wohl der Fall zu sein scheint. Die Enkelkinder haben in diesem Fall natürlich die gleichen Rechte wie Kinder, wenn das Kind, von dem die Enkelkinder stammen, schon verstorben ist.

Das gemeinschaftliche Berliner Testament ist so ähnlich wie ein Vertrag zwischen den beiden Eheleuten. Sie können dieses Testament auch nur noch gemeinsam ändern. Das heißt: Wenn einer der beiden gestorben ist, lässt sich das Testament überhaupt nicht mehr ändern. Das hat vor allem darin seinen Sinn, dass der Überlebende ja wieder heiraten kann. Der neue Ehegatte soll den Kindern aber nichts wegnehmen können, denn die Kinder haben in Erwartung des Erbes hingenommen, dass sie beim ersten Erbfall enterbt worden sind.

Darauf beruht sicher Ihre Frage, ob der überlebende Großelternteil über sein Geld frei verfügen kann. Wenn er das Geld komplett ausgibt, dann bleibt bei seinem Tod für die Kinder oder Enkelkinder nichts. Diese haben dann nichts davon, dass das Testament nicht mehr geändert werden konnte. Gegen einen großzügigen Großvater bietet das Berliner Testament keinen Schutz.

Beim Berliner Testament wird der Ehepartner, der den anderen überlebt, uneingeschränkter Erbe. Das Geld, das er von dem anderen geerbt hat, vermischt sich mit seinem eigenem und wird uneingeschränkt zu seinem Vermögen. Er kann damit deshalb auch machen, was er will.

Er kann das Geld für vernünftige Dinge ausgeben, aber natürlich auch für unvernünftige. Die späteren Erben – also in diesem Fall Sie – haben darauf keinen Einfluss. Was der überlebende Partner mit dem Geld macht, ist ganz allein seine Sache und er ist niemandem rechenschaftspflichtig.

Deshalb kann es natürlich auch passieren, dass von dem Vermögen nichts mehr übrig ist, wenn auch der zweite Großelternteil stirbt. Die Kinder oder Enkel gehen dann leer aus. Nur in extremen Ausnahmefällen ist das anders, wenn der überlebende Großelternteil etwa wieder heiratet und seiner neuen Frau das ganze Vermögen schenkt. Oder wenn er das Geld völlig sinnlos verschleudert. Dann haben die Erben deswegen einen Anspruch. Dieser Anspruch steht ihnen aber erst nach dem Tode des Großvaters zu. Solche Fälle sind jedoch sehr selten.

Man könnte das theoretisch verhindern, indem man das Testament anders formuliert. Es ist dann aber kein Berliner Testament mehr. Man kann zum Beispiel bestimmen, dass der Überlebende den anderen nicht beerbt, sondern nur sein Vorerbe wird. Die Kinder oder Enkelkinder werden zu Nacherben bestimmt. Der Vorerbe kann über das Geerbte nicht frei verfügen. Er muss es wie eine Art Treuhänder verwalten und darf nur die Zinsen für sich in Anspruch nehmen.

Weil das aber eine sehr starke Einschränkung für den überlebenden Ehegatten bedeutet, wollen die meisten Ehepaare das nicht. Eine echte Vorerbschaft kann vom Berater deshalb nur in seltenen Ausnahmefällen empfohlen werden.

Haben auch Sie eine Frage an unseren Rechtsexperten? Dann schreiben Sie an familie@morgenpost.de . Dr. Max Braeuer beantwortet die Leserfragen in loser Folge in seiner Kolumne an dieser Stelle.