Ratgeber

Liebe Lisa...

Wie hast du‘s deinem Mann gesagt? Wie geht Sex mit Babybauch? Wie lief die Geburt? Aus dem E-Mail-Wechsel von Caro und Lisa ist ein Schwangerschaftsratgeber entstanden - ganz ohne Tabus

Liebe Lisa,

mal eine ganz einfache Frage vorneweg: Wie hast du’s eigentlich deinem Kerl gesagt? Ich glaube nämlich, ich hab’s vermasselt. An dem Tag, als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, war ich total im Stress. Ein eigentlich banaler Tag, nur eben ein besonders arbeitsreicher, an dem mir tausend Dinge im Kopf rumschwirrten. Ich saß in einem Sandwich-Café in Peking mit meinem Laptop, musste eine Reportage schreiben, von der ich wusste, dass sie nur zur Hälfte was taugt, und putzte mir zur Freude der Umsitzenden alle fünf Minuten die Nase, weil ich eine fette Grippe hatte. Und das im März. Wie unnötig.

Am Abend, als ich endlich meine Jacke anzog und das Café verließ, machte ich noch einen Schlenker über den Drogerie-Markt, um Zahnpasta zu kaufen. Als ich meinen Mini-Einkaufswagen durch die Gänge schob, fiel mein Blick auf eine Regalreihe voller (wohlgemerkt chinesischer) Schwangerschaftstests. Es schnellte mir durch den Kopf wie ein Blitz. Hätte ich nicht vor einigen Tagen meine Regel bekommen müssen? Irgendwie sollte es längst so weit sein.

Also schnell testen. Auf der Toilette des benachbarten Starbucks. Ich pinkelte auf den Streifen, wartete 30 Sekunden und schaute dann auf das Testfenster. Nichts! Kein zweiter Streifen. Also, nicht schwanger. Da es auf der Toilette keinen Mülleimer gab, steckte ich den Teststift in meine Jackentasche und rannte zum Taxi. Und dann die Überraschung: Als ich zehn Minuten später vor meiner Haustür aus dem Taxi sprang, um meinen Freund im Hostel abzuholen, wollte ich den Test gerade im Vorbeigehen in eine öffentliche Mülltonne auf der Straße pfeffern, als ich wie angewurzelt stehen blieb. Da war er. Ganz blass und hellrosa, statt dunkelpink wie auf der Packung beschrieben. (…) Ich glaubte dem Test irgendwie (noch) nicht. Und schmiss ihn weg. Aber die Verwirrung blieb. Im Hostel angekommen, sagte ich meinem Freund dann kein Wort – genau fünf Minuten lang. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Lisa, aber ich kann vor ihm kein Pokerface machen. Und wenn ich über etwas grübele, dann soll er es gefälligst wissen, damit er mit mir grübeln kann. Scheiß auf Schmetterlinge! Scheiß auf den Film-Moment!

Ich dachte immer, ich würde es ihm bei einem romantischen Candle-Light-Dinner sagen, den Schwangerschaftstest wie eine Uhr in eine Schmuckschatulle packen und dann verschenken. So hatte ich es mal in einem französischen Film gesehen. (…) Stattdessen saß ich auf dem Hostelbett, während er sich zum Essengehen fertig machte, stammelte von einem chinesischen Schwangerschaftstest, den ich möglicherweise falsch gedeutet hatte und morgen mithilfe eines Lexikons, das man bestimmt irgendwo besorgen könnte, wiederholen müsste. Ich blickte etwas zerknirscht zu ihm. „Toll, dann werden wir wohl Eltern“, erwiderte er cool. Ich verzog das Gesicht. Seufzte in dem Wissen, das ich einen geschichtsträchtigen Moment meines Lebens vermasselt hatte, und antwortete: „Vermutlich.“ Zu viel für mich. Auf den Schock-Verwirrungsmoment rauchte ich meine letzte Zigarette auf dem Balkon des Zimmers. Vermasselt ist vermasselt ist vermasselt.

Liebe Caro,

Hm. Bei mir und meinem Mann (…) war das auf jeden Fall viel romantischer. (…) Ich war überfällig. Ich hatte schon seit Langem einen Schwangerschaftstest zu Hause rumfliegen. Denn ich wollte schwanger sein. Dann tat ich also, was auf der Packungsbeilage stand, und ein kleiner blauer Strich veränderte mein Leben. Schnell war klar, was da stand. So klar, dass ich beinahe die Benutzung von Toilettenpapier vergaß und mit runtergelassener Hose rausgerannt wäre. Lisa! Tief atmen. Noch mal zurück zur Kloschüssel. Ohgottohgottohgott. Ich schaffte es dann doch noch ordentlich raus aus dem Bad. Ich stand im Türrahmen zum Wohnzimmer. Hose oben, wo sie hingehörte. Ich muss komisch gegluckst haben, schlug die Hände vor den Mund. Mein armer Kerl. „Wie? Schwanger, oder was?“ – „Tja“ antwortete ich und zog die Schultern hoch. „Wie sicher ist das?“ – „Da steht 99 Prozent.“ – „Krass.“ Mein erstes Freudentränchen blieb ungetrocknet, denn mein Freund (damals noch Freund) tigerte durch die Wohnung, hin und her wie ein traumatisiertes Zootier im Käfig. „Komm, wir kaufen noch ’nen neuen zur Sicherheit“, meinte er schließlich, ganz aktionistisch. „Okay.“ (…) Wir wohnten damals noch in Berlin-Friedrichshain, fuhren mit neuem Test im Auto erst einmal zum Treptower Park und waren die einzigen Menschen dort. Nasskaltes Novemberwetter. Wir hielten Händchen und dachten an Kinderwagen. Wir kamen am Biergarten „Eierschale“ vorbei, mein Liebster musste pinkeln. Und während er zur Toilette verschwand, ging ich zu einem Tisch mit Schirm darüber. Dort stand ja jemand! Stand der da grad schon oder war das hier alles ein Film? Ich sagte: „Ich hätt’ gern zwei Gläschen Sekt“, und er hatte welchen. Mit Plastik-Gläsern stießen wir dann auf unsere Zukunft an. Mitten im Park. Wie in Trance vor lauter Gefühlen. Dann fing es – kein Witz – zu regnen an. Es hätte nur noch gefehlt, dass der Soundtrack aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erklungen wär’ und wir wirbelnd zu tanzen begonnen hätten ... Zu kitschig, um wahr zu sein.

Liebe Lisa,

Lass uns über Sex reden! Also, gleich zur Sache, Schätzchen: Mein Freund und ich kannten uns gerade mal ein Jahr, als ich schwanger wurde. Ich trage also genau in der Zeit mein Kind aus, in der die allermeisten Paare im Bett alle anfänglichen Schüchternheiten und Blümchen-Sex-Hemmungen abgelegt haben und es in den Kissen richtig krachen lassen. Anders jetzt bei uns: Statt uns einen Berg von Sex-Toys und Kamasutra- oder Tantrabücher zu kaufen, habe ich für ein ganz spezielles Accessoire gesorgt, dass uns schlaflose Nächte garantiert: meinen Babybauch! Womit wir schon bei den verschiedenen sexuellen Vorlieben sind, die ein Paar so entzweien können. Denn anstatt meinen Bauch wie eine Wunderkugel zu streicheln und irgendwas Sinnlich-Erotisches zu sagen wie: „Für mich bist du so schön und so weiblich wie noch nie“, scheint mein Lover mit meinem neuen Körperumfang mehr und mehr zu fremdeln. Klar kriege ich da das Kotzen, wenn Angelina Jolie, die blöde Kuh, in irgendwelchen Illustrierten schwärmt, dass sie ausgerechnet auch noch mit Brad Pitt während ihrer Schwangerschaft den Sex ihres Lebens hatte. Kann ich mir sogar vorstellen, denn rein körperlich habe ich, seitdem ich schwanger bin, mehr Lust auf Sex als in meinem ganzen Leben zuvor. Dumm nur, wenn dein Kerl sich verhält wie, laut Umfragen, zwei Drittel aller Männer und lieber abends stundenlang sein E-Mail-Fach aufräumt, als zu dir ins Bett zu kommen.

Und das in einer Zeit, in der sich deine sexuelle Energie offenbar potenziert hat. Kein Quatsch, ich wache nachts auf, weil ich schlafend im Traum einen ECHTEN Orgasmus hatte! (…) Großartig Sex haben wir auch nicht mehr, da mein Mann auch so eine Mimose ist. Habe mich aber mal mit ihm ganz in Ruhe unterhalten und festgestellt, dass es für den Mann einfach nur nicht mehr schön ist. Er sagte, dass erstens der dicke Bauch stört, zweitens hat man Angst, an das Kind ranzukommen, und drittens meinte er, egal, in welcher Stellung wir es machen, sieht es für eine Frau immer total anstrengend aus (wegen der Luft) und nicht mehr spaßig. (…) Ich meine, wie war das denn bei dir? Mache ich irgendetwas falsch? Und viel wichtiger: Renkt sich das mit dem Sex nach der Schwangerschaft wieder ein? Jetzt sei mal ganz offen! Für mich und all die anderen frustrierten Frauen da draußen!

Liebe Caro,

Ich habe auch von Frauen gehört, die in der Schwangerschaft permanent von wilden Orgien träumten, die mehr Lust hatten als je zuvor. Du scheinst ja eines von diesen Exemplaren zu sein. Meine Freundin Kathi gehört wohl ebenfalls zu dieser Ich-bin-schwanger-und-hab-trotzdem-Bock-Spezies und sendete mir neulich ein SOS per SMS: „Lisa, wenn du ’nen Trick weißt, den Mann noch im achten Monat dazu zu bekommen ... immer her damit.“ (…) Es sei schwierig im Bett, sagte sie, weil sie mitten im Geschehen Dinge sagen muss wie diese hier: „Nein, Schatz, das fühlt sich für den Kleinen jetzt nicht an, als sei ein Presslufthammer vor seiner Haustür!“ „Nein, der hat jetzt nicht deinen Penis im Auge.“ (…) Ob es meinem Mann auch so ging? Auch ich habe mich in meinen Schwangerschaften verändert. In der ersten zur Mieze, in der zweiten zum Vamp. Nee, ich will nur angeben. In der ersten ging es mir ähnlich wie dir. Immer gut drauf, verliebt wie nie, alles bombig. In der zweiten aber musste mein Kerl die Finger von mir lassen. Husch, husch ins Häuschen, geh mir bloß weg. Ich mein, ich hatte ja schon zwei Kerle in mir drin durch die Zwillingsschwangerschaft. Noch einer? No way. (…) Ob das meinen Mann traumatisiert hat, weiß ich nicht. Haben wir noch nie drüber gesprochen. Und ist das dann nicht eigentlich ein gutes Zeichen? (…) Und eigentlich ist es ja auch nicht nötig, groß rumzudiskutieren, denn eine Schwangerschaft endet ja auch irgendwann wieder. Und dann wird alles wieder wie früher. Oder? (…) Eine Blitzumfrage in meinem Mütterfreundeskreis ergab: Es gibt alles. Es gibt die Leute, die schon zehn Tage nach der Geburt wieder loslegen im Bett (Kaiserschnitt!), und solche, deren Beziehung vor der Schwangerschaft eigentlich ausschließlich aus Sex bestand, die aber die gesamte Stillzeit nicht mehr wollen. Manche fühlten sich beim ersten Mal nach der Geburt wie beim allerersten Mal überhaupt. Aua. Andere fanden nur schlecht aus der Beschützerrolle raus oder hatten beim Sex das Gefühl, ihrem Baby fremdzugehen. Alle hatten so ihre Problemchen. Und trotzdem kann ich dich beruhigen. Alle, wirklich alle haben sich irgendwann erholt und zu sich zurückgefunden. Und das kann ich sogar beweisen: Denn alle haben mittlerweile noch weitere Kinder in die Welt gesetzt.

Liebe Caro,

darf ich dich jetzt am Ende auch mal was fragen? (…) Bei meinen Entbindungen lief das ja alles nicht so wie gedacht. (…) Bis zur vollständigen Muttermundöffnung kämpfte ich mich in der Geburtswanne in einem Geburtshaus ab, bis mir von einem Geburtsstillstand erzählt wurde und alles dann doch ganz schnell gehen musste. Krankenwagenfahrt mit Presswehen. In der Klinik ein Oberarzt, der mit dem ganzen Arm in mir versuchte, mein Kind doch noch aus mir herauszuziehen ... und schließlich ein Kaiserschnitt unter Vollnarkose. So war das nicht gedacht. (…) Bei den Zwillingen träumte ich wieder von einer natürlichen Geburt, wenn ich sie auch von vornherein als Krankenhausgeburt geplant hatte. Dort endete eine Vorsorgeuntersuchung zwei Wochen vor dem eigentlichen Entbindungstermin dann in Action. Per Vaginalzäpfchen wurden die Wehen eingeleitet, die mir die Kinder so in die Rippen jagten, bis ich dachte, sie brächen. Meine Jungs hatten aber keinen Bock auf Geburt und konterten die unnatürlichen Wehen mit schlechten Herztönen. Alles endete also wieder in einem Kaiserschnitt. (…) Ich bin da ja relativ naiv an die Sache rangegangen, besonders beim ersten Kind. Und du hast ja auch so weltfremde Dinge gesagt wie: „In der ersten Woche nach der Geburt geh ich mittags immer ins Wirtshaus“. (…) Jetzt ist ja dein Baby endlich da. Erzähl doch mal, wie es dazu kam. Und ob das alles so gelaufen ist, wie du es dir vorgestellt hast. Und wie viel du dann wirklich geschafft hast, in den ersten zwei Wochen nach der Geburt …

Liebe Lisa,

Nun ist ja das Schöne im Leben, dass immer alles anders kommt, als man es ursprünglich geplant hat. So war das auch mit der Geburt meines kleinen Maxime. Er kam in der Nacht des 8. Novembers auf die Welt. Mehr als unerwartet. „ET“, der berühmte errechnete Termin, war eigentlich der 19. November. Ich war in der 39. Woche, war seit Tagen genervt und nervös und konnte keine Nacht mehr durchschlafen. Stattdessen stand ich um 4 Uhr auf und schmierte mir dicke Brote mit Clotted Cream und Marmelade, manchmal fünf, sechs Stück und schaute Pay-TV.

So wachte ich also auch am Morgen des 8. November völlig verballert auf, hatte kaum gepennt und quälte mich für eine Routine-Untersuchung zum Doc. Als die Arzthelferin mich an das CTG (Abkürzung für engl. Cardiotocography)-Herzton-Gerät anschloss, dämmerte ich so vor mich hin – doch das sollte sich schnell ändern. Denn statt der üblichen Herztonfrequenz zwischen 170 und 150 schlängelte sich die CTG-Linie plötzlich um einen Wert von 120. Die zwei Arzthelferinnen schienen nervös, schauten auf einmal zu zweit gebannt auf den CTG-Monitor. „Alles okay?“, fragte ich – wohl wissend, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Am Ende entließ mich der Doc, den ich immer eine Spur zu cool fand, tatsächlich einfach so, nur mit einem Vermerk im Mutterpass. Ich weinte schon beim Rausgehen. (…) Ich versuchte mich also abzulenken, besuchte am Abend mit meinem Freund sogar spontan noch eine Musikpreisverleihung. (…) Schließlich bat ich meinen Freund im Gewühl des Stehempfangs vor der Preisvergabe: „Können wir nicht schnell in die Charité fahren und den CTG wiederholen? Ich fühle mich gar nicht gut.“ Mein Freund nickte sofort. Er im Smoking, ich im Abendkleid. Ab ins Taxi. Wir dachten ehrlich nichts Dramatisches. (…) In der Charité angekommen, stellten die Ärzte fest, dass der CTG unter 90 lag, und machten hochprofessionell kurzen Prozess. „Sie sind in fünf Minuten Mutter“, sagte die Oberärztin plötzlich und ich weinte aus Angst und vor Glück gleichzeitig. (…) Als ich wieder aufwachte, stand da mein Freund. Direkt vor mir. In seinem Arm ein kleines Päckchen, gehüllt in ein hellgelbes Handtuch. (…) Am Ende ist es doch so: Ob du jetzt in der Gebärwanne saßest, im Geburtshaus, in einem OP-Saal oder im Taxi – wenn du dein Baby in den Armen hältst, sind neun Monate Schwangerschaft, die Geburt, deine Ängste und Wünsche, deine Hoffnungen und Pläne, wie du was nach der Geburt sagen oder machen willst, alles vergessen. Zu deiner zweiten Frage, Lisa! Nein, ich war natürlich nicht während des Wochenbettes im Wirtshaus essen. Ich saß zu Hause und habe wie alle braven Mamis den Hormonen freien Lauf gelassen, geschwitzt und geheult. Aber dafür habe ich etwas anderes gemacht. Kurz vor Weihnachten, vier Wochen nach der Geburt, bin ich mit Mini-Maxime im Wickeltuch los und habe einen 1,50-Meter-Weihnachtsbaum organisiert. Vorne das Kind umgebunden, in der Linken den Baum, in der Rechten meine Longchamp-Tasche mit dem ebenfalls gerade gekauften Baumständer drin. Und dann ab in die U-Bahn. Und plötzlich war ich wieder da. Ganz die Alte. Als Mama.

Lisa Harmann, Caroline Rosales: Ich glaub, mich tritt ein Kind, dtv, 9,90 Euro. Ab März im Handel

Abdruck mit Genehmigung des Deutschen Taschenbuch Verlages.