Bildung

Werkstatt der Kulturen

Brücken bauen und Vorurteile bekämpfen: Das ist Alltag an der Fallada-Grundschule. Hier lernen fast nur türkisch- und arabischstämmige Kinder sowie immer mehr Roma. Es funktioniert – auch dank fantasievoller Methoden, etwa einem Lernlabor

Mustafa atmet tief durch, etwa 30 Kinder sitzen ihm gegenüber. Sie warten darauf, dass er ihnen sein Thema präsentiert. Mustafa, neun Jahre alt, hat sich für Brücken entschieden. Mit Holzbausteinen führt er vor, wie er sie gebaut hat. Er sagt: „Das Problem war, ich habe immer ganz nach oben gebaut. Dann sind die Brücken aber immer ganz schnell eingestürzt.“ Kurze Pause, die Kinder schauen gespannt. „Man muss versetzt bauen, die Steine ineinander schieben, das ist stabiler.“ Mustafa zeigt den anderen sein Modell, auf das er zehn Kilo legen kann, ohne dass es zusammen fällt. Die Kinder klatschen.

Montagnachmittag in der multimedialen Lernwerkstatt der Hans-Fallada-Grundschule in Nord-Neukölln. Schüler der dritten und vierten Klassen präsentieren heute ihre Forschungsergebnisse. Seit Januar haben sie sich einmal pro Woche mit verschiedenen Themen beschäftigt. Sie haben batteriebetriebene Autos gebaut, versucht aus Pflanzen Farben herzustellen und erforscht, wie viel Schwung eine Murmel braucht, um bis ans Ende des Raumes zu rollen. Was dabei heraus gekommen ist, führen sie nun ihren Klassenkameraden vor. Ein paar Eltern sind auch gekommen.

90 Roma-Kinder an der Schule

Die 2011 eröffnete Lernwerkstatt in der Fallada-Grundschule ist wie ein großes, modern eingerichtetes Forschungslabor. Es gibt jede Menge Materialien: Holz, Papier und Stoff, Elektrobauteile, Farben und viele Bücher. Es gibt Lupen, Waagen, Wasserbecken und Thermometer. Die Kinder sollen sich mit den Zusammenhängen des alltäglichen Lebens beschäftigen, die so selbstverständlich wie geheimnisvoll sind. Sie sollen Fragen stellen und selbst herausfinden, wie die Dinge funktionieren. Ihre Erkenntnisse schreiben sie dann in ein digitales Tagebuch.

Besonders ist vielleicht, dass sich das Forschungslabor nicht in einer Schule in einem gutbürgerlichen Bezirk befindet. Die Fallada-Schule liegt zwischen U-Bahnhof Karl-Marx-Straße und S-Bahnhof Sonnenallee, mitten im sozialen Brennpunkt. An der Grundschule lernen 400 Kinder, weitere 120 Schüler besuchen das Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Lernen, das sich auf dem Schulgelände befindet und eng mit der Grundschule zusammenarbeitet. Bei 92 Prozent der Schüler haben die Familien einen Migrationshintergrund. Die meisten stammen aus der Türkei und arabischen Ländern. Die drittgrößte Gruppe sind mittlerweile die Roma-Kinder, von denen zurzeit 90 an der Schule gemeldet sind. Die ersten kamen Ende 2010. Bis 2012 wurden es immer mehr. Für das neue Schuljahr sind bislang 15 Erstklässler rumänischer oder bulgarischer Herkunft angemeldet worden. Dass weitere Roma-Familien in die Nachbarschaft der Schule ziehen, gilt als sicher. Damit potenzieren sich die Probleme, die sich aus fehlenden Deutschkenntnissen, kulturellen und sozialen Unterschieden und nicht zuletzt den vielen Vorurteilen ergeben (siehe Interview). Für die Fallada-Schule ist die Lernwerkstatt deshalb mehr als ein zusätzliches Angebot. Sie ist ein Rettungsanker, der Versuch, den schwieriger werdenden Bedingungen die Stirn zu bieten. Schulleiter Carsten Paeprer sagt, dass er und seine Kollegen es in den vergangenen Jahren geschafft hätten, mehr und mehr deutsche Eltern für die Schule zu interessieren. „Seit wir wegen der Roma-Kinder in den Schlagzeilen sind, ist das aber wieder vorbei.“ Für die drei ersten Klassen, die im August starten, seien kaum noch deutsche Kinder angemeldet worden. Von 130 Familien, die im Einzugsgebiet der Schule wohnen, haben etwa 50 gesagt, dass sie sich woanders anmelden werden. Viele Eltern wollen ihr Kind lieber im nahen Treptow einschulen. Andere versuchen, nach Britz oder Buckow auszuweichen.

Was die Eltern zurückschrecken lässt, ist nicht einfach nur der hohe Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund: Viele haben sich längst an türkisch-, arabisch-, polnisch- oder russischstämmige Kinder gewöhnt. Es ist der hohe Anteil der Roma-Kinder. Die Hans-Fallada-Schule musste sich als erste Neuköllner Schule vor zwei Jahren plötzlich um viele Roma-Kinder kümmern. Niemand war darauf vorbereitet. „Im Frühjahr 2011 ging gar nichts mehr“, erinnert sich der Schulleiter. Die Lehrer seien am Ende gewesen. In den Klassen saßen jeweils 28 Kinder aus vielen verschiedenen Nationen, darunter zunehmend Roma-Kinder ohne Deutschkenntnisse. Mit einem Brandbrief bat die Schule die Bildungsverwaltung damals um Hilfe. Kleinere Klassen wurden genehmigt. Außerdem wurden den Lehrern zwei Sprach- und Kulturmittlerinnen zur Seite gestellt. Sarolta Szabo und Anita Wodatschek sprechen Rumänisch. Sie kümmern sich vor allem um die Roma-Familien und sollen zum kommenden Schuljahr sogar eine unbefristete Anstellung erhalten.

Carsten Paeprer kann die Sorgen der Eltern zwar nachvollziehen: „Wer uns nur vom Papier her kennt, der bekommt Angst, sich bei uns anzumelden“, beschreibt er das Image-Problem seiner Schule. Dabei hat sie viel zu bieten. Der jahrgangsübergreifende Unterricht in den Klassen eins bis drei ist erfolgreich, es gibt einen gebundenen Ganztagsbetrieb und individuelle Förderangebote für schwache, aber auch für begabte Kinder. Und neuerdings die Lernwerkstatt. Anders als im Frontalunterricht wird Wissen hier nicht von oben herab vermittelt. Die Kinder lernen vielmehr, indem sie Fragen stellen und versuchen, selbst Antworten darauf zu finden. Erkenntnisse, die sie auf diese Weise gewinnen, merken sie sich leichter. Und: Das Lernen macht mehr Spaß.

Mustafa, der junge Brückenbauer, sitzt immer noch vorne im Klassenraum. Die anderen Schüler stellen jetzt Fragen. „Hat es dir Spaß gemacht?“, ruft einer. Mustafa nickt. Ein Mädchen mit schwarzem Pferdeschwanz will wissen, wie er auf dieses Thema gekommen ist. „Brücken interessieren mich eben“, sagt er. „Wie lange hat es gedauert, bis du die richtige Konstruktion herausgefunden hast?“, fragt Murat. Mustafa überlegt kurz. „Einige Stunden habe ich schon dafür gebraucht“, antwortet er. Dann ist die Präsentation zu Ende. Erleichtert setzt sich der Junge. Nun sind Ali und Sabri an der Reihe. Sie wollen über ihr Experiment mit Pflanzenfarben berichten, rücken aufgeregt ihre Materialien zurecht.

Es sind diese Dinge, von denen Schulleiter Paeprer den Eltern immer wieder berichtet. Er führt mit jeder Familie, die ihr Kind zunächst an seiner Schule anmelden muss, weil sie in der Nähe wohnt, ein Gespräch. Von denen, die woanders hin wollen, kann er manche überzeugen, viele andere nicht. „ Einige kommen später aber doch zu uns zurück, weil ihre Kinder an Schulen mit großen Klassen nicht klar kommen.“

Anders als Mitte, in dem noch mehr Roma leben, geht Neukölln offensiv mit dem Zuzug der Roma um und macht die Probleme, die sich daraus ergeben, öffentlich. Das hilft auch den betroffenen Schulen. Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey hat kürzlich den dritten Roma-Statusbericht für ihren Bezirk vorgelegt. Demnach leben allein in Neukölln mehr als 10.000 Roma. „Wir gehen davon aus, dass noch mehr Menschen aus Rumänien und Bulgarien zu uns kommen, wenn es 2014 keine Einschränkungen für Arbeitnehmer aus Südosteuropa mehr gibt“, sagt sie. Schon jetzt muss längst nicht mehr nur die Hans-Fallada-Schule viele dieser Kinder aufnehmen. Auch die benachbarte Eduard-Mörike-Grundschule oder die Rixdorfer Grundschule haben inzwischen sehr viele Schüler aus Rumänien und Bulgarien.

Für Franziska Giffey sind die Sprachmittler unverzichtbar. Ohne diese zusätzlichen Helfer würde die Integration der Roma-Kinder nicht gelingen, sagt sie. Inzwischen sind mehr als 800 Kinder aus Rumänien und Bulgarien an etwa 30 Neuköllner Schulen angemeldet. 27 temporäre Lerngruppen für Kinder ohne Deutschkenntnisse mussten eingerichtet werden. Die meisten Schüler in diesen Gruppen sind Roma. „Wir brauchen gute Konzepte, wie wir diese Kinder integrieren“, sagt Giffey.

Die Hans-Fallada-Schule weiß sich mit ihrer Lernwerkstatt gut aufgestellt. Dort sind nun Iman und Kyra mit ihrer Präsentation an der Reihe. Die Mädchen sind aufgeregt. Iman begrüßt die Klassenkameraden und stellt das Projekt vor. „Wir haben untersucht, welche Formen sich am besten für einen Kreisel eignen“, sagt sie. Kyra zeigt die verschiedenen Kreisel, die sie gebaut haben. „Besonders gut hat die Kugel funktioniert, die wir auf einen Zahnstocher gespießt haben“, sagt sie. Auch eine Scheibe sei okay. „Wichtig ist, die Mitte zu finden und genau dort den Holzstab zum Drehen anzubringen.“ Kyra gehört zu den wenigen Kindern mit deutschen Eltern, die an der Fallada-Schule lernen. Oft hilft sie den anderen Kindern, sich richtig auszudrücken. Für Kyra ist das normal, und es passiert in der Lernwerkstatt wie selbstverständlich. In den Forschungsgruppen muss viel geredet werden. Die Schüler erzählen sich vom Stand ihrer Untersuchungen und ihren Plänen und geben sich gegenseitig Tipps. Das schult das Sprachvermögen. Das Online-Forschungstagebuch, in das sie ihre Überlegungen, Fragen und Erkenntnisse notieren, hilft ihnen ebenfalls, sich auszudrücken.

Unterstützung ist dringend nötig

Die neue Form des Lernens hat den gesamten Unterricht an der Fallada-Schule verändert. Die Lehrer lassen die Kinder mehr selbst entscheiden, wie sie beim Lernen vorgehen wollen, und geben ihnen mehr Raum, sich Wissen durch Forschen anzueignen, anstatt es einfach mitzuteilen.

Doch es gibt ein Problem. Die Finanzierung des Projekts ist nicht gesichert. Der Schule fehlt das Geld, um weiterhin eine externe Fachkraft zu beschäftigen, die die Lernwerkstatt betreut. Bisher war Miriam Asmus verantwortlich, Mitarbeiterin von Life e.V., einem Verein, der zeitgemäße Lernformen entwickelt und an Schulen tragen will. Schulleiter Paeprer hofft, dass seiner Schule schnell geholfen wird. „Ohne Unterstützung schaffen wir es nicht“, sagt er. Bildungsstadträtin Franziska Giffey prüft, ob es europäische Stiftungen gibt, die helfen könnten. „Die SPD hat außerdem beschlossen, Brennpunktschulen von 2014 an zusätzlich mit jeweils 100.000 Euro im Jahr zu versorgen“, sagt sie.

Von diesem Geld dürfte auch die Hans-Fallada-Schule profitieren. Genauer: ihre Schülerinnen und Schüler. Die neunjährige Kyra strahlt. Das Kreisel-Experiment ist bei den Klassenkameraden gut angekommen. Doch nicht nur wegen des spannenden Unterrichts fühlt sich Kyra wohl an der Schule. „Ich habe viele Freunde“, sagt sie und lächelt. Ihre Klassenkameradin Iman lächelt zurück.