Im Wiegeschritt

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Annette Kuhn

Die Dame auffordern, sich nicht auf die Füße treten, schick gemacht zum Ball gehen - in der Tanzschule lernen Jugendliche mehr als Grundschritte. Für viele gehört ein Kurs einfach dazu.

Samuel tippt mit der Fußspitze auf den Boden. Zu gern würde er jetzt auf der Tanzfläche stehen und Lisa, Lea, Victoria oder eines der anderen Mädchen über das Parkett führen. Zumal gerade ein Wiener Walzer gespielt wird - sein Lieblingstanz. Aber leider wird daraus vorerst nichts. Denn heute gibt es ausnahmsweise mal Jungs-Überhang. Weil es meistens umgekehrt ist, hilft Samuel im Grundkurs der Tanzschule Finck oft aus. "Ich will ja nicht aus dem Training kommen", sagt der leidenschaftliche Tänzer. Vier Kurse hat er schon absolviert, nun würde er gern den Goldkurs machen, aber der ist in dieser Saison an Samuels einzig freiem Tag in der Woche nicht zustande gekommen. Also tanzt er auch mal drei Kursstufen niedriger - "besser als gar nicht", findet er.

Goldkurs - bis dahin gehen die wenigsten Jugendlichen, wenn sie sich zur Tanzschule anmelden. Aber wer geht heute überhaupt noch zur Tanzschule? "Gar nicht so wenige", sagt Samuel, in seiner Klasse sei er nicht allein. Für den 16-Jährigen ist Tanzschule auch ein bisschen Pflichtprogramm. Er ist Schulsprecher des Liebfrauengymnasiums, an dem auch regelmäßig ein Schulball stattfindet. Bei dem will er natürlich eine gute Figur machen. "Vor allem macht mir das Tanzen aber Spaß", sagt er. Und dass er in der Tanzschule Finck in der Westender Ahornallee gelandet ist, ist kein Zufall. Zum einen liegt sie schräg gegenüber der Schule und bietet durch ihre breite Fensterfront jedermann Einblick ins Tanzgeschehen. Zum anderen hat schon Samuels Mutter hier die Grundschritte von Walzer, Foxtrott, Cha-Cha-Cha und Samba gelernt.

Wohnung über der Tanzschule

Auch die Eltern vieler anderer Jugendlicher in diesem Grundkurs waren schon vor 30 Jahren hier. Damals, in den 80er-Jahren, als man noch klassenweise oder doch zumindest in großen Gruppen in die Tanzschule ging. "Und als die Jugendlichen bis zum Theodor-Heuss-Platz Schlange standen, um sich anzumelden", erinnert sich Renate Hilgert, die die Tanzschule zusammen mit Max-Ulrich Busch seit 1989 leitet. Kennengelernt hatten sich die beiden in den 70er-Jahren im Anfängerkurs bei Heinz-Georg Finck persönlich, später wurden sie mehrfach deutsche Meister und tanzten sogar einen Weltmeistertitel ein. Heinz-Georg Finck hatte seine erste Tanzschule in Berlin bereits 1937 eröffnet, doch getanzt wurde da bald nicht mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg unternahm er einen zweiten Anlauf. Die ersten Tanzstunden gab er in einer Altbauwohnung am Theodor-Heuss-Platz, damals noch Reichskanzlerplatz, bis er sich 1957 seinen Traum erfüllen konnte und an der benachbarten Ahornallee ein Haus speziell fürs Tanzen bauen ließ. Finck selbst zog unters Dach des inzwischen denkmalgeschützten Gebäudes und feiert Ende Januar seinen 100. Geburtstag.

Tanzunterricht gibt der einstige Turniertänzer allerdings schon lange nicht mehr. Von dem direkten Draht zwischen seiner Wohnung oben und den Tanzsälen unten zeugt heute nur die alte Gegensprechanlage. Ansonsten erinnert in der Tanzschule wenig an die Tanzkultur der 50er-Jahre. Der Tanzkurs gehört heute nicht mehr selbstverständlich dazu - dafür gibt es einfach zu viele Freizeitangebote. Wer heute in die Tanzschule geht, kommt freiwillig, nicht weil die Eltern es so wollen. Und doch finden diese das meistens gut. Virgilius' Eltern zum Beispiel, sie haben ihrem Sohn deshalb auch den Kurs bezahlt. "Ich glaube, dass ich das später mal gut brauchen kann", sagt der 16-Jährige vernünftig, "das ist doch doof, wenn man mal auf einem Ball ist und dann nicht mal richtig Walzer tanzen kann". Als Außenseiter fühlt er sich bei seinen nicht-tanzenden Freunden nicht, auch wenn er schon mal hört: "Bah, Tanzen ist ja total für Frauen." In der Tat melden sich mehr Mädchen als Jungen an, sagt Renate Hilgert. Allerdings sei das in den 80er-Jahren auch nicht anders gewesen. Damit es mit dem Paartanz trotzdem klappt, lädt sie eben Tänzer wie Samuel ein, die dann kostenlos mitmachen dürfen.

Um Jugendliche heute in die Tanzschule zu bringen, haben die Häuser ordentlich Staub gewischt. Das fängt schon beim Dresscode an - den gibt es nämlich nicht mehr. Im Sommer ist bauchfrei erlaubt und jetzt, im Winter, behält Luis seine Beanie-Mütze auf dem Kopf. Ansonsten trägt man T-Shirt, Hoodie, Jeans und Turnschuhe. Die Jugendlichen ziehen sich zur Tanzschule an wie morgens in die Schule. Die Zeiten, in denen die Mädchen in Bluse und Faltenrock kamen und vorher die Haare aufgedreht hatten, sind vorbei. Es gibt auch ganz praktische Gründe: Viele kommen direkt aus der Schule und haben gar keine Zeit, sich noch umzuziehen. "Die Jugendlichen sind heute viel gestresster", hat Tanzlehrer Manfred Waschkowski beobachtet. Jonas zum Beispiel hat jeden Tag Schwimmtraining, Nina-Marlene hat vor der Tanzschule noch Gitarren- und Klavierunterricht. Hausaufgaben werden dann sogar manchmal in der Tanzpause gemacht. Meistens nutzen die Tanzschüler die Viertelstunde allerdings, um Facebook zu checken.

Das erlaubt der Tanzlehrer nur in der Pause. Während des Unterrichts müssen die Smartphones in der Tasche bleiben. Das ist aber schon fast alles, was Manfred, wie ihn die Tanzschüler nennen, an Regeln fordert. Natürlich auch Zuhören und Mitmachen, aber dazu muss er die Jugendlichen nicht erst antreiben, das machen sie von sich aus. "Eins, Zwo, Wiegeschritt" - konzentriert schaut Vincent auf seine Füße herunter. Klar sollte er eigentlich geradeaus schauen, aber von ganz allein laufen die Füße noch nicht dahin, wohin sie sollen. Tanzen, das ist für Vincent vor allem Technik. Außerdem will er seiner Tanzpartnerin Victoria auch nicht auf die Füße treten. Vincent besucht jetzt die zehnte Klasse und will im kommenden Sommer für ein Jahr in die USA zum Austauschjahr. "An der Schule dort gibt es einen Tanzkader", erzählt er, "da will ich mich nicht blamieren". Was ihn in der Tanzschule erwarten würde, wusste er auch schon in etwa, schließlich waren seine beiden Brüder auch schon hier. Und die haben ihm auch versichert, dass Tanzschule eben doch nicht nur etwas für Frauen ist.

Eigentlich hat Vincent den Kurs mit seiner Freundin angefangen, "dann ist es nämlich billiger", aber die hat sich verletzt und kann nun nicht mehr mitmachen. Trotzdem hat der 16-Jährige keine Schwierigkeiten, mit anderen Mädchen zu tanzen. Berührungsängste, ein Mädchen aufzufordern, gibt es hier nicht. Es ist ohnehin nicht mehr so, dass die Mädchen in der einen Nische und die Jungs in der anderen Nische sitzen, sagt Tanzlehrer Manfred. Der Umgang miteinander sei heute viel lockerer. Trotzdem: Verlegen gekichert wird immer noch - dafür sind viele Situationen doch zu ungewohnt. Zum Beispiel als Manfred zeigt, wie man ein Mädchen auffordert und auf die Tanzfläche führt. Als es ans Nachmachen geht, zeigen die Jungen einen betont lässigen Schritt, und die Mädchen schieben mit leicht gelangweilter Miene ihre Hand unter seinen Ellbogen. Steif will man keinesfalls wirken. Aber die Gefahr besteht kaum, denn Manfred hat auch so gar nichts mit dem Tanzlehrer von einst zu tun, der stocksteif und ein wenig verschroben vor seinen Schülern stand.

Auch die Musikauswahl ist natürlich eine andere als vor 20 Jahren: "Mit Hugo Strasser und seinem Tanzorchester kann ich heute nicht mehr kommen", erzählt Manfred Waschkowski und lacht. Er ist immer auf dem Laufenden, was in den Charts läuft, und probiert, was sich auf welchen Hit tanzen lässt. Zu Adeles "Rolling in the deep" passe zum Beispiel ein Foxtrott und zu Lykke Li "I follow rivers" ein Cha-Cha-Cha. Beim Wiener Walzer aber muss es schon traditionell zugehen. Victoria gefällt die Mischung, dabei hatte sie zunächst schlimmste Befürchtungen: "Ich dachte, da werden nur altmodische Lieder gespielt."

Im Grundkurs lernen die Jugendlichen die Grundschritte von Foxtrott, Langsamer und Wiener Walzer, Cha-Cha-Cha, Discofox, Samba, Rumba, Boogie und Tango. Im Fortgeschrittenenkurs kommen Jive und weitere Schrittfolgen zu den genannten Tänzen dazu. Und ganz nebenbei gibt es auch noch ein bisschen Umgangsformen. Mit der großen Benimmschule von früher, dem "Schliff", den man verpasst bekommen sollte, hat das allerdings nicht mehr viel zu tun. Das sei auch meist nicht nötig. "Wer sich nicht benehmen kann, kommt gar nicht auf die Idee, in die Tanzschule zu gehen", sagt Renate Hilgert. Sie findet, dass die Jugendlichen heute in Sachen Benimm besser als ihr Ruf sind. Sie begrüßen sich mit Handschlag oder Umarmung, niemand knallt dem anderen die Tür vor der Nase zu und wenn einer in der Pause eine Tüte Fruchtgummis dabei hat, darf da selbstverständlich jeder reingreifen, inklusive Tanzlehrer: "Manfred, willst du auch?"

Auch beim Abschlussball, den es nach jedem Kurs gibt, ist Renate Hilgert beeindruckt, wie gut sich die Jugendlichen zu kleiden verstehen. Es ist der einzige Termin, an dem ein Dresscode vorgeschrieben ist. Das Kleid muss festlich, aber nicht lang sein, die Männer tragen Anzug oder Smoking und auf jeden Fall Krawatte oder Fliege. Manche bringen ihrer Dame sogar einen Blumenstrauß mit. Ein bisschen Tradition macht vielen sogar Spaß, hat Renate Hilgert beobachtet. "Besonders schön sind auch immer die Hochsteckfrisuren", sagt sie. Auch die 15-jährige Victoria hat schon Pläne für ihre langen blonden Haare, "aber jetzt freue ich mich erst mal drauf, shoppen zu gehen", erzählt sie. Beraten wird sie dabei von ihrer Freundin.

Bis zum Abschlussball müssen die Schüler allerdings noch ein bisschen üben. Vor allem müssen sie lernen, ohne Ansage an der Musik den geforderten Tanz zu erkennen. Daher gibt es am Schluss der Tanzstunde bei Lehrer Manfred immer Tänze-Raten. "Guckt nicht zum Nachbarn", rät er seinen Schülern, aber spätestens nach vier Takten, in denen die meisten Paare noch immer leicht verunsichert vor sich hin treten, blinzeln sie doch zur Seite. Auf Samuel, den Silbertänzer, der inzwischen doch noch eine Tanzpartnerin gefunden hat, die er sicheren Schrittes im Foxtrott übers Parkett führt.