Mamas & Papas

Der Generation Tanzkarte weit voraus

Wir sind eine wertebewusste Familie.

Kinder brauchen einen Kompass für die Irrfahrt namens Leben. Gehorsam zahlen wir Steuern, halten uns im Schnitt an etwa acht von zehn Geboten und beachten das Grundgesetz, bis auf jene Artikel, die uns gerade nicht geläufig sind. Wir Eltern sind mithin die idealen Werteberater, wenn nicht dauernd was dazwischen käme. Brüderle zum Beispiel.

Zum ersten Mal in fast 20 Jahren Familiengeschichte war neulich der liberale Spitzenkandidat Thema am Abendbrottisch, weniger aus politischen Gründen allerdings. "Voll grenzwertig" sei der Text an der Hotelbar gewesen, befand unser Großer, schon deswegen, weil dieses Tanzkarten-Gefasel keine Frau unter 80 verstehe. Wie denn die Mädchen aus seiner Abiturklasse auf das Dirndl-Gesäftel reagiert hätten, wollte die Chefin wissen. "Noch so'n Spruch, Kieferbruch", antwortete unser Ergebnis werteorientierter Erziehung gelassen. Von mir hat er das nicht. Bisweilen hege ich den Verdacht, dass der Einfluss des Elternhauses ein wenig überbewertet wird.

Was kann unser heimischer Werteklimbim aus dem Peter-Hahne-Moralbaukasten schon ausrichten gegen die Realität? Halb Deutschland wiehert über die Scherze von Mario Barth. Auf Malle werden "10 nackte Frisösen" gepriesen, "mit ihren feuchten HaHaHaaren". Ein Szene-Drink heißt, ja wirklich, "F*****". Gegen derlei Anzüglichkeiten ist Herr Brüderle eine Bastion des Benimms. Oder der Berliner Rapper Sido, der Goethe knapp verfehlt mit Texten wie: "Ich penn' im Wasserbett mit Eva und Jaqueline, sie wollen sich was dazu verdienen, auf den Knien." Interessantes Frauenbild. Aber wer schreit auf? Oder der stolze Herr Bushido, dem ein Münchner Verlag in einem Anfall marketinggetriebener Umnachtung eine höchst alberne Trophäe namens Integrations-Bambi zusprach. Bushidos Beitrag zur Völkerverständigung lautet: "Du bist in Tempelhof, hier gibt es kein Tempolimit, Undercover, Drogen, Kick-Box mit dem längsten Pimmel" oder: "Kleiner Mann, du brauchst ne Penisprothese. Sag mir, Spast, wann bist du je in meiner Gegend gewesen?" Klar, das ist nur ironisch gemeint, so wie das Duschgel, das Frauen in willenlose Ohnmacht fallen lässt, oder diese merkwürdigen Sexseiten, die es in diesem Internet geben soll.

Der Erziehungsverzweifelte fragt sich bisweilen, wie man Respekt und Höflichkeit und jene geheimnisvollen roten Linien vermitteln soll, wenn jeder sie anders definiert. Im Klub ziehen schon Siebtklässler eine hochsexualisierte Bodyshow ab; in der U-Bahn unterlässt man Blicke oder gar Berührungen tunlichst. Das Leitmedium Fernsehen lehrt junge Menschen, nur der Körpervergleich und unablässiges Reden darüber führe zum Glück. Aus der Brüderle-Debatte wiederum lernt man, dass es eine große Zahl Mädchen und Frauen gibt, die sich im turbosexualisierten Alltag unwohl fühlen.

Und was geht jetzt im Hirn unseres Sohnes vor, wenn sich schon der Vater auf ethischem Glatteis fühlt? "Wenn wir über irgendwas reden sollen, jederzeit", bietet der Erziehungsbeauftragte an. "Alles klar", antwortet der Spross, was bedeutet: "Lass ma' gut sein, Alter, ich komm zurecht." Davon bin ich tatsächlich überzeugt. Wenn Kinder auf dieser Welt, in dieser Stadt, in dieser Zeit überhaupt etwas lernen, dann ist es ein unglaublich feines Gespür, am richtigen Ort den richtigen Ton zu treffen. Da sind sie der Generation Tanzkarte weit voraus.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann