Dinge des Lebens

Vier Frauen und ein Brautmantel

| Lesedauer: 6 Minuten
Nicole Dolif

Juliane Krüger, 28 Jahre, Tourismus-Assistentin aus Potsdam

Juliane Krüger hat viele Geschäfte für Brautmoden besucht. Die Hochzeit der 28-Jährigen am heutigen Sonnabend soll schließlich ein einmaliges, ganz besonderes Erlebnis werden. Ein schulterfreies Kleid war bald gefunden. Aber im Januar? Ein bisschen kühl, fand die Familie. "Doch die Sachen zum Überziehen haben mich nicht wirklich überzeugt", sagt Juliane Krüger. Pelz sollte es keinesfalls sein. Und andere Jäckchen und Umhänge gefielen ihr auch nicht. Ihre Mutter Bärbel Krüger versuchte zu helfen. Die 65-Jährige machte allerlei Vorschläge - und dann zeigte sie ihrer Tochter auf Fotos, wie sie auf ihrer eigenen Hochzeit ausgesehen hat. 1971 war das, die Mini-Mode war angesagt. "Ich wollte natürlich auch in so einem kurzen Kleid heiraten", sagt Bärbel Krüger. "Aber meine Mutter fand das überhaupt nicht angemessen."

Der Kompromiss war ein kurzes Kleid - und darüber ein langer, eleganter, schwingender Brautmantel. Beides, Kleid und Mantel, wurde selbst genäht von ihrer Mutter Herta Schwass. Juliane ist sofort begeistert von dem schönen Mantel auf dem Foto - und auch davon, dass ihre heute 88-jährige Oma ihn genäht hat. "Wo ist der? Hast du den noch?", will sie von ihrer Mutter wissen. Die muss erst einmal überlegen. "Hatte ihn ja jahrelang nicht in der Hand", sagt sie. Doch dann findet sie ihn schließlich in einer Plastiktüte, verstaut in einem Koffer. Ein bisschen vergilbt, aber heil. Als er aus der Reinigung kommt, sind alle sprachlos. Ein eleganter Mantel in hellem Rosé, unten am Saum mit Schwanenfedern besetzt. Wunderschön. Und einmalig. Da ist Juliane Krüger sicher: "Diesen Mantel werde ich über meinem Hochzeitskleid tragen."

Für ihre Oma Herta Schwass ist das ein ganz besonderer Moment. "Der Mantel ist mein Meisterstück", sagt die alte Dame und klingt stolz. "Er ist wirklich schön geworden." Dabei ist Herta Schwass gar keine Schneiderin. Ihr Können ist aus der Not heraus geboren. Nach ihrer Flucht aus Landsberg an der Warthe im heutigen Polen im Jahr 1945 landete sie in Berlin-Tempelhof. Ihr Mann war damals noch in russischer Kriegsgefangenschaft und fand sie erst 1946 wieder. Kurz darauf wurde Tochter Bärbel geboren. "Aber mein Mann fand keine Anstellung, obwohl er Ingenieur war", erinnert sich Herta Schwass. "Er hatte ja nichts mehr, keine Papiere, konnte seine Ausbildung nicht nachweisen." Obwohl er alle möglichen Gelegenheitsjobs annahm, reichte das Geld nicht, um die kleine Familie über die Runden zu bringen. Und so versuchte Herta Schwass trotz des Babys, etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Sie ging zu einer Schneiderin und bat um Heimarbeit. "Obwohl ich eigentlich gar nicht richtig nähen konnte", sagt sie und lacht. "Ich habe darauf vertraut, dass ich es schon hinkriegen würde. Learning by doing, so sagt man das doch."

Die Familie tauschte Brot gegen eine Nähmaschine ein und die Schneiderin gab der jungen Mutter die ersten Aufträge. "Zunächst ganz leichte Sachen. Gürtel und gerade Seitennähte", sagt Herta Schwass. "Nach ein paar Wochen bekam ich dann schwierigere Aufgaben. Es machte mir unheimlich Spaß." Knapp drei Jahre lang arbeitete Herta Schwass für die Schneiderin. "Dann fand mein Mann eine gute Stelle und ich konnte aufhören und mich wieder vor allem um den Haushalt und die Tochter kümmern", sagt Herta Schwass.

Doch ganz ohne Nähen ging es für sie schon gar nicht mehr. Aus der Notwendigkeit war eine geliebte Tätigkeit geworden. Herta Schwass nähte von da an für sich und die Tochter die gesamte Garderobe. "Was auch immer modern war, ich habe es uns gemacht", sagt die alte Dame.

Als 1971 Tochter Bärbel den Wunsch äußerte zu heiraten, war schnell klar: Das Kleid näht die Mutter. Herta Schwass erinnert sich noch an ihr Entsetzen, als ihre Tochter sich das Minikleid wünschte. "'In so einem kurzen Kleid vor den Traualtar, das geht doch nicht' sagte ich zu meiner Tochter", erzählt Herta Schwass. Sie lacht darüber laut - heute kann sie das. Damals aber musste für den Familienfrieden ein Kompromiss her. So entstand der Brautmantel. "Den Stoff dafür habe ich extra im Kadewe besorgt, den Saum mit Schwanenfedern besetzt. Der Mantel sollte etwas ganz Besonderes sein", sagt Herta Schwass.

Am heutigen Sonnabend wird Juliane Krüger in dem von ihrer Oma genähten Brautmantel ihrem Mann in Potsdam das Ja-Wort geben. "Das bedeutet mir sehr viel", sagt die Tourismus-Assistentin, Mutter der elf Monate alten Marla. "Der Mantel wird mir Glück bringen. Meine Mutter ist seit 41 Jahren verheiratet, bei meiner Oma wären es jetzt schon 70 Jahre", sagt sie. "Das ist sicher ein gutes Omen." Und ihrer Großmutter macht sie eine riesige Freude. "Für mich war es schon wunderbar, als meine Tochter den Brautmantel getragen hat. Und dass meine Enkelin ihn nun auch noch trägt, macht mich sehr glücklich", sagt Herta Schwass. "Und wer weiß, eines Tages heiratet vielleicht auch Ur-Enkelin Marla in dem Mantel."

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