Mamas & Papas

Vom Verzicht - und dem Spaß an kleinen Sünden

Unsere Tochter fastet. Keine Süßigkeiten bis Ostern, das hat sie dem lieben Gott versprochen. Sie hält das schon seit mehreren Jahren so; sie verzichtet auf etwas, was ihr sonst Spaß macht. Und das sieben Wochen lang. Dieses Jahr also Schokolade, Gummibärchen und Kuchen.

Allerdings ist das nicht so leicht mit dem Fasten – die Zahl der Versuchungen ist groß. Die ofenwarmen Kekse für das Schulfußball-Turnier, Omas selbstgebackener Marmorkuchen, die Freundin auf Übernachtungsbesuch, die Lollis mitbringt. Sie schaut mich dann immer mit großen Augen an, als sei ich der Stellvertreter Gottes auf Erden, und maunzt: „Mama, darf ich…?“ Und ich antworte meistens: „Ich bin sicher, Gott schaut gerade weg.“ Oder: „Heute drückt er mal ein Auge zu.“ So schlingert sie durch die Fastenzeit, der Verzicht überwiegt, aber ab und zu sündigt sie ein bisschen. Und das mit großem Genuss. Für eine Zehnjährige völlig in Ordnung.

Sie steht mit dieser Fasten-Taktik nicht allein da. So halten es viele. Fasten ist ja dieses Jahr groß in Mode. Allein das Wort: Fasten. Das klingt spirituell, ernsthaft, bekennend. „Möchten Sie ein Schoko-Muffin?“ – „Nein, danke. Ich faste.“ Das klingt doch ganz anders als: „Nein, danke, ich bin gerade auf Brigitte-Diät.“ Denn die Wahrheit ist: Das religiöse Fasten hat die Weg-mit-dem-Weihnachtsspeck-Abnehmkur ersetzt. Gerade Mütter, angekommen in den späten Dreißigern und frühen Vierzigern (eine Zeit, wo jeder gefüllte Pfannkuchen und jedes Löffelchen Mousse au Chocolat sich nach dem Verzehr sofort in Richtung Taille oder Oberschenkel begibt, um sich dort für immer abzulagern), sind fastenanfällig. Also wird gefastet, was das Zeug hält. Allerdings ist immer wichtig, worauf man fastet. „Ich faste auf“ – so heißt das im Jargon des semiprofessionellen Fasters. Gefastet wird meist auf kalorienreichen Süßkram und Alkohol. Das bringt es für die Figur. Deutlich seltener verzichtet man auf Dinge, die sich kalorienmäßig nicht auswirken. Also auf Fernsehen oder auf die Benutzung des Autos. Steht ja auch in keiner Brigitte-Diät.

Genau wie meine Tochter haben viele fastende Frauen ihre kleinen Ausnahmen. Lustig fand ich die Dame, die auf Alkohol vor dem Sonnenuntergang verzichtet. Eine vom Ramadan inspirierte Interpretation des Fastens. Man fragt sich, wie ihr Leben in der restlichen Zeit des Jahres aussieht. Legt sie schon morgens los? Hübsch auch der Verzicht auf Kuchen und Kekse, außer sie sind selbstgebacken. Hintertürchen, wohin man schaut.

Meine Freundin, die zum Katholizismus übertrat, kennt die Fastenregeln genau. „Sonntags darf man fastenbrechen und auf Reisen. So halten es alle, auch der Papst“, sagte sie mir am Telefon. Dann rauschte sie fürs Wochenende zu uns nach Berlin – nun war sie ja auf Reisen und ließ es ordentlich krachen. Ja, so sind die Katholiken. Eine kleine Sünde geht immer.

Ich begleite übrigens meine Tochter beim Fasten. Worauf ich faste? Ja, ja, auf Süßkram. Und mir fällt auf, wie viel ich sonst so über den Tag nasche. Ich glaube, man sieht meinen Verzicht schon; auf jeden Fall bin ich stolz. Nur einmal bin ich richtig eingebrochen – da lagen die Reste einer verspäteten Weihnachtsfeier meines Sohnes herum. Kleine Mars und Snickers. Ich habe sie ordentlich weggepackt, aber nachts konnte ich nicht an mich halten. Alles in Nullkommanix weg. Aber ich nehme an, Gott hat in dem Moment tief geschlafen. Genau wie die Kinder.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher