Partnerschaft

Ich bastel mir eine Familie

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Doch wie bringt man die zusammen, die man liebt (und geliebt hat)? Patchwork-Eltern erzählen

Das Spiel mit der Liebe ist schon manchmal recht eigenartig. Da wohnen zwei Menschen in Lichterfelde nicht mehr als 200 Meter entfernt, gehen vielleicht jahrelang auf der Straße aneinander vorbei, schauen sich nicht an. Und dann treffen sie an einem Abend in der Lützowbar aufeinander, und es fängt etwas an. So ist es Zoë Schlär und Jürgen Waldheim passiert. Er ein alerter Endvierziger, Rechtsanwalt, zwei Söhne, getrennt von seiner Frau. Sie, eine bedacht wirkende Frau Mitte dreißig, Mediatorin, eine Tochter, ein Sohn, verheiratet. "Mir gefiel seine Spontaneität. Und er ist so ein Macher", sagt sie. "Mir gefiel ihre offene und herzliche Art, der Charme und vieles mehr. Wir brauchten nicht viele Worte", sagt er.

Fünf Jahre sind seit dem Abend in der Lützowbar vergangen. Er löste viel aus. Zoë Schlär verließ ihren Mann. Anderthalb Jahre später zog sie mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in Jürgen Waldheims Haus in Lichterfelde ein. Seit zwei Jahren sind sie nun verheiratet. Die vier Kinder aus beiden Ehen haben sich mal mehr, mal weniger mit der neuen Situation arrangiert, pendeln zwischen den getrennten Elternteilen hin und her. Weitgehend normal in der heutigen Zeit, möchte man denken, lassen sich doch jedes Jahr rund 200.000 Paare in Deutschland scheiden. Viele finden einen neuen Partner, gründen wieder eine Familie. In fast 14 Prozent der Haushalte in Deutschland mit Kindern leben mittlerweile solche Patchwork-Familien. Tendenz langsam steigend. Doch wie ist das zu Weihnachten, dem Fest der Liebe? Wer feiert dann wo? Sind die Kinder bei Mama oder Papa? Oder rücken alle unter dem geschmückten Baum wieder etwas zusammen? Spielen für die Kinder ein bisschen "Heile Welt"? Oder feiert der Ex mit dem neuen Partner mit? Geht das überhaupt? Weihnachten bei Patchworks ist alles andere als einfach.

Flucht vor dem leeren Weihnachtszimmer

Zoë Schlär seufzt. Sie wird dieses Jahr in Barcelona feiern. Ohne Kinder. Nur mit Jürgen. "Wir möchten am 24. nicht alleine zu Hause sitzen, deshalb packen wir unsere Koffer." Man hat sich geeinigt, wechselt sich ab. Dieses Jahr feiern Schlärs Kinder beim Vater und Waldheims Söhne bei der Mutter, im kommenden Jahr dann wieder bei ihnen. "Weihnachten war bisher immer sehr ...", setzt die 41-Jährige an. "... harmonisch", ergänzt er. "Nur wenn die Kinder nicht da sind, wenn alle anderen mit ihren Familien am Weihnachtsbaum stehen, ist es traurig", sagt sie. Deshalb die Flucht nach Barcelona? Sie nickt.

Natürlich ändern sich mit neuem Partner auch die eingespielten Weihnachtsrituale. Einer geht in Kirche, der andere nicht. Bei dem einen wird gesungen, bei dem anderen nicht. Einer ist die Gans zum Fest gewohnt, der andere bevorzugt Fisch. Bei Schlärs und Waldheims gab es von Anfang an Raclette. Schon weil so viele Verwandte kommen, Großeltern, Tanten und Onkel. Der Tisch hinter der Anrichte wird ausgezogen, damit alle Platz finden. "Wir essen sehr viel und langsam, erst dann gibt es Bescherung." Die fällt allerdings bei Schlärs üppiger aus als in der Vergangenheit. "Eure Weihnachtsgeschenke sind immer viel bombastischer als bei uns", kann sich Zoë Schlär einen kleinen Seitenhieb auf ihren Partner nicht verkneifen. Was würden sie anderen Patchwork-Eltern raten, die vor ihrem ersten Weihnachten in neuer Konstellation stehen? Jürgen Waldheim nippt an seinem Darjeeling-Tee, überlegt und sagt dann: "Entspannt sein. Nicht den Ex-Partner ärgern wollen. Schauen, dass die Kinder im Mittelpunkt stehen."

Das hat sich im vergangen Jahr auch Uta Theuerkauf* aus Steglitz gedacht. Vor zwei Jahren hatte sich ihr Mann Michael Knall auf Fall von ihr getrennt, wegen einer anderen. Aber die 38-Jährige fand eine neue Liebe: Konrad. Der Nachhilfelehrer ihrer Töchter. Die beiden Mädchen akzeptierten den neuen Freund der Mutter. Aber dann stand Weihnachten vor der Tür, und die Ältere fragte, ob nicht alle zusammen feiern könnten. Konrad, Uta, Michael, der sich mittlerweile wieder getrennt hatte. "Die Kinder wollten die Situation legitimiert bekommen. Sie wollten wissen, kommen diese ganzen Erwachsenen miteinander aus, mögen sie sich sogar? Können sie dem Papa auch mal was von Konrad erzählen und umgekehrt?", erzählt Uta.

Einen Monat vor dem Fest trafen sich alle in einem Café. Eine Art Probelauf. Es ging gut und man verabredete sich zum Fest. Nach der Kirche, um 18 Uhr, stand ihr Ex mit den Geschenken vor der Tür. "Es war eine komische Situation", erinnert sich Uta, "weil jemand, der eigentlich immer dazu gehört hat, von außen dazu gekommen ist". Die beiden Männer gaben sich zur Begrüßung die Hand und bemühten sich sichtbar, freundlich miteinander umzugehen. Nur geschenkt haben sie sich nichts. Als der Abend zu Ende gegangen war, verabschiedeten sie sich sogar mit einer Umarmung.

Trotzdem, glaubt Uta Theuerkauf, war der Abend für beide alles andere als leicht. "Für Michael war es ein Problem zu sehen, dass wir uns zu viert ganz gut gefunden hatten. Und für Konrad war es ein Problem, dass ich mit Michael viele Jahre zusammen gewesen war und wir uns immer noch so gut kannten. Manchmal genügte ein Stichwort für ein Lächeln, manchmal brachte der eine den Satz des anderen zu Ende."

Es lief also insgesamt nicht schlecht - und für die Kinder eigentlich sehr gut. Nur dieses Jahr will Theuerkauf nicht mit ihrem Ex feiern, sondern nur mit ihren Kindern und Konrad. "Nächstes Jahr darf Michael dann gern mal wieder dabei sein."

Irina Schmidts* Ex-Mann Heiner wird dagegen am Weihnachtsabend wieder in ihrer Wohnung stehen. Vielleicht sogar neben Ulli, mit dem sie seit vier Jahren zusammen ist. Sie werden gemeinsam dem Klavierspiel seiner Tochter lauschen. Die Neunjährige hat angekündigt, dass sie unbedingt vor der Bescherung etwas vorspielen will. Alle sollen zuhören. Ob Heiner auch weiter bleiben wird, ob er zu seiner neuen Freundin geht und mit ihr und ihren vier Kindern feiern wird, oder ob Sabine mit ihrer Familie dann auch hierher kommt, das weiß Irina alles noch nicht. Sie will erst mal die Befindlichkeiten der Männer ausloten und dann entscheiden. Manches kann sich an dem Abend auch spontan ergeben. Denn alle Beteiligten leben in einem Haus in Wilmersdorf.

Nach der Trennung von Irina wollte Heiner unbedingt in dem Haus wohnen bleiben, in der Nähe der Kinder, und zog in eine Wohnung im Hinterhaus. Dort verliebte er sich in Sabine, die zwei Stockwerke unter ihm lebt. Viel Patchwork-Kuddelmuddel, das aber trotzdem nach Jahren zu einer irgendwie funktionierenden Einheit gefunden hat. "Das erste Weihnachten in der Konstellation war noch sehr nervig", erinnert sich Irina Schmidt. "Da suchte unser Sohn Paul nach seinem Vater, klingelte bei Sabine und erfuhr, dass er gerade mit ihrem Ältesten unterwegs war. Das hat ihn ziemlich geärgert." Silvester werden ihre Kinder drüben bei Heiner sein, aber Ulli und sie werden auf jeden Fall zu Hause bleiben. Gegen Mitternacht wird im Hof ein großes Feuerwerk entzündet werden, bei dem alle zusammen stehen. Und wenn die Kinder danach - trotz Abmachung - wieder in ihrer Wohnung landen werden, ist es auch nicht schlimm. "Man kann sich als Elternteil ja nicht einfach ausknipsen."

Eine zweite Familie

Das sagen sich auch Peter Klar* und seine Ex-Frau Franka mit ihren Kindern. Sie werden zum zweiten Mal Weihnachten mit Bernd und Anna feiern, die auch schon seit einigen Jahren getrennt sind und eine gemeinsame Tochter haben. Die eigenartige Konstellation kam zum ersten Mal ein Jahr nach Frankas Auszug zustande. Peter Klar wollte die Wohnung in Schöneberg halten und fragte seinen alten Schulfreund Bernd, ob er nicht zu ihm ziehen wollte. Seit drei Jahren funktioniert die Männer-WG, jedes zweite Wochenende sind die drei Kinder da und unternehmen mit ihren Vätern etwas. Mittlerweile sind Peter und sein Mitmieter für die Kinder so etwas wie eine zweite Familie.

Zum ersten Weihnachtsfest schenkte Peter Klar seiner Ex-Frau Franka und Bernds Ex-Frau Anna zwei Theaterkarten, seitdem treffen sich die beiden Frauen ab und zu. Im Vorfeld des Festes gab es dann aber doch Spannungen. Um Streitereien zu vermeiden, wurden Peters Eltern eingeladen. Sein Vater hatte ihm allerdings nahe gelegt, lieber einen klaren Schnitt zu machen als noch einmal Heile Welt zu spielen. "Es war dann ein furchtbares Besäufnis", erinnert sich Peter, "so als ob wir unsere ganze Angst in Alkohol versenken wollten. Es war eigentlich furchtbar, die Kinder saßen vor dem Fernseher, und wir redeten laut und beachteten die Kinder irgendwann nicht mehr."

Im Gegensatz zu ihren Ex-Frauen fanden Peter und Bernd bis heute keine neuen festen Partner, die sie ihren Kindern auch mal vorstellen wollten. Bernds Ex feierte im vergangenen Jahr mit ihrer Tochter, ihrem neuen Freund und dessen Sohn. Vor zwei Monaten hat sie sich aber von ihm getrennt, und auch Franka, Peters Ex, ist wieder solo. So kommt man dieses Jahr wieder zusammen. Anna wird eine Pute machen, Franka die Vorspeise. Peter will aber diesmal kein alkoholseliges Weihnachten, sondern das, was die Kinder wollen. "Spiele, Spiele, Spiele. Dann streiten wir uns hoffentlich auch nicht, wenn wir uns auf die Kinder konzentrieren." Peters Vater hatte im Vorfeld angekündigt, dass er auf keinen Fall mitfeiern wolle: Er finde das verlogen. Weihnachten so zu feiern, als ob man noch zusammen sei. Schließlich intervenierten die Enkelkinder, nun will der Großvater doch kommen.

Das Fest als Prüfung

Für Peter war Weihnachten jahrelang auch die Zeit, in der sich seine Frau von ihm getrennt hatte. Zwei Tage nach dem Fest. Deshalb fiel ihm das Feiern lange Zeit auch schwer. Heute tröstet er sich - unter anderem - mit dem Gedanken, dass er etwas hinter sich hat, was auf andere noch zukommen kann.

"Merkwürdigerweise haben sich in meinem Freundeskreis gerade nach Weihnachten einige getrennt", sagt Peter Klar. Das kann auch Zoë Schlär bestätigen: "Weihnachten ist ein traditionelles Familienfest, aber den Ansprüchen kann man nicht immer gerecht werden. Da wird es offensichtlich, wenn man sich nicht mehr liebt und versteht." Ihre Mutter, sagt Zoë Schlär, sei Anwältin für Familienrecht. Sie habe erzählt, dass im Januar die meisten Menschen kommen, um sich zu trennen - wenn Weihnachten vorbei ist. Ihr neuer Mann ergänzt, leidgeprüft aus eigener Erfahrung: "Es ist nicht immer das Fest der Liebe." Und heute? Natürlich seien immer noch Spannungen da. Aber irgendwie hat man sich zusammengerauft.

* Namen auf Wunsch der Personen geändert