Dinge des Lebens

Immer ein Sofa in Berlin

Karoline Schirmer (29) mit der alten Ledercouch ihrer Großmutter

Karoline Schirmer ist wohl das, was man sich unter einer waschechten Europäerin vorstellen darf. In den vergangenen sechs Jahren wechselte die gebürtige Berlinerin auf dem Kontinent häufiger den Wohnort, als andere in den Urlaub fahren. Sie lebte in Spanien, in Frankreich und in Italien. Mal zog sie die Liebe, mal das Studium in die Ferne.

"Angefangen hat alles damit, dass ich mit 23 Jahren José kennenlernte", erzählt die 29-Jährige. Der junge Spanier arbeitete damals als Journalist in Madrid und Karoline studierte Musikwissenschaften und Linguistik in Berlin. Eine Zeit des Pendelns begann. Da war Organisationstalent gefragt, besonders, als 2008 der gemeinsame Sohn Noah zur Welt kam. "Stressig war es manchmal schon, aber wir haben das gut hinbekommen", erinnert sich Karoline. Im Jahr 2010 schrieb sich das Paar dann gemeinsam für einen kulturwissenschaftlichen Masterstudiengang ein, der Seminarbesuche in ganz Europa vorsah. Die kleine Familie lebte daraufhin jeweils ein halbes Jahr in Saint Etienne, in Neapel und schließlich in Stuttgart. "Doch Berlin blieb stets meine Anlaufstelle", sagt Karoline, die bislang noch von jedem Auslandsaufenthalt wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist.

Erbstück mit persönlichem Flair

Während ihrer Abwesenheit warten hier stets nicht nur Eltern, Geschwister und Freunde auf sie, sondern auch ein ganz besonderes Möbelstück - ein Geschenk ihrer verstorbenen Großmutter Karin Kühn. Liebevoll streicht Karoline mit der Hand über die Rückenlehne des taubenblauen Ledersofas, das in der Vergangenheit so oft Zeuge ihres Kommens und Gehens gewesen ist. Der Dreisitzer steht in der angemieteten Gästewohnung ihrer Eltern. In dem Gartenappartement in Adlershof lagern auch Karolines übrige Sachen - ihr Bett, ihr Schrank, ihr Tisch. Immer, wenn sie nach Berlin kommt, ist hier ihr Zuhause. Inzwischen gilt das auch für José und Noah.

Ihre Großmutter Karin hatte die edle Couch vor 20 Jahren bei einem Möbeldesigner in Auftrag gegeben. Wichtig war ihr vor allem der Chesterfield-Stil, bei dem das Leder im Rautenmuster gefaltet und mit Knöpfen an den Rahmen des Sofas geheftet wird. Die Couch ist nicht das einzige Möbelstück, das Karoline von ihrer Oma übernommen hat. Doch die anderen Gegenstände liegen ihr bei Weitem nicht so am Herzen: "Meine Mutter gab sie mir nach dem Tod meiner Oma vor zehn Jahren. Die Couch dagegen war ein persönliches Geschenk. Meine Oma wollte, dass dieses kostbare Stück in meinen Besitz übergeht."

Die Beziehung zu ihrer Großmutter war Karoline immer sehr wichtig. Schon als Kind hing sie an ihrer Oma und war praktisch Dauergast in deren großen Haus in Lichterfelde-West. Besonders habe sie damals der elegante Stil der Großmutter beeindruckt, die gerne Partys bei sich daheim gab. Noch heute erinnert sich Karoline lebhaft an die wallenden Kleider mit Brokatspitze, die ihre Oma an den Weihnachtsfeiertagen trug. Und auch der Hummer, der zum Fest aufgetischt wurde, ist ihr im Gedächtnis geblieben. Als Karoline älter wurde, nahm ihre Großmutter sie dann manchmal mit zu Modeschauen ins KaDeWe: "Das fand ich als junges Mädchen natürlich total aufregend und toll."

Karoline schätzte an ihrer Großmutter aber auch andere Seiten: "Sie war tough und hatte ein großes Herz für Kinder." Als Sonderpädagogin für lernbehinderte Schüler ging Großmutter Karin einem anspruchsvollen Beruf nach. Privat standen aber wohl ihre vier Enkelkinder für sie an erster Stelle. "Meine Oma schenkte mir das Sofa auch, weil sie es durch eine ausklappbare Couch ersetzen wollte, damit alle ihre Enkelkinder bei ihr übernachten konnten. Das hat mich irgendwie gerührt", sagt Karoline.

Das blaue Sofa hält Karolines Erinnerung an ihre Großmutter wach. Einerseits, weil es der Großmutter einmal gehörte. Ein bisschen erinnert Karoline aber auch das Möbelstück selbst an die Verstorbene. Denn es ist nicht nur chic und elegant, sondern gleichzeitig auch robust - wie Großmutter Karin. Dass der mittlerweile fünfjährige Noah und seine Freunde die Couch oft als Trampolin-Ersatz benutzen, sieht man ihr (noch) nicht an. Und auch die Kratzspuren, mit denen Kater Micki sich auf der rechten Armlehne verewigt hat, tun der eleganten Gesamterscheinung des Sitzmöbels keinen Abbruch.

Bereit für ein neues Leben

In den letzten Monaten ist Ruhe in Karolines "Vagabundendasein" eingekehrt. Seit fast einem Jahr lebt sie nun wieder in Berlin. Darüber sei sie nicht unglücklich, sagt sie. Was ihr hingegen zu schaffen mache, sei der derzeitige berufliche Stillstand. Obwohl sie fließend Spanisch, Französisch, Italienisch und Englisch spricht und zwei Hochschulabschlüsse in der Tasche hat, findet sie keinen geeigneten Job. "Dabei verschicke ich mehr als 20 Bewerbungen pro Monat", sagt sie.

Allerdings würde Karoline auch nicht jeden Job annehmen, wie sie zugibt. Zwei Dinge würden sie reizen: "ein Job im Kultur-Bereich", wie sie sagt, oder aber doch noch zu promovieren. Im vergangenen Jahr beendete sie vorzeitig ein PR-Volontariat bei einem Berliner Start-up. "Das Arbeitsklima stimmte vorne und hinten nicht. Einmal wischte meine Chefin ein Konzept von mir von der Tafel ab, weil ihr meine Schrift nicht gefiel." So etwas möchte sie nicht noch einmal erleben.

Karoline verschickt also weiter fleißig Bewerbungen raus, europaweit. "Inzwischen liebäugle ich schon wieder stark mit dem Ausland", sagt sie. In jedem Fall hoffe sie, bald etwas zu finden, das von Dauer ist.

Wenn sie etwas finden sollte, das ihren Ansprüchen genügt, will sie aus der Berliner Gartenwohnung ihrer Eltern ausziehen und sich ein neues, ein eigenes Zuhause einrichten. Mit dem blauen Sofa von Großmutter Karin. Das soll sie dann in ihr neues Leben begleiten.

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung für Sie hat oder der Sie schon lange begleitet? Dann schreiben Sie uns doch bitte eine E-Mail: familie@morgenpost.de