Mamas & Papas

Tofu-Gans und andere Prüfungen

Wir sind eine familienfreundliche Familie. Wir gratulieren Onkeln und Tanten zum Geburtstag, wenn wir zufällig am betreffenden Tag in den Kalender schauen. Kommen entfernte Verwandte zu Besuch, empfehlen wir gern ein Hotel in der Nähe. Auf die Frage, ob sich denn in unserer Wohnung kein Nachtlager finden ließe, öffnen wir schweigend die Türen zu den Jungszimmern. "Ach, Ihr habt gerade die Handwerker", sagt der Besuch dann mitleidig und verzieht sich freiwillig in die Herberge. Eine männerdominierte Bude hat ihre Vorteile.

An Weihnachten stellen sich Familienfragen besonders drängend. Selbsteinlader wimmeln wir seit Jahren ab. Aber bisweilen werden wir eingeladen, in unwirtliche Gegenden. Wie alle ordentlichen Berliner sind wir nicht in der Hauptstadt geboren. Die Chefin stammt aus einer hanseatischen Dynastie, ich bin von schwerem westfälischen Geblüt. Wir könnten uns also nach Norden durchkämpfen, nach Westen oder hier im schönen Osten bleiben und von der Flucht in den Süden träumen, was mein persönlicher Favorit ist.

Das letzte Familienabenteuer haben wir vor acht Jahren gewagt; wir fuhren zu Heiligabend ins Münsterland. Zum Glück hatten wir Stullen eingepackt, was uns die Wartezeit im Stau überleben half. Blitzeis vor Osnabrück hatte die Fahrzeit mal eben verdoppelt. Die CD mit den Weihnachtsliedern verbreitete festliche Stimmung im Auto. Weil die Chefin ohnehin den ganzen Tag predigt, war es fast wie in der Auenkirche. Als wir nach neun Stunden bei der Familie eintrafen, verabschiedeten sich gerade die letzten Nichten. Bevor wir unser Nachtlager in feuchten Kellerräumen bezogen, lieferten wir einen Kofferraum voller Geschenke ab. Dafür bekamen wir einige Stücke kalter vegetarischer Pizza. Stark unterzuckert fuhren wir am nächsten Tag wieder heim, immerhin in sechs Stunden, ohne Kater und Magendrücken. Weihnachten muss nicht zwangsläufig mit Alkoholmissbrauch und Cholesterin-Katastrophe zu tun haben, wenn man einen veganen Zweig in der Familie hat.

Seither verbringen wir Weihnachten zu Hause. Besuch immer gern, aber erst ab dem 27. Dezember. Bis dahin machen wir uns egomanisch über die garantiert soja-freien Leckereien her, die wir bei einem Güntzelstraßen-Marathon erworben haben. Es regieren die drei F: Fernsehen, Futtern, noch mehr Fernsehen.

In diesem Jahr drohen leider wieder drei weniger schöne F - Fahren zu ferner Familie. In konspirativen Telefonaten mit der Hamburger Verwandtschaft hat die Chefin einen brillanten Plan geschmiedet, der leider zwei Schwächen hat: Er spielt in Hamburg und mit deutlich mehr als vier Personen. Die gute Nachricht: Neun Stunden Anreise bleiben uns wohl erspart, mit etwas Verkehrsglück ist man eher an der Elbchaussee als in Sanssouci. Ansonsten leider nur unlösbare Aufgaben: Tonnen von Geschenken transportieren, ohne dass die Jungs was merken, obwohl sie im gleichen Auto sitzen. Die Namen von Nichten und Neffen nicht verwechseln. Das experimentelle Gans-Rezept mit Chili-Schokolade-Tofu-Füllung loben. Finger weg von der Fernbedienung.

Wahrscheinlich ist es eine Prüfung des Schicksals: Alle acht Jahre muss ich eine Familienfeier überstehen, um die darauf folgenden sieben Jahre Wellness-Weihnacht daheim auf dem Sofa verbringen zu dürfen. Und das ist die wirklich gute Nachricht für das neue Jahr: Das Fest 2013 wird wieder mit der Kernfamilie begangen.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann