Mamas & Papas

Stresstest: Die Eltern als Blitzableiter

| Lesedauer: 4 Minuten
Susanne Leinemann

Ein letztes Mal Sylt. Seit fast dreißig Jahren verbringen Oma und Opa ihr Silvester auf der Insel, und wir wussten alle, dieses Jahr würde das letzte Mal sein. Der Opa ist schon länger krank, langsam fehlt ihm die Kraft für solche Reisen. Doch die Großeltern wünschten sich sehr, noch einmal den Jahreswechsel wie gewohnt zu feiern, mit Freunden und Familie. Abschied von der Insel - ihrer Insel - zu nehmen. Also fuhren wir mit den Kindern los. Die Tochter vorweg, sie begleitete die Großeltern im Zug. Wir kamen samt Sohn im Auto hinterher.

Als wir eintrafen, hatte unsere Tochter schon ordentlich mit angepackt. War der Oma zur Hand gegangen, hatte beim Auspacken, Einkaufen, beim Abwasch geholfen. Hatte sie sich rührend um den Opa gekümmert, ihn immer wieder in den Arm genommen, ein Auge darauf gehabt, ob es ihm gut ging. Zwischendurch setzte sie sich still in die Ecke und las. Sie liebt die See, die berühmte Insel auf der Höhe von Dänemark, und sie kennt diese Ferienwohnung, die sie schon öfter mit den Großeltern besucht hat. "Eure Tochter ist toll", raunte die Oma meinem Mann und mir glücklich zu, als wir eintrafen. Der Sohn half auch ein bisschen mit beim Auspacken - nicht ganz so aufmerksam wie seine Schwester. Klar, ein Junge. Aber er gab sich Mühe. Nahm den Opa, der erschöpft auf dem Sofa saß, fest in den Arm. Wir lächelten stolz. Unsere Kinder.

Dann lief ich mit ihnen hinaus ans Watt. Nur die Kinder und ich. Mal Luft holen. Ich dachte, es ginge so harmonisch weiter wie in der Ferienwohnung. Ich hatte mich getäuscht. Der Streit zwischen den Geschwistern entbrannte sofort heftig. Körperliche Rangeleien, gestrecktes Bein. Ich ging dazwischen, ermahnte beide, sich zu beruhigen. "Aber nur, wenn du nicht mehr so eine Zicke bist!", blaffte meine Tochter mich an. Ich hatte mich wohl verhört. "Wieso bin ich denn eine Zicke? Ich habe nur gesagt, ihr sollt euch zusammenreißen." - "Weil du wie eine zickige Zicke redest", kam als schnippische Antwort. Was war plötzlich los?

Am nächsten Tag kehrten wir mit den Kindern in Deutschlands nördlichste Fischbude ein - nur wir vier, die Großeltern waren zurückgeblieben. Nun zickte unser Sohn und führte das große Fischbudenbestelltheater auf. Auf keinen Fall Milchreis mit Zimt und Zucker, nein, auch keine Fischstäbchen mit Pommes. Ja gut, Reibekuchen, aber bitte ohne alles. Bloß kein Apfelmus mit dabei. Drei nackte, trostlose Reibekuchen kamen. Naja, jetzt doch Apfelmus. Nachbestellung! Der Kellner lief wieder los. Währenddessen vergriff sich der Sohn an den Pommes der Schwester. "Die sind lecker, die will ich jetzt." - "Erst isst du deinen Reibekuchen!" Lustlos stocherte er, unter großem Gemecker. Was um Himmels willen war in die Kinder gefahren?

Dann verstand ich: Sie ließen Dampf ab. So nah, so unentrinnbar in der Ferienwohnung zu erleben, wie Krankheit in ein Familienleben grätscht, wie alles unter dem Stern der Krankheit steht, das machte ihnen zu schaffen. Sie brauchten uns - als Blitzableiter. Darum fuhr mich meine Tochter aus heiterem Himmel an, darum benahm sich der Sohn so anstrengend. Die Situation mit dem Opa, die sie zwar aus Berlin kannten, aber nun im Urlaub viel direkter erlebten. Es überforderte sie fast. Wir Erwachsenen trinken dann abends zur Entspannung ein Glas Wein. Und die Kinder? Schlagen über die Stränge. Zetteln aus dem Nichts einen Streit an. Es ist ihr gutes Recht. Wir Eltern haben gerne Blitzableiter gespielt.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher