Dinge des Lebens

Die Puppe zur Ikone

Thorsten Bretzinger, 44 Jahre, Filmjournalist aus Schöneberg

Die Dinge, die uns am Herzen liegen, sind meistens etwas Besonderes. Häufig erinnern sie an eine vergangene Epoche, sind kulturgeschichtliche Zeugnisse oder erzählen die Geschichte eines ganzen Lebens. Und manchmal sind sie auch ein bisschen merkwürdig.

Eigenartig, ja sogar seltsam: So könnte man auch Thorsten Bretzingers Leidenschaft für eine Puppe beschreiben. Es ist nicht irgendeine Puppe. Es ist eine so genannte Fashion Doll, eine Modepuppe der 1865 gegründeten Firma Horsman. Sie trägt einen engen roten Anzug und braune Stiefel. Ihr platinblonder Pagenschnitt ist auftoupiert. Bretzinger hat die 1976 hergestellte Plastikpuppe Anfang des Jahrtausends bei Ebay ersteigert, für rund 30 Dollar. Er weiß noch, wie er das Geld gegen Euro bei Western Union in Berlin am Hardenbergplatz eintauschte, die Scheine in einen Umschlag steckte, zusammen mit einem Dankesschreiben an die amerikanische Verkäuferin. "Eine Freundin von mir war dabei, wir haben uns rund gelacht", sagt Bretzinger. "Das ist ja auch lustig: ein erwachsener Mann, der eine Puppe kauft und so einen Brief schreibt."

Doch wie bei so vielen Herzensdingen gibt es auch zu Thorsten Bretzingers Puppe eine Geschichte. Eine Geschichte, die für Thorsten Bretzinger diese Episode plausibel macht, vielleicht sogar unausweichlich. Sie beginnt in den Achtziger Jahren. Bretzinger war damals elf Jahre alt und sah "Dressed to Kill". Man sollte schon sagen, dass "Dressed to Kill" kein Film für Kinder ist. Aber Bretzingers Mutter war Altachtundsechzigerin. "Sie war so tolerant und liberal, sie hat den Film mit uns zusammen angeschaut." Bretzinger schätzte seine Mutter für ihre Lässigkeit: "Wir durften für Dallas und Denver länger aufbleiben als viele Klassenkameraden". Hätte er allerdings Kinder, würde er ihnen den Thriller "Dressed to Kill" niemals zeigen. Zu brutal, zu frauenfeindlich. "Dieser Filmnachmittag war ein Schock für mich. So viel Erotik. So viel Gewalt."

Doch es war geschehen. Die Bilder hatten sich in Bretzingers Gedächtnis eingebrannt. Und sie sind auch der Grund, warum in seiner Schöneberger Wohnung die Puppe auf einem Holzregal thront wie eine Göttin. Denn "Dressed to Kill" machte Bretzinger zum Fan. Nicht von Regisseur Brian De Palma, nicht von Rasiermessern oder Gewalt, sondern von Filmen im allgemeinen - Bretzinger wurde Filmjournalist. Und von Hauptdarstellerin Angie Dickinson im Besonderen. Ihr ist die Puppe nachgebildet.

In "Dressed to Kill" spielt Dickinson die frustrierte Hausfrau Kate Miller, die als Identifikationsfigur für den Zuschauer aufgebaut, doch nach 25 Minuten mit einem Rasiermesser ermordet wird. "Ein Vertrauensbruch gegenüber dem Publikum, ähnlich wie der Mord an Marion Crane in Psycho. De Palma ist ein Hitchcock-Epigone", erklärt Bretzinger. Der 44-Jährige stellt sonntags im Radio bei "Alex" im Offenen Kanal Kinofilme vor. Angie Dickinson gewann mit der Kate-Miller-Rolle einen Saturn Award als beste Schauspielerin. Doch kaum jemand in Deutschland kennt die elegante Blondine, die inzwischen 81 Jahre alt ist. "Dressed to Kill" war ihr letzter großer Kinofilm, danach folgten Nebenrollen und Fernsehserien. "Sie soll gesagt haben, dass sie trotz des Durchbruchs für eine Karriere in Hollywood schon zu alt gewesen sei - mit 49 Jahren", sagt Bretzinger. Zuvor hatte sie schon die Rolle der Krystle Carrington im Denver Clan abgelehnt - Linda Evans wurde damit quasi unsterblich.

Dickinsons Hochzeiten, aber das wusste der Karlsruher Grundschüler Bretzinger damals nicht, waren die 70er-Jahre. Als Sergeant Pepper war sie die erste Kommissarin in der Polizeiserie "Police Woman". Von 1974 bis 1978 liefen vier Staffeln über die US-Mattscheiben. "Sergeant Pepper war das Vorbild für ,Drei Engel für Charly' oder für ,Cagney & Lacey'. Die erste Frau, die Männern und Frauen sagte, wo es lang geht. Selbstbewusst, intelligent und elegant", schwärmt Bretzinger, ganz Feminist. In Deutschland war "Police Woman" unter dem Titel "Make-Up und Pistolen" erst zehn Jahre später zu sehen.

Bis dahin war Bretzinger schon zu Dickinson-Devotionalien gekommen. In seiner Wohnung hängen Filmposter über Filmposter an den Wänden, in den Regalen stehen DVDs und VHS-Kassetten in Reih und Glied. Darunter ist " Rio Bravo", ein Western von 1959, in dem Dickinson an der Seite von John Wayne und Dean Martin eine geheimnisvolle Frau verkörpert. Ein Jahr später spielte sie in "Ocean's 11" die Gattin von Danny Ocean alias Frank Sinatra. In Klarsichtfolien bewahrt Bretzinger Originalautogramme, Filmstills und Pressefotos auf. Sein ältestes Stück ist eine Cinema-Ausgabe vom März 1981 mit einer Kritik zu "Dressed to Kill". Sein Lieblingsstück aber - Feminist hin oder her - ist diese Puppe. Keine Massenware von Mattel, keine Barbie - obwohl sie ähnliche Maße hat -, sondern Angie Dickinson als "Police Woman". Selbst viele seiner Freunde würden über diesen "sanften Fetisch" lachen, sagt Bretzinger. Mehr sei es auch nicht. "Das ist eine ungefährliche Leidenschaft, viel besser, als in einer Spielhalle sein Geld zu verbraten."

Bretzinger, der in Köln Amerikanistik sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert hat, deutet sein Faible auch tiefenpsychologisch. "Meine Mutter war lange sehr krank, bevor sie 2001 mit 51 Jahren gestorben ist. Für mich ist Angie Dickinson so eine Art Mutterersatz." Er präsentiert die ranke Plastikfigur auf seiner ausgestreckten Hand wie ein kostbares Juwel. Er grinst.

Der echten Dickinson - die er noch nie in echt getroffen hat - hat Bretzinger 2011 zum 80sten Geburtstag eine Party im Pinguin-Club in Schöneberg ausgerichtet. Zu Gast war auch ein Hörspielproduzent. Monate später sprach Bretzinger den Geisterpolizisten für die Hui-Buh-Folge "Das verzauberte Schwert". Dickinson hat indirekt für seine erste Sprecherrolle gesorgt. Bretzinger nickt der Puppe zu. Eine Glückbringerin ist sie also auch.

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