Mamas & Papas

Heldenepos mit kurzer Haltbarkeit

Wir sind eine risikofreudige Familie. Wann immer sich eine Gefahr bietet – wir sind bereit zum Schmerz. Die Chefin ist etwas zögerlich, sie bringt es nur auf Schnittwunden beim Tomatenvierteln. Aber wir Jungs kennen keine Gnade. Der Kleine trifft mit dem Hammer zuverlässig den Daumen. Karl tanzt im Klub bis zur Bänderdehnung. Und erst der Vater: Kaum mit dem Mountainbike im Grunewald, schon kapitaler Schlüsselbeinbruch. Eigentlich hätte ich verzweifeln müssen, im albernen Krankenhauskittel und pillenbenebelt. Aber die OP war ein Segen. Bewundernd starrten die Kinder auf die Narbe. Sie schüttelten sich, als ich lässig eine Büroklammer durch die Schlaufe am Fadenende zog und den blutgefüllten Drainageschlauch verknotete. Heißa, wir haben neue Kinder. Sie sind still, mitleidsvoll, benehmen sich, fragen, ob sie helfen können, gewähren dem stöhnenden Vater den besten Platz auf dem Sofa. Und immer wieder wollen sie die Heldengeschichte hören, wie Doktor Kowalski im DRK-Klinikum Westend die Knochentrümmer wieder zusammenpuzzelte. Bruderstreit, wer die Titanlatte nächstes Jahr an der Halskette tragen darf. „Genug für alle da“, sage ich. Schön, so ein plötzlicher Rohstoffreichtum.

Düster berichte ich von der meterlangen Spritze, die mich betäubte, vom rostigen Messer, das die väterliche Schulterhaut durchtrennte, der Axt, die den Weg zum geborstenen Knochen frei schlug, die Blutfontänen, die den Operationssaal fluteten, um schließlich das verzweifelte Quieken des Bohrers zu imitieren und das Ächzen des Akkuschraubers, die sich in Papas Knochen senkten. Manchmal baue ich Blutkonserven ein und natürlich den Defibrillator, mit dem ich zurück ins Leben geschockt wurde. Nach der etwa zehnten Wiederholung allerdings war der Große nicht mehr richtig bei der Sache. Karl hatte sich in der Schule bei Schlüsselbeinopfern erkundigt, die leider nichts von Gemetzeln auf Leben und Tod zu berichten wussten. Eine Unverfrorenheit, die Erzählungen des Ernährers in Frage zu stellen. Hans immerhin hörte gebannt zu, wohl auch deswegen, weil ich inzwischen eine Blaulichtfahrt quer durch die Stadt (Verlegung in Spezialklinik) und einen Hubschrauberflug (Spezialarzt aus Groß Glienicke wurde eingeflogen) eingeflochten hatte. Als nächstes wollte ich mit der versehentlichen Beisetzung eines Scheintoten punkten. Erst durch unterirdisches Klopfen wurde ich gerettet. Ich musste allerdings aufpassen, dass die Chefin nichts mitbekam, die sofort einwerfen würde, dass ich vor lauter Narkose nichts mitbekommen hatte vom Eingriff. Immerhin ist das Röntgenbild kindgerecht gruselig. Sieht aus wie ein Tausendfüßler, der sich alien-artig durch meine Schulter arbeitet. Netterweise hat Chirurg Kowalski die Schrauben so gesetzt, dass sie gut zu ertasten sind. Hans überlegt, von seinen Klassenkameraden eine Fühlgebühr zu kassieren. Schulhofgeschäfte sind bestimmt legal, wenn sie dem Bildungsauftrag dienen, da sind wir gnadenlos ZDF.

So langsam zieht die Kriegsheimkehrer-Nummer auch beim Kleinen nicht mehr. „Nun komm’ schon, Essen ist fertig“, ruft Hans. Vergangene Woche hat er mir noch aufgeholfen. Wann ich denn in der Lage wäre, mal wieder leichtere Hausarbeiten zu verrichten, fragt die Chefin spitz. Ich stöhne dramatisch. Aber keiner hört hin. Gefühlskalte Bande. Ich überlege, wie ich mir alsbald unproblematisch einen Beinbruch zulegen kann.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.