Dinge des Lebens

Im Takt von Leben und Tod

Ursula Beckert, 63 Jahre, Rentnerin aus Heiligensee

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die lassen sich nicht leicht erklären. Seltsame Erscheinungen, merkwürdige Zufälle, eigenartige Ereignisse. Ursula Beckert kann gleich von mehreren erzählen. Dabei ist sie alles andere als esoterisch oder gar exzentrisch veranlagt. Die 63-Jährige stammt aus einer bodenständigen Bauernfamilie im Sauerland, arbeitete zeitlebens als Buchhalterin und lebt heute mit ihrem Mann in einem wohlgeordneten Haushalt in Heiligensee. Doch da ist eben noch diese Wanduhr. Dieses wuchtige Teil, mehr als 100 Jahre alt, das über außergewöhnliche Kräfte zu verfügen scheint. Das offenbar über Leben und Tod Bescheid weiß, ja, womöglich sogar den Takt vorgibt, in dem gelebt und gestorben wird. So zumindest erscheint es Ursula Beckert. Aber der Reihe nach.

Es war im Jahr 1911, als die Wanduhr in die Familie von Ursula Beckert kam, als Geschenk zur Hochzeit ihrer Oma mütterlicherseits. Die Uhr ist ein imposantes Stück aus dunkel gebeiztem Holz, reich verziert, mit Gewichten aus Messing und einem schön geschmückten Perpendikel. Ganz oben thront ein Adler, Symbol für Mut und Stärke, aber auch für Freiheit und die Nation, er gibt der Uhr ein gewichtiges Aussehen. Behutsam tastet Ursula Beckert die Oberfläche des Erbstücks ab, erforscht die ornamentalen Schnitzereien, um ihre Fingerspitzen dann plötzlich schnell zurückzuziehen. Eine fast magische Anziehungskraft übt die Uhr auf sie aus, doch die Gefühle, die ihr Anblick auslöst, sind gelegentlich überwältigend.

Die ersten Erinnerungen, die Ursula Beckert an die Wanduhr hat, sind von positiven Emotionen begleitet. Im Bauernhaus der Großeltern, das auch das Geburtshaus von Ursula Beckert ist, hing das Hochzeitsgeschenk in der „guten Stube“ – der Stube, die nur zu Weihnachten und an anderen Festtagen benutzt wurde. Doch auch durch die geschlossene Tür sei das Schlagen im ganzen Haus zu hören gewesen, zur vollen und zur halben Stunde, erinnert sich Ursula Beckert. „Das war wichtig, denn im Sauerland muss alles sehr pünktlich geschehen“, erzählt sie. Auch das Essen. Wenn die Uhr zwölf Mal schlug, mussten sich die fünf Kinder und später die Enkel zum Mittagsmahl in der Küche versammeln. Diese Ordnung, die ein Gefühl von Geborgenheit vermittelte, ja, dieses fast feierliche Ritual hat Ursula Beckert immer gut gefallen.

In einer Silvesternacht rettete die Wanduhr dem kleinen Mädchen sogar das Leben. Die Eltern waren nebenan in der Gaststätte zum Feiern, die fünfjährige Uschi lag in ihrem Bettchen und schlief. Um Mitternacht muss es gewesen sein, als die Uhr das Kind durch ihr Schlagen weckte und die Kleine feststellte, dass etwas nicht stimmte. Ein nicht ausgeschaltetes Bügeleisen hatte ein Feuer im Haus entfacht, die Flammen und der Rauch breiteten sich rasend schnell aus, schon splitterten die Fenster. Wäre die Wanduhr nicht gewesen, die sie zu Bewusstsein brachte, wäre sie erstickt, meint Ursula Beckert. Schließlich konnte ihr Vater sie aus dem Feuer retten und das Kind verlor nur seinen neuen Teddy, den es zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Er verbrannte im Erdgeschoss.

Leben und Tod, Glück und Trauer: Das sind die Pole, die Ursula Beckert mit der Uhr verbindet. Unaufhörlich lief das Uhrwerk weiter, als ihr Opa starb. Der katholisch-dörflichen Tradition folgend, wurde der alte Mann in der guten Stube aufgebahrt, ganze drei Tage lang, bis alle ihm die letzte Ehre erwiesen hatten. Leicht angekippt sei der Sarg gewesen, das Gesicht des Opas wächsern, der Geruch im Zimmer zunehmend stechend. Und über dieser Szenerie die Uhr, die tickte und tickte, als sei nichts geschehen. Ursula, damals zehn Jahre alt, war gebannt, aber auch verängstigt. Nicht nur von dem Leichnam, dem ersten Toten in ihrem jungen Leben, auch von der eigenartigen Atmosphäre. Doch noch eigenartiger war, was mit der Uhr Jahre später geschah, als Ursulas Mutter starb.

Die Uhr hing mittlerweile in Hessen, der neuen Heimat von Ursula Beckert und ihren Eltern. Das Stück war, nachdem auch die Oma in den 70er-Jahren verstorben war, in den Besitz von Ursula Beckerts Mutter übergegangen. Sie wohnte mit Ursulas Vater im Obergeschoss des Zweifamilienhauses, die Tochter mit Mann und zwei Kindern darunter. Von oben hallte die Wanduhr durchs Haus, genauso durchdringend wie damals bei Oma und Opa im Sauerland. Bis zu dem Moment, in dem Ursula Beckerts Mutter 1988 verstarb. Wegen eines Schwächeanfalls war sie ins Krankenhaus gekommen und dort, bei einer Routineuntersuchung, aus bis heute ungeklärten Umständen verstorben. Sie war 63 Jahre alt, ihre Tochter Ursula 37. Und der Vater sagte, nachdem das Krankenhaus die traurige Nachricht übermittelt hatte, zu seiner Tochter: „Nun sieh mal: Die Uhr steht.“ Und sie stand tatsächlich still. Ursula Beckert sagte: „Genau so fühle ich mich: Die Zeit steht still.“ Es war der 22. März 1988, 16.20 Uhr.

Auch wenn der Vater die Uhr später wieder zum Leben erweckte: Für Ursula Beckert hatte sich alles geändert. Bis heute bereitet es ihr Schmerzen, über den Verlust ihrer Mutter zu sprechen, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hatte. Über den Schock, den die Todesnachricht bei ihr ausgelöst hat. Das ist wohl auch der Grund, warum die Wanduhr, die sie nach dem Tod ihres Vaters 1999 übernommen hat, nie mehr schlagen durfte. Ursula Beckert hat sie angehalten.

Heute wohnt Ursula Beckert mit ihrem zweiten Mann in dessen Heimat Berlin und die Wanduhr ruht im Keller, eingeschlagen in ein weiches, weißes Tuch. Eigentlich wollte Ursula Beckert sie in einigen Monaten wieder aufhängen, nach ihrem 64. Geburtstag, wenn sie das kritische Alter, in dem ihre Mutter verstarb, überwunden hat. Doch jetzt ist sie sich nicht mehr so sicher. „Die Erinnerungen sind zu intensiv“, sagt sie. Sie würde sich freuen, wenn eines der vier Kinder in ihrer Familie Interesse an dem Stück hätte. Und mit dem erneuten Schlag der Wanduhr eine neue Geschichte anfinge. Eine Geschichte, in der das Leben ein größeres Gewicht hat als der Tod.

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung hat oder der Sie schon sehr lange begleitet? Dann schreiben Sie uns doch, bitte mit Telefonnummer: familie@morgenpost.de