Musikwettbewerb

Üben, üben, üben

Der Wettbewerb „Jugend musiziert“ feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Seit 1964 üben Kinder und Jugendliche für ihren Auftritt vor der Jury. Wir trafen drei Kinder aus Berlin. Sie haben im Regionalwettbewerb erste Preise bekommen. In wenigen Tagen steht für sie nun der wichtige Landeswettbewerb an.

Tessa Timmer betritt die Bühne. Eigentlich heißt sie Anna Tessa Morgentau Timmer, und so lang mag sie ihren Namen auch am liebsten. Souverän verbeugt sich die Fünfjährige, nimmt auf dem Kinderstuhl Platz und zieht das Cello ein wenig dichter zu sich heran. Sie dreht sich noch einmal um zu ihrem Vater am Flügel. Dann schmiegt Tessa ihr Gesicht an den Hals ihres Instruments und beginnt. Es ist ein warmer und leichter Ton, den sie beim „Spaßvogel“ von Alexander Gretschaninow auf den Saiten ihres Achtel-Cellos anschlägt, eines ihrer Lieblingsstücke. Schon nach wenigen Takten scheint Tessa ganz zu versinken in der Musik, in ihrer eigenen Welt. Als würde sie nicht wahrnehmen, dass sie im Konzertsaal der Universität der Künste spielt, dass vor ihr ein paar Hundert Zuschauer sitzen.

Das Mädchen eröffnet das Preisträgerkonzert des Regionalwettbewerbs von „Jugend musiziert“ in Berlin-Mitte. Und man sieht Tessa an: Dies ist nicht ihr erster Auftritt. Nach dem Konzert wird sie sagen, dass sie gar nicht aufgeregt gewesen sei, „aber mein Papa, der hat vorher gesagt: Ich will nicht auf die Bühne“. Wenigstens ein bisschen Lampenfieber hatte sie aber eine Woche vorher, als sie vor der Jury von „Jugend musiziert“ gespielt hat. Jetzt weiß die Fünfjährige aus Mitte schon, dass sie einen ersten Preis mit der höchsten Punktzahl bekommen hat.

Tessa, die an diesem Sonnabend ihren sechsten Geburtstag feiert, ist eine der jüngsten Teilnehmerinnen bei „Jugend musiziert“, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert. Beim ersten Mal 1964 waren bundesweit 2500 Teilnehmer dabei, im vergangenen Jahr waren es mit 21.778 fast neunmal so viele. In Berlin haben in diesem Jahr 526 Kinder und Jugendliche mitgemacht. Tessa ist in diesem Jahr zum zweiten Mal angetreten. 2012 hat sie mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester im Duo gespielt. Einmal Tessa mit Cello und Vicky am Klavier und einmal Vicky mit Geige und Tessa am Klavier. Denn tatsächlich spielt Tessa bereits zwei Instrumente.

Tessa war erst drei Monate alt, als ihre Mutter Franziska Waldmann mit ihr im „Babygarten“ der Musikschule war. Als Zweijährige hat sie sich dann das Sechzehntel-Cello genommen, das in der Wohnung stand. „Mein Mann hatte dieses Cello irgendwann mal gekauft und sich immer eine kleine Cellistin gewünscht“, sagt Franziska Waldmann. Die ältere Tochter Vicky wollte aber lieber Geige lernen. Tessa dagegen bevorzugt das Cello: „Beim Geigenspielen muss man stehen, da tun mir schnell die Beine weh.“ Franziska Waldmann fällt noch ein zweiter Grund ein: „Sie als Kleinere fand es toll, das größere Instrument zu spielen.“ Auch wenn das Sechzehntel-Cello kaum größer als eine Bratsche ist – es ist immerhin größer als Vickys Geige. Und inzwischen ist Tessa ohnehin aufs Achtel-Cello umgestiegen.

Zweimal in der Woche geht Tessa zum Cello-Unterricht, einmal zum Klavierunterricht. Zwei Stunden übt sie am Tag. Vor „Jugend musiziert“ waren es manchmal sogar drei Stunden. Die Zeit dazu hat sie, weil sie das letzte Jahr vor der Schule nicht mehr in den Kindergarten geht. Und Kraft findet sie, weil sie jeden Tag einen Mittagsschlaf macht. Andere Fünfjährige spielen mit Puppen, Autos oder auf dem Spielplatz. All das macht Tessa auch, „aber am liebsten spiele ich Cello“. Sie wirkt ehrlich, wenn sie das sagt, nicht von den Eltern dazu getrimmt. Franziska Waldmann versichert auch, dass sich ihre Tochter freiwillig das Instrument nimmt, meistens jedenfalls. Sie und ihr Mann wollten aus ihrer Tochter kein Wunderkind machen. Sie ist Bühnenbildnerin, er Physiker, für beide ist die Musik ein Hobby.

Bei Mauricio Sotelo Romero ist das anders. Der Zwölfjährige kommt aus einem durch und durch musikalischen Haushalt. Der Vater ist Komponist und Dirigent, die Mutter Pianistin. Auch Mauricio ist in diesem Jahr bei „Jugend musiziert“ dabei. Für ihn ist es der erste Musikwettbewerb überhaupt. Seit neun Jahren spielt der gebürtige Spanier, der seit einem Jahr in Berlin lebt, Geige. Schon als Baby nahm die Mutter ihn mit ins Konzert, wenn der Vater dirigierte. „Ganz still war er da“, erzählt Gemma Romero-Junquero, „und hat immer auf die Geigen gezeigt“. Als Zweijähriger hat sich Mauricio seine erste eigene Geige zu Weihnachten gewünscht. Dem Vater war das noch ein bisschen früh, aber Mauricio war hartnäckig. Und längst sind die Geige und die Musik aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken.

Mauricio spielt auch im Jugendorchester Charlottenburg, das macht ihm besonders viel Spaß. Aber manchmal schafft er es kaum zu den Proben. Er wohnt in Kreuzberg und besucht das Französische Gymnasium in Tiergarten, an dem der Unterricht bis 17 Uhr geht. Verabredungen, Sport oder einfach mal Abhängen – das gibt es kaum bei ihm. „In meiner Klasse nennen sich mich den Künstler“, sagt er. Als Außenseiter fühle er sich deshalb nicht, seine Freunde würden das akzeptieren. Manchmal versucht er, seine Freunde von klassischer Musik zu überzeugen, und sie wollen seine Leidenschaft für Pop wecken. Geklappt hat bisher beides nicht.

Mauricio hat große Pläne: Er will Dirigent werden. Sein Vater, der den gleichen Namen trägt wie der Sohn, zuckt ein wenig zusammen, wenn er das hört. Natürlich erfüllt es ihn mit Stolz, wenn er seinen Sohn spielen hört, aber er weiß aus Erfahrung, wie hart dieser Beruf und wie schwierig der Weg dahin ist. Aber seit einem Jahr ist sein Sohn davon nicht abzubringen. Vorher wollte er Geiger werden, noch früher Restaurantkritiker. „Das Beste an einem Konzert ist das Essen hinterher“, sagt er lachend.

Beim Üben unterstützt ihn seine Mutter. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. „Sie streiten schon mal“, plaudert Mauricio Sotelo, der Ältere, aus. Die Mutter begleitet ihren Sohn auch auf Konzerten am Klavier. „Aber ich habe sie noch nie so nervös gesehen wie vor der Jury beim Regionalwettbewerb von ,Jugend musiziert’, erzählt der Vater. „Es ist sehr aufregend, wenn der eigene Sohn vorspielen muss.“ Und schon spüren Mutter und Sohn, wie das Lampenfieber wieder steigt, denn in wenigen Tagen tritt Mauricio nun vor die Jury des Landeswettbewerbs.

Beim Vorspiel der Kinder liegen auch die Nerven der Eltern blank. Schließlich haben sie das wochenlange Üben, die Hochs und Tiefs miterlebt. Manchmal sei die Anspannung bei den Eltern sogar größer als bei den Kindern, hat Holger Simon beobachtet. Er sitzt seit zwölf Jahren in der Jury von „Jugend musiziert“. Und er kennt die angespannten Gesichter der Mütter und Väter, während sie dem Spiel ihres Kindes zuhören oder die Punkte bekannt gegeben werden. Holger Simon, hauptberuflich Fagottist im Orchester der Deutschen Oper Berlin, kennt den Wettbewerb von beiden Seiten: als Juror und als Vater. Auch seine beiden Kinder waren schon bei „Jugend musiziert“ dabei. „Aus Elternsicht ist das eine schweißtreibende Angelegenheit“, sagt er. Dennoch mahnt er, den Wettbewerb spielerisch zu sehen. „Es geht doch vor allem um den sportlichen Gedanken, sich mit Gleichaltrigen musikalisch zu messen, sich ein Ziel zu setzen und sich so intensiv mit Stücken auseinanderzusetzen, dass man sie zur Aufführung bringen kann“, erklärt er. „Dabei sein ist alles“, empfiehlt er als Motto, es gehe nicht um den ersten Platz.

Das ist allerdings leicht gesagt. Für viele Kinder ist es eine große Enttäuschung, wenn sie „nur“ einen zweiten oder dritten Platz bekommen, statt einer Weiterleitung zum nächsthöheren Wettbewerb. Gerade ältere Kinder lesen darin die Botschaft: „Du warst nicht gut genug“ und verlieren im schlimmsten Fall die Lust an ihrem Instrument. Eltern und Musiklehrer sollten sich daher vorher gut überlegen, ob das Kind für „Jugend musiziert“ robust genug ist, um das wochenlange Üben durchzuhalten und um dem Druck des Wettbewerbs standzuhalten.

Druck erleben die Kinder beim Wettbewerb aber mitunter auch von den Eltern. Das merkt Holger Simon oft im Beratungsgespräch, das die Juroren nach dem Vorspiel allen Teilnehmern anbieten. Es richtet sich an die Kinder, aber manche Eltern würden es als Elterngespräch missverstehen. Einmal wollten Eltern sogar ihren Anwalt mitbringen und das Gespräch aufzeichnen. Auf so etwas lässt sich Holger Simon nicht ein. „Es ist doch eine Momentaufnahme, die wir von dem Kind bekommen und die wir beurteilen. Das ist keine Aufnahmegespräch für die Hochschule.“ Die Kinder bekommen hier Hinweise, worauf sie bei ihrem weiteren Spiel achten sollen, damit sie mit Freude ihr Hobby weiter betreiben. Nicht alle Juroren seien dabei allerdings gleichermaßen feinfühlig, gibt er zu.

Wer beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ erfolgreich ist, hat auch die Chance bei einem Landesjugendorchester oder später dem Bundesjungendorchester zu landen. Eine Eintrittskarte für ein großes Orchester wie den Berliner Philharmonikern ist es allerdings nicht. Für Nikolaus Römisch hat sich dieser Traum zwar vor fast 13 Jahren erfüllt, aber mit seinen Erfolgen bei „Jugend musiziert“ habe das nichts zu tun gehabt. Der 40-jährige Cellist war sechs Jahre alt, als er zum ersten Mal beim Regionalwettbewerb in Berlin antrat. Von da an war er regelmäßig dabei. Geträumt hat er schon mal von den Berliner Philharmonikern, „aber heimlich, alles andere wäre vermessen gewesen“. Die Teilnahme an den Wettbewerben und später das Spielen im Bundesjugendorchester habe ihm viel Routine gebracht und den Weg an die Hochschule erleichtert, „aber spätestens dann ist der Effekt vorbei“, sagt er. „Wenn man sich für ein Orchester bewirbt, fragt keiner, ob man bei ,Jugend musiziert’ dabei war“.

Für Dascha Schuster sind solche Gedanken ohnehin noch weit weg. „Vielleicht werde ich Musikerin, aber dann nur mit fester Stelle“, sagt die elfjährige Flötistin pragmatisch. Sie kennt die Realität: Ihre Mutter arbeitet an einer Musikschule als Querflötenlehrerin. Sie unterrichtet auch ihre Tochter. Vor vier Jahren haben die zwei angefangen, und beide betonen, dass es gut zusammenpasst. „Mama kann mir gleich sagen, wenn etwas falsch ist, das hilft“, sagt Dascha. Luba Schuster findet: „Es ist Glück, dass es so gut läuft, ich weiß, dass es nicht immer so ist.“

In fünf Tagen steht für Dascha Schuster und ihren Klavierpartner Daniel Vincent Streicher das Vorspiel beim Landeswettbewerb an. Beim Regionalwettbewerb haben die beiden einen ersten Platz mit 24 Punkten belegt. Nicht oft schaffen es Kinder heute noch, sich für ein Duo oder ein größeres Ensemble zusammenzufinden. Für die beiden war es eine Herausforderung, neben der Schule und ihren sonstigen Verpflichtungen gemeinsame Übungstermine zu finden. Zum Glück wohnt er in Charlottenburg und sie in Wilmersdorf, so dass die Entfernung kurz war. Geübt haben die beiden aber auch viel für sich. Selbst als Dascha mit ihrer Schule auf Tanzfahrt ging, nahm sie ihre Querflöte mit. Tanzen, Chor und Ballett, das alles macht die Elfjährige noch neben Schule, Querflöte und Klavierunterricht. Für Verabredungen ist nur am Wochenende Zeit. Manchmal fragt sich ihre Mutter schon, ob das nicht doch etwas zu viel ist.

Für Nikolaus Römisch gab es in seiner Jugend durchaus Cellopausen. Wenn die Familie mit drei Kindern in die Sommerferien fuhr, war meist kein Platz für das große Instrument. „Zwei Wochen ohne war wunderbar“, sagt er lachend, das kann er noch heute gut. Er hält diesen Abstand auch für wichtig, um dann wieder mit frischem Wind zu spielen. Für Tessa käme das nicht in Frage. Wenn die Familie in ihr Wochenendhaus fährt, dann meist mit Anhänger. Da kommen die Koffer hinein. Das Cello aber nicht, das will Tessa immer ganz nah bei sich haben.