Interview

"Ein neuer Partner ist keine Konkurrenz für den alten"

Ein harmonisches Fest unterm Tannenbaum - das ist oft schon für die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie eine Herausforderung. In Patchwork-Familien müssen noch neue und alte Partner und eventuell Kinder aus früheren Beziehungen integriert werden.

Wie das gelingen kann, darüber sprach Beatrix Fricke mit Paartherapeutin Berit Brockhausen.

Berliner Morgenpost:

Wer an Heiligabend nun genau unterm Baum sitzen sollte, ist in Patchwork-Familien gar nicht so einfach zu beantworten. Haben Sie eine Lösung?

Berit Brockhausen:

Die Kinder möchten Weihnachten am liebsten mit Vater und Mutter verbringen. Das ist ihr gutes Recht. Es bedeutet aber nicht, dass diese Variante in jedem Fall die beste ist. Denn dabei könnte sich der neue Partner beziehungsweise die neue Partnerin zurückgesetzt fühlen. Feiert aber nur die "neue" Familie zusammen, fühlen sich der oder die Ex möglicherweise ausgegrenzt. Jeder möchte seinen Platz haben. Wird ihm dieser streitig gemacht, führt das zu Konflikten.

Also holt man alle zusammen?

Ob das funktionieren kann, müssen die Erwachsenen frühzeitig klären. Jeder muss schauen, was er braucht, und das offen formulieren. Man muss sich trauen zu enttäuschen, und keiner sollte sich etwas zumuten, was er nicht kann. Wenn man mit alten und neuen Partnern zusammen feiern will, hilft es, jedem eine Aufgabe zu geben, etwa den Baum zu schmücken oder das Essen vorzubereiten. Das sichert jedem seinen Platz.

Und wenn sich das auch nur einer der Beteiligten nicht vorstellen kann?

Dann sollte man es lieber lassen. Zum Glück besteht Weihnachten nicht nur aus zwei Stunden. Man kann den Heiligen Abend ja schon am frühen Nachmittag beginnen lassen mit einer Kinderbescherung in der Kernfamilie an einem festgelegten Ort. Ab 20 Uhr beginnt dann das "Paarweihnachten" mit dem neuen Partner. Oder die Kinder feiern zweimal: erst beim einen, dann beim anderen Elternteil. Oder man wechselt von Jahr zu Jahr. Wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen.

Was sind denn die häufigsten Fallstricke in Patchwork-Familien?

Wenn Konkurrenz entsteht zwischen den alten und den neuen Partnern. Wer sich bedroht fühlt, wird anfangen zu kämpfen. Und meist sind dann die Kinder die Leidtragenden. Wer einen neuen Lebensgefährten hat, sollte dazu stehen. Genauso wie man gegenüber einer neuen Liebe klar macht, dass man an Feiertagen, Wochenenden oder Ferien immer auch Zeit für die Kinder einplanen wird. In Wirklichkeit ist ein neuer Partner keine Konkurrenz für den alten: Die Ex wird ihr Leben lang Mutter der gemeinsamen Kinder bleiben und einen festen Platz in ihrem Leben haben. Doch die neue Liebe ist unbestritten die Frau an der Seite. Deshalb ist es völlig überflüssig, dass sie vor allem in der Anfangsphase Elternaufgaben übernimmt. Und man sollte auch kein Kind zwingen, zum neuen Partner "Papa" oder "Mama" zu sagen. Das halte ich für gefährlich.

Patchwork-Familie - kann man das lernen?

Es kann hilfreich sein, sich ein Bild zu machen in Form einer Karte. Sie soll zeigen: Wer gehört wohin? Was ist sicher? Kinder, Mutter, Vater, Partner, neue Geschwister - sie alle sollten dort ihren Platz finden. Wenn alle Beteiligten darauf vertrauen, dass sie einen Platz haben, und bereit sind, etwas zum Gelingen der Konstellation beizutragen, kann eine Großfamilie entstehen. Das wäre ein großer Reichtum.