Engagement

"Ich will etwas tun"

Sie sind die gute Seele einer Firma, kümmern sich um indische Kinder und bringen deutsches Know-How nach China: Drei Berliner Senioren erzählen vom großen Glück, aktiv zu sein und zu helfen. Es sind Geschichten darüber, was Alt und Jung voneinander haben

Die Dinge, die Paul Böhm zum Bewerbungsgespräch mitbrachte, waren - zugegeben - etwas ungewöhnlich. Kaum hatte der 60-Jährige auf dem Sofa des Softwareunternehmens Futurice Platz genommen, zog er ungefragt aus seiner schwarzen Umhängetasche ein IPhone und ein IPad. Lässig legte der Rentner beides auf den Couchtisch und griff dann nach einer großen Papiertüte. "Ja, und dann habe ich noch etwas selbst gebackenes Brot dabei und einige leckere Pasten", sagte er, seine Gegenüber mit einem gewinnenden Lächeln musternd. "Ich hoffe, es mundet."

Vera Welz von Futurice grinst, als sie an diesen Moment zurückdenkt. Gerade einmal zwei Monate ist er her und scheint doch schon lange zurück zu liegen. Mittlerweile ist Paul Böhm fester Bestandteil von Futurice - alle nennen ihn nur noch Paul. Er hat die Weihnachtsfeier für die 16 Mitarbeiter des Berliner Büros mit einem opulenten Büffet bestückt und bekocht sie außerdem einmal im Monat mit einem Mittagessen. Hausgemacht, versteht sich. Der so genannte Suppenfreitag kommt bei den jungen Programmierern und Projektmanagern um die 35 gut an. "Paul schafft hier eine richtig nette Atmosphäre", sagt der Amerikaner Paul Houghton, der erst vor kurzem nach Berlin kam. Auch Paul Böhm ist zufrieden. "Wir lernen voneinander und haben viel Spaß", sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: "Große Konzerne haben einen Feelgood-Manager. Na, und ich bin hier der Wohlfühl-Opa."

Genau so hatte es sich Personalmanagerin Vera Welz von Futurice vorgestellt, als sie im November vergangenen Jahres eine Zeitungsannonce aufgab. "Großmutter gesucht", stand darin in fetten Lettern. Sie beziehungsweise er solle kochen und backen, mit den internationalen Mitarbeitern auf Deutsch parlieren und ein wenig Lebenserfahrung weitergeben. Im Gegenzug biete man "eine angemessene Bezahlung und Unterstützung bei allen Herausforderungen des digitalen Alltags". Paul fand die Anzeige witzig, und sie machte ihn neugierig. Daher bewarb er sich sofort. Was er damals jedoch nicht ahnte und was auch Vera Welz überwältigte, war die große Resonanz auf den Aufruf. Mehr als 100 Berlinerinnen und Berliner bewarben sich binnen weniger Tage.

Aktiv sein und gebraucht werden

Das unterstreicht, was Umfragen und Statistiken zeigen: Rentner gehören heute nicht zum alten Eisen. Sie wollen auch nach dem Berufsleben aktiv sein und gebraucht werden. 36 Prozent der Männer und Frauen zwischen 55 und 65 Jahren engagieren sich bürgerschaftlich, in der Altersgruppe 65 Jahre und älter sind es rund 26 Prozent, zeigt der Freiwilligensurvey 2009. Vor allem in den Bereichen Kultur und Geselligkeit sind die Senioren aktiv, gefolgt von den Sparten Soziales und Gesundheit, Sport und Kirche. Aber auch in der Kinder- und Erwachsenenarbeit sowie im Natur- und Tierschutz machen sich viele ältere Menschen nützlich. Ihr Engagement liegt dabei nicht nur in ihrem eigenen Interesse, sondern wird auch dringend benötigt: Viele Vereine, Organisationen, Kommunen und Firmen sind auf die Unterstützung der rüstigen Rentner angewiesen.

Bei Futurice war man vor allem auf der Suche nach "etwas Wärme", wie Vera Welz es ausdrückt. "Hier arbeiten Computernerds, die sich in der Welt der Bits und Bytes bestens auskennen, darüber aber manchmal das echte Leben vergessen", sagt sie. Und weil die Freunde und Familien der Mitarbeiter meist weit weg seien, in Finnland, Schweden, Spanien, Polen oder Australien, gebe es für sie hier keinen Ausgleich durch das Privatleben. "Daher haben wir nach einem Menschen gesucht, der uns erdet und für uns ein Stück Familie sein kann", sagt sie.

Dass die Wahl auf ein Mann und nicht eine Frau fiel, war Zufall: Am Schluss entschied das Los. Denn alle acht Bewerber, die Vera Welz eingeladen hatte, waren so überzeugend, dass sie sich mit der Entscheidung schwer tat. Viele Bewerber hatten Selbstgebackenes mitgebracht, sie gaben außergewöhnliche Berlin-Tipps oder boten Kinderbetreuung rund um die Uhr an. Dass Paul beim Vorstellungsgespräch seine Begeisterung für moderne Technik offen zeigte, war allerdings durchaus von Vorteil: Das Internet ist das Geschäft von Futurice. Das Unternehmen mit Stammsitz in Finnland entwickelt und designt Websites und mobile Apps. Über die Technik kommen Jung und Alt daher leicht ins Gespräch.

Konzentriert ordnet Paul die Suppenschüsseln auf der Theke des offen gestalteten Büros in der Schützenstraße in Mitte. Er hat sie von zu Hause mitgebracht, genauso wie die Dessertschalen mit Mousse au chocolat und den riesigen Topf mit acht Litern Zwiebelsuppe. Kaum ist alles angerichtet, legt Paul eine CD mit französischen Chansons ein und zaubert zuletzt blau-weiß-rote Luftschlangen aus seinem Korb. Sie werden zwischen den Laptops drapiert. Französisches Flair sollen die Futurice-Softwaredesigner heute kennenlernen, hat sich der Firmenopa vorgenommen. Demnächst will er auch einmal Sushi kredenzen und im Frühjahr die ganze Belegschaft zu einer Gartenparty zu sich und seinem Lebenspartner nach Altglienicke einladen.

"Essen verbindet und hält Leib und Seele zusammen", findet der gebürtige Österreicher. Neben der kulinarischen Versorgung sieht er seine Aufgabe vor allem darin, den Neu-Berlinern die Stadt näherzubringen und ihnen Dinge zu erzählen, "die über den Tellerrand hinausgehen". Paul Böhm lebte und arbeitete in vielen Ländern Europas, bevor er in den Ruhestand ging. Er interessiert sich für Kunst, Kultur und Design, reist und liest viel. Daher hat er stets Anekdoten und Anregungen parat. Und sein eigener Lohn? 100 Euro pro Monat bekommt er für sein Engagement, dazu werden die Auslagen für das Essen ersetzt. Aber um Geld geht es Paul nicht. Am meisten würde ihn freuen, wenn er den jungen Leuten durch sein Beispiel mitgeben könnte, dass man so sein darf, wie man ist. Und wenn die Freude an den gemeinsamen Unternehmungen erhalten bliebe. "Wer sich auf Neues einstellt, bleibt flexibel", sagt er.

Einsatz im Ausland

Jungen Leuten Wissen vermitteln, neue Erfahrungen sammeln: Darum ging es auch Kurt Breuer. Insgesamt sechs Mal war der heute 85-Jährige aus Tiergarten für den Senior Experten Service (SES) tätig. Die gemeinnützige Gesellschaft entsendet seit 30 Jahren deutsche Ruheständler in kleine Betriebe, Organisationen und Kommunen im Ausland. Die Expertise aus Deutschland soll Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Als der Schweißfachmann Kurt Breuer 1991 mit 64 Jahren in Rente ging, sagte er sich: "Das ist doch auf die Dauer langweilig. Ich habe immer gern gearbeitet, und ich will noch etwas tun." Er erfuhr vom SES, bewarb sich - und bekam seinen ersten Einsatz in China vermittelt. Dort leitete Breuer in einer Firma, die Radlader herstellt, die Schweißer an. Zwei weitere Einsätze in China folgten, dazu zwei in Estland und einer in Bulgarien. Zwischen drei Wochen und zwei Monaten war er jeweils unterwegs. Seine Frau unterstützte sein Engagement. Erst mit 80 Jahren quittierte Kurt Breuer seinen ehrenamtlichen Dienst beim SES. Gerade seinen ersten Einsatz hat Kurt Breuer in sehr guter Erinnerung. Die chinesischen Kollegen hätten mit ihm viel unternommen und ihm die fremde Kultur nähergebracht. Einmal sei er sogar Gast bei einer Hochzeit gewesen. "Ich würde sagen, die Arbeit dort hat mir sogar mehr Spaß gemacht als die während meines ganzen Berufslebens", sagt er. "Im Ausland war ich einmal der Chef, und ich bin dankbar für die vielen neuen Eindrücke, die ich sammeln durfte." Solche Reisen, die hätte er sich als Privatmann ja auch gar nicht leisten können. Die Dankbarkeit beruht auf Gegenseitigkeit: Aus allen Ländern hat Kurt Breuer Urkunden und Souvenirs mitgebracht - Zeichen der Bestätigung und der Verbundenheit mit dem hilfsbereiten Senior aus Deutschland.

Bei Heidi P. ist die Rückkehr von ihrem ehrenamtlichen Einsatz in Indien gerade einmal drei Wochen her. Die 65-jährige ehemalige Versicherungskauffrau trägt noch immer ein Strahlen auf dem Gesicht: Mit dem dreimonatigen Aufenthalt erfüllte sie sich einen lang gehegten Wunsch. "Ich wollte schon immer mal ins Ausland, auch um meine Englischkenntnisse zu verbessern, aber als alleinerziehende Mutter hatte sich das nie ergeben." Als sie im Internet entdeckte, dass der Sambhali Trust in der westindischen Stadt Jodhpur explizit ältere Menschen auch ohne spezielle berufliche Vorkenntnisse als "Granny Volunteers" suchte, war sie wie elektrisiert. Die Organisation unterstützt Mädchen und junge Frauen. Heidi P. betreute nachmittags 15 Mädchen zwischen sieben und 13 Jahren. Sie stammen aus armen, kinderreichen Familien in einem Wüstendorf aus Lehmhütten, erfahren wenig Zuwendung und noch weniger Anerkennung. Der Sambhali Trust sorgt dafür, dass die Kinder eine Schule besuchen, eine saubere Unterkunft und einen geregelten Tagesablauf haben.

"Meine deutsche Kollegin und ich haben mit den Mädchen Hausaufgaben gemacht, gehäkelt, gepuzzelt, Seilspringen und Ball gespielt", erzählt Heidi P. Manchmal sei man auch zusammen in den Park gegangen - ein Vergnügen, das Inderinnen generell nur in Begleitung genießen dürfen. Leicht hätten es die Grannys allerdings nicht immer mit den Mädchen gehabt - das Vertrauen zu den weißen Frauen aus Deutschland wuchs langsam, Disziplin und Regeln waren schwer zu vermitteln. Dennoch zweifelte Heidi P. nie an ihrem Einsatz: "Ich habe den Kindern gegeben, was ich konnte. Wenn ich ihre Welt ein klitzekleines Stückchen verbessern konnte, hat es sich gelohnt." Sie selbst fühlt sich in jedem Fall beschenkt: "Ich würde es immer wieder machen. Mich für andere zu engagieren, macht mich zufrieden. Es ist schön, gebraucht zu werden."

Anders als Kurt Breuer, dessen Reisen ins Ausland vom SES gesponsert wurden, musste Heidi P. die Kosten für Flug, Unterkunft und Verpflegung aus eigener Tasche bezahlen. Daher muss sie nun erst auf einen weiteren Einsatz sparen, den sie aber fest im Blick hat.

Lob und Anerkennung

Der Suppenfreitag in der Softwarefirma Futurice neigt sich seinem Ende zu. Super geschlagen habe sich der Firmenopa mal wieder, da sind sich die Kollegen von Futurice einig. "Paul ist extrem cool, es ist, als würde er schon immer dazu gehören", lobt Software-Experte Mark Schlusnus (36) und ergänzt: "Anstatt zusammen ein Feierabendbier zu trinken und X-Box zu spielen, reden wir unter den Kollegen jetzt auch mal über das Leben." Das Gesicht von Paul Böhm leuchtet. "Ja, die Chemie stimmt, und wir haben bestimmt noch länger eine gute Zeit zusammen."