Dinge des Lebens

Das ganze Jahr Weihnachten

Ehepaar Boeck, 67 und 71 Jahre, Rentner aus Charlottenburg

Wo die Nussschale geblieben ist, das würde Roswitha Boeck (67) wirklich gern wissen. Sie war besonders schön. Winzigklein und in dem Hohlraum eine Weihnachtskrippe im Miniaturformat. "Wir haben länger nach so einer Krippe gesucht", sagt Roswitha Boeck, "sie war nämlich aus einer echten Nuss und nicht aus Plastik. Sie hat mir immer sehr gut gefallen". Doch nun ist sie nicht mehr auffindbar. Vielleicht ist sie irgendwo dazwischen gerutscht, vielleicht aber auch ganz verschwunden. "Ärgerlich wäre das", findet Roswitha Boeck. Sie hat zwar einen ganzen Keller voll mit verschiedenen Weihnachtskrippen, aber diese war etwas ganz Besonderes. "Sie war nicht leicht zu besorgen. Wir haben sie auch immer mit ausgestellt", sagt sie. "Dabei ist sie dann wahrscheinlich irgendwie weggekommen. Vielleicht hat sie einer in der Tasche verschwinden lassen. Womöglich wurde sie aus Versehen sogar weggeworfen."

Sammelleidenschaft seit 45 Jahren

Bei den meisten der anderen Krippen, die das Ehepaar Boeck in den vergangenen 45 Jahren gesammelt hat, geht nicht ganz so leicht etwas verloren. Sie sind zu auffällig, zu groß. Die drei Meter hohe Weihnachtspyramide zum Beispiel, die nie ganz vollendet wurde, "weil der Mann, bei dem ich sie in Auftrag gegeben habe, gestorben ist". Oder auch die lebensgroße Krippe, die das Paar aus Schaufensterpuppen selbst zusammengestellt hat. Natürlich gibt es auch kleinere Modelle mit filigranen Holz- oder Gipsfiguren. "Es ist eigentlich für jeden Geschmack etwas dabei", sagt Dieter Boeck (71). Insgesamt 40 Umzugskartons mit Weihnachtskrippen hat das Paar gesammelt. "Wir haben extra den Hauskeller angemietet, um sie alle lagern zu können", sagt Roswitha Boeck.

Dabei begann die Sammelleidenschaft ganz harmlos. Das Ehepaar Boeck hatte gerade geheiratet und sich mit einer chemischen Reinigung selbstständig gemacht. Es schlenderte in der Vorweihnachtszeit den Kudamm entlang und ging schließlich ins Europacenter. "Da stand eine Bacher-Krippe, eine Holzkrippe aus Südtirol, und wir waren gleich ganz hin und weg", sagt Roswitha Boeck. Doch das Modell war unerschwinglich für das junge Paar. "Wir leisteten uns zu diesem Weihnachtsfest den Stall", sagt Roswitha Boeck. "Doch allein der kostete schon 2000 Mark. Das war in unserer Situation unglaublich viel Geld."

Nach und nach vervollständigten sie die Krippe. Bekannte und Verwandte bekamen die Leidenschaft des Paares mit und brachten von überall her Krippenfiguren mit. Und die Boecks suchten selbst nach ausgefallenen Kreationen. Jeden Sonntag um sieben Uhr morgens machen die beiden sich auf und stöbern auf Berliner Trödelmärkten nach Krippen. "Das ist bei uns zu einer richtigen Tradition geworden", sagt Dieter Boeck. "Wir brauchen diese Sonntage." Zwei Märkte schaffen sie eigentlich immer. Wenn sie fündig werden, tragen sie die Krippe stolz nach Hause, schauen sie noch einmal ganz genau mit all ihren Details an und verstauen sie in den Kartons. So schlummern die Krippen bis zur Vorweihnachtszeit.

Klappkrippen aus Papier, bunte Gipsfiguren, schlichte Krippen aus Holz - wann ist eine Krippe ein Sammlerstück? Roswitha Boeck lacht: "Das ist ganz einfach: Sie muss mir gefallen." Das Ehepaar hat einen Blick dafür entwickelt. Die beiden sehen eine Krippe, nehmen sie in die Hand, befühlen das Material, lassen die Farben auf sich wirken - "und dann wissen wir, ob die Krippe etwas für uns ist". Der materielle Wert spielt eine untergeordnete Rolle. "Die meisten Krippen haben eher einen ideellen Wert für uns. Wir betrachten sie und erinnern uns daran, wo wir sie gefunden haben, wo sie schon überall stand, was sie für eine Geschichte hat", sagt Dieter Boeck. Trotzdem: Rund 120.000 Euro ist die Sammlung insgesamt wert, so schätzt das Ehepaar aus Charlottenburg. "Wir haben ein paar ganz besondere Krippen, die man so in der Größe heute gar nicht mehr bezahlen könnte", sagt Dieter Boeck. Die Bacher-Krippe, das Stück, mit dem alles anfing, ist so ein Beispiel. Sie ist ein wertvoller Schatz in der Sammlung des Ehepaares Boeck.

Festtagsstimmung für Geschäftsreisende

Seit einigen Jahren stellen Roswitha und Dieter Boeck ihre Krippen zur Weihnachtszeit aus. Im Moment ist eine Auswahl im Kongresshotel in Potsdam zu sehen. "Das ist ganz schön aufwendig. Die Krippen müssen dahin transportiert werden, die großen Stücke werden vor Ort aufgebaut. Dabei helfen uns immer zehn Bekannte, sonst wäre das gar nicht zu schaffen", sagt Roswitha Boeck. Es ist ein anstrengender Tag für das Paar - und auch für Pudeldame Nancy. Die kleine graue "Chefin" der Familie muss dann von der Nachbarin gehütet werden. "Sonst darf sie ja überall hin mit, aber beim Ausstellungsaufbau läuft uns der Hund ständig vor die Füße", sagt Dieter Boeck. "Dann werden wir ja nie fertig." Wenn endlich alles steht, ist das Ehepaar Boeck zufrieden. Die Krippen verbreiten eine weihnachtliche Stimmung in dem Business-Hotel. Den Gästen gefällt es, es stimmt sie auf Weihnachten ein.

In den eigenen vier Wänden baut das Ehepaar allerdings keine Krippe auf. "Zumindest nicht immer", sagt Roswitha Boeck. Manchmal entscheiden sie sich ganz spontan für eines ihrer Sammlerstücke. "Aber in diesem Jahr mal nicht", sagen sie. Sie hatten zu viel um die Ohren in den vergangenen Wochen. Sie haben ihre chemische Reinigung nach all den Jahren abgegeben, dann die große Ausstellung. "Da blieb für eine eigene üppige Weihnachtsdekoration keine Zeit", sagt Roswitha Boeck. Nur ein paar geschmückte Tannenzweige hat sie aufgestellt. "Eine Krippe brauchen wir nicht für die Weihnachtsstimmung", sagt sie. "Die Krippen gehören ja das ganze Jahr über zu unserem Leben."

Die Krippen-Ausstellung im Kongresshotel Potsdam (am Luftschiffhafen 1 in Potsdam) ist noch bis zum 27. Dezember zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

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