Selbstständigkeit

"Alles wird leichter"

Nach der Geburt eines Kindes denken viele Frauen darüber nach, sich selbstständig zu machen. Aus Überzeugung, aber auch, weil sie kein Zurück in ihren alten Job sehen. Netzwerke können ihnen helfen, Fuß zu fassen.

Um 20 Uhr treffen sich die 14 MammaMia-Frauen. Vorher wird es einfach nichts mit einem Treffen, die Frauen mit kleineren Kindern können erst los, wenn die Kinder im Bett sind oder der Vater übernimmt. "Wir sind alle Mütter", sagt Vorstandsmitglied Kerstin Brünner (43), "wir kennen die Probleme". Zusätzlichen Stress können die Mitglieder des Frauennetzwerks aus dem Berliner Süden nicht gebrauchen. Jede von ihnen führt - neben der Familie - ein Unternehmen.

Deshalb gibt es bei MammaMia-Treffen keine strengen Regeln. Wer zu spät kommt, müsse nicht mit hochgezogenen Augenbrauen rechnen, versichert Kerstin Brünner: "Wenn eine um 20.10 Uhr mit wehenden Fahnen zum Treffen kommt, weil ihr Mann gerade erst gekommen ist, um die Kinder zu übernehmen, dann wissen wir alle, wovon sie spricht." Aber wenn sie erst einmal da ist, geht es gleich weiter mit der Arbeit. "Wir reden über das Geschäft, planen Aktionen, überlegen gemeinsam, was wir machen können." Oder, wie es MammaMia-Mitglied Kirsten Fritzsche ausdrückt, "wir netzwerken eben".

Vieles kann man teilen

Kerstin Brünner, die eine Büro- und Web-Organisationsfirma leitet und außerdem Kinderbücher schreibt, hat das Netzwerk zusammen mit einer weiteren Unternehmerin vor gut fünf Jahren gegründet. "Wir kannten uns über die Kinder, waren beide selbstständig. Als wir irgendwann zusammensaßen, haben wir darüber gesprochen, was wir alles noch erledigen müssen, wenn wir nach Hause kommen. Wir haben gemerkt, dass man sich viele Dinge teilen kann - so entstand die Idee, ein Netzwerk zu gründen", erzählt Kerstin Brünner. Im Bekanntenkreis warben sie um weitere Mitglieder.

Ausschließlich Mütter wollten sie aufnehmen - aber trotz dieser Einschränkung gab es genügend Interessentinnen. Denn gerade nach der Geburt eines Kindes kommen viele Frauen auf die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen. "Das hat zwei Gründe", sagt Daniela Sauermann, die als Coach Existenzgründerinnen berät. Ganz wichtig sei der Wunsch nach Flexibilität: "Die Frauen wollen sich nicht mehr an vorgegebene Arbeitszeiten halten müssen, sondern selbst entscheiden können, wann sie arbeiten." Hinzu kämen die Zweifel, ob sie im Beruf noch so bestehen können wie zu der Zeit vor der Geburt. "Viele Frauen fragen sich, ob sie sich noch im gleichen Maße auf ihre Arbeit einlassen können, ob sie es schaffen, das Mutter-Sein und den Beruf miteinander zu vereinbaren." Daraus entstehe dann der Wunsch, der eigene Chef zu sein, beschreibt Daniela Sauermann die Motivation vieler "Mompreneurs", wie die Existenzgründer-Mütter in den USA genannt werden. Laut Berlin-Brandenburger Amt für Statistik waren 2011 in Berlin 97.800 Frauen selbstständig oder halfen im Betrieb eines Angehörigen mit. Etwa jedes dritte der 37.062 Einzelunternehmen, die nach Angaben der IHK 2011 in Berlin entstanden, wurde von einer Frau gegründet. Wie viele dieser Frauen Mütter sind, geht aus der Statistik allerdings nicht hervor.

Daniela Sauermann ist selbst Mutter zweier Kinder und hat gemeinsam mit Andrea Juchem-Fiedler vor fünf Jahren die Beratungsfirma FcF-Institut gegründet. Unter ihren Kunden sind viele Frauen, die sich selbstständig machen wollen - und einer ihrer wichtigsten Ratschläge lautet: "Netzwerken ist das A und O." Es gehe nicht nur darum, sich gegenseitig Kunden zu vermitteln, sondern vor allem um Feedback, um Ideen, betont Daniela Sauermann: "Gerade wenn man allein arbeitet, ist man auf den Austausch mit anderen angewiesen. Und darum ist es gut, wenn man über die eigene Familie hinaus mit anderen sprechen kann. In einem Netzwerk kann man seine Ideen vorstellen, dann fällt vielleicht noch mal jemanden ein ganz anderer Aspekt ein." Wichtig sei nicht die Größe des Netzwerks, sagt die Beraterin: "Die Qualität der Kontakte ist wichtiger als die Quantität. Es hilft nichts, wenn ich sehr viele Kontakte habe, die aber kein Interesse an mir und meinem Unternehmen haben."

Bei MammaMia ging es im Oktober 2007 mit fünf Frauen los, im Laufe der Zeit kamen weitere dazu. Das Netzwerk ist offen für weitere Mitglieder. "Das ist noch ausbaufähig", findet Nicola Scherr, 44, Pädagogin, Leiterin des Nachhilfeunternehmens "Lernoase" und neben Kerstin Brünner und Michaela Asmussen eines der drei Vorstandsmitglieder: "Ein Netzwerk lebt von seinen Mitgliedern, denn sie bringen neue Ideen." Vorschläge, bei welchen Veranstaltungen sich ein MammaMia-Stand lohnen würde zum Beispiel. Oder wie das Netzwerk sonst noch auf sich und seine Mitglieder aufmerksam machen könnte.

So entstand zum Beispiel das MammaMia-Gutscheinheft, in dem zwölf Mitglieder ihr Unternehmen vorstellen und einen Rabatt anbieten. "Das ist doch viel attraktiver, als wenn ich allein Gutscheine nur für meine Firma verteile", sagt Kerstin Brünner. Da passt es gut, dass viele Unternehmen etwas mit Familie und Kindern zu tun haben. Kirsten Fritzsche zum Beispiel kommt mit ihrem Puppentheater "Kofferwelten" zu Kindergeburtstagen, Marlis Schlieske veranstaltet Kinderbuchpartys, Michaela Asmussen hat ein Reisebüro für Familienreisen. Eine Voraussetzung, um bei MammaMia Mitglied zu werden, ist das aber nicht: Zum Netzwerk gehört auch Regina Fleck, Geschäftsführerin einer Sanitär- und Heizungsfirma. Mitglied werden darf jede selbstständige Mutter. "Wir wollten ein Netzwerk für Mütter, weil man als Selbstständige mit Kindern eben in einer besonderen Situation ist", meint Kerstin Brünner. "Denn der Spagat zwischen Beruf und Familie ist bei Selbstständigen noch ein bisschen größer".

Das bestätigt auch Coach Daniela Sauermann: "Selbstständig zu sein, heißt ja nicht, dass man völlig frei über seine Zeit verfügen und jederzeit für das Kind da sein kann." Gute Organisation und die Bereitschaft, die Kinderbetreuung zeitweise an andere zu übertragen, seien Voraussetzungen, um Mutter und Unternehmerin zugleich sein zu können. Deshalb helfen sich die MammaMia-Mitglieder notfalls auch mal bei der Kinderbetreuung aus, "auch wenn das natürlich nicht Zweck des Netzwerks ist", sagt Nicola Scherr, "eigentlich geht es ja darum, sich geschäftlich zu unterstützen". Bei ihren Treffen reden die Frauen höchstens beim Verabschieden noch kurz über die Familie. "Wir kennen uns gut, aber privat treffen wir uns nur selten", sagt Kerstin Brünner.

Trotzdem sehen sich die Frauen nicht nur bei ihren monatlichen Netzwerktreffen. Manchmal tun sich auch nur zwei oder drei der Frauen für eine Aktion zusammen, stellen sich zum Beispiel gemeinsam an einen Messestand. Das spart Standkosten, "alles wird leichter zu organisieren, man kann auch mal zwischendurch Ware holen oder einen Kaffee, ohne den Stand mit allen Sachen allein lassen zu müssen", sagt Kerstin Brünner und ihre Netzwerk-Kollegin Michaela Asmussen fügt hinzu: "Mehr Spaß macht es auch."

Birgit Gerstenberger bietet mit ihrem Unternehmen Colour Kids "kreative Kinderevents" an. Bei Firmenfesten, Tagen der offenen Tür oder anderen Gelegenheiten malt und bastelt die 52-Jährige mit den Mitarbeiter- oder Kundenkindern ihrer Auftraggeber. Sie schätzt an MammaMia vor allem "den Austausch". Bei ihren Treffen an jedem ersten Freitag im Monat erzählen sich die Frauen von ihren Erfahrungen und bringen sich gegenseitig auf neue Ideen. "Das motiviert ungemein", sagt Birgit Gerstenberger. Wenn eine der Frauen mal ein Tief hat und an sich und ihrem Unternehmen zweifelt, kommen die anderen mit Vorschlägen, wie sie um neue Kunden werben oder ihren Alltag organisieren kann. Zusätzlichen Druck will das Netzwerk nicht aufbauen: "Wir küren nicht das erfolgreichste Mitglied oder so etwas", sagt Kerstin Brünner, "unsere Mitglieder müssen nicht eine bestimmte Anzahl von Kontakten vermitteln". Und natürlich gibt es keine Verpflichtung, die Angebote der anderen Netzwerkerinnen zu nutzen - aber die meisten tun es dann doch.

Kleines Netzwerk, großer Rückhalt

Ab und zu hält ein Mitglied einen Vortrag für die anderen. "Neulich zum Beispiel hat eine Frau uns über Online-Plattformen informiert, auf denen wir uns und unsere Unternehmen vorstellen können", erzählt Dagmar Thieme, die in ihrer Zehlendorfer Kinderküche "Backmäuse" Geburtstagspartys und Backkurse für Kinder veranstaltet. "Sie hat das so präsentiert, dass es uns angeht, und genau die Fragen beantwortet, die wir uns stellen." Dass sie auf die Fragen der einzelnen Mitglieder eingehen können, sei einer der Vorzüge eines relativ kleinen Netzwerks.

Viele der Frauen kommen aus Lichtenrade und Umgebung, "Voraussetzung ist das aber nicht", betont Michaela Asmussen, "das hat sich einfach so ergeben". Dass sie alle eher kleine Unternehmen vertreten, sehen die Mitglieder ebenfalls als Vorteil. Bekannte Netzwerke, in denen sich Vertreter großer Unternehmen organisierten, seien keine Alternative. "Da geht es ja auch darum, sich gut zu präsentieren und ganz Geschäftsfrau zu sein", sagt Kerstin Brünner. "Aber es gibt doch diese typische Situation: Man hat den ganzen Nachmittag die Kinder durch die Gegend gefahren und ist gar nicht richtig zum Arbeiten gekommen. Da fühlt man sich abends eben gar nicht als Geschäftsfrau, sondern so - muttermäßig."

Dieses Gefühl kennen alle MammaMia-Mitglieder und schaffen es deshalb, sich gegenseitig wieder zu motivieren. Und noch etwas schätzen sie an ihrer vergleichsweise kleinen Organisation: "In einem größeren Netzwerk würde ich mich vielleicht gar nicht trauen, meine Fragen zu stellen", sagt Birgit Gerstenberger. "Ich geh' doch nicht hin und sag': Ach, Frau Dussmann, wie machen Sie das denn mit der Buchführung?"