Dinge des Lebens

Saiten der Liebe

Jonas Bibi Hammond, 53 Jahre, Musiker aus Charlottenburg

Jonas Bibi Hammond ohne seine Gitarre? Niemand, der ihn kennt, kann sich dieses Bild vorstellen. Am liebsten trägt der Musiker das Instrument direkt am Körper, ein Schultergurt hält es auf seinem Rücken fest. Selbst wenn Jonas Bibi Hammond kocht, was er - neben dem Musizieren - sehr gern tut, trägt er die Gitarre auf diese Weise. "Mir könnte ja etwas einfallen am Herd", sagt er. Dann muss er die Melodie, die ihm in den Kopf kommt, gleich zum Leben erwecken, bevor sie sich wieder verflüchtigt. Einmal hat der Charlottenburger versucht, einen musikfreien Urlaub zu verbringen, seiner Familie zuliebe. Eine Woche hat er durchgehalten. Dann griff er wieder zur Gitarre.

Jonas Bibi Hammond hat schon viele verschiedene Gitarren gespielt. Doch das Instrument, das er heute in Händen hält, ist das wertvollste. Es ist eine Westerngitarre von T. Burton, Modell "The Rambler", gefertigt aus Fichte, Mahagoni und Rosenholz. 600 Euro hat Jonas Bibi Hammond in einem Neuköllner Musikgeschäft bezahlt; es gibt billigere Gitarren, aber auch viel, viel teurere. Doch ist es auch nicht der Preis, der das Instrument für den Musiker so wertvoll macht. Die "Rambler" hat Jonas Bibi Hammond an das Ziel gebracht, nach dem er immer strebte: Mit der "Rambler" spielte er seine erste CD als Solokünstler ein. Wie es dazu kam, ist eine anrührende Geschichte. Es ist eine Geschichte über Leidenschaft und Liebe, Widerstand und Willenskraft - und über eine afrikanische Familie.

Ein Verbot mit Folgen

Geboren wurde Jonas Bibi Hammond 1959 in Ghana, zwei Jahre, nachdem die britische Kronkolonie ihre Unabhängigkeit erlangt hatte. Sein Vater war Bildungsminister in der ersten demokratischen Regierung des westafrikanischen Landes. Dem Jungen, seinem Bruder und seinen fünf Schwestern ging es sehr gut - auch noch, nachdem 1966 das Militär die Regierung geputscht hatte. Als Spross des ghanaischen Adels genoss Hammond junior mehrere Bildungsaufenthalte in England, die Eltern waren ihren Kindern zugewandt. Und vor allem gab es die Musik. Schon als Kind lockte Hammond aus allem Töne hervor: aus Kochtöpfen, Trommeln, Pappkartons. Die Mutter freute sich über die Musikalität des Sohnes. Doch der Vater hatte große Bedenken. "Mein Vater liebte Musik", erzählt Hammond. "Er half meinem großen Bruder, in der Hauptstadt Accra einen Jazzclub aufzumachen, der zur ersten Adresse für afrikanische Stars wurde." Doch der eigene Sohn ein Musiker? Das ging zu weit.

Jonas Bibi Hammond fand trotzdem Wege, seine Leidenschaft zu leben. Er schmierte als Jugendlicher die Leibwächter des Familiensitzes in Accra mit Zigaretten, um nachts die Clubs der Stadt besuchen zu können. Stahl sich unter dem Vorwand, auf seine jüngeren Schwestern aufpassen zu müssen, aus dem Haus und in Konzerte. Im Club seines Bruders lernte er Musiker kennen, die ihn schon im Alter von 13 Jahren mit auf die Bühne baten. Der Zufall wollte es, dass er 14 Jahre später einige Leute wiedertraf, die den Jungen damals erlebt hatten - als Zuschauer. Nun waren sie selbst Musiker in einer Band, suchten einen Bassisten. Man kam ins Gespräch, dann ins Geschäft - und Jonas Bibi Hammond auf diese Weise nach Deutschland.

Ein halbes Jahr lang wollte Hammond in Berlin bleiben. Es wurden, bis heute, mehr als 25. Der Musiker tourte durch Europa, produzierte andere Künstler, arbeitete in der Werkstatt der Kulturen mit und trug auf diese Weise dazu bei, Weltmusik in Deutschland bekannt zu machen. Er verliebte sich, wurde Vater einer heute zehnjährigen Tochter. Doch ein Wunsch blieb unerfüllt: der, einmal allein auf der Bühne zu stehen. Das Verbot des Vaters war übermächtig.

Dann näherte sich das Jahr 2010, das Jahr, in dem seine Mutter ihren 90. Geburtstag feierte. Die Mutter, die Jonas Bibi Hammond unermüdlich ermutigt hatte, seinen Traum wahr zu machen. Der Sohn entschied sich, zu ihrem Geburtstag die lang ersehnte Solo-CD einzuspielen. So entstand "Jamestown", 50 Exemplare davon gibt es noch bei Dussmann zu kaufen. Es ist eine Pop-Platte mit Einflüssen aus Jazz, Blues und Soul, mit vielen langsamen, harmonischen Songs, dominiert von der weichen Stimme Hammonds. "Ich bin ein Softie", sagt Hammond lächelnd, "und ich bin stolz darauf." Es ist auch eine Platte mit einer Botschaft: Jamestown, das ist ein berüchtigter Ort in Accra. Von dort wurden die Sklaven aus Ghana in die ganze Welt gehandelt. Hammond möchte seine afroamerikanischen Brüder daran erinnern, dass sie die gleichen Wurzeln wie er haben - mit dem Ziel, gemeinsam die musikalischen Ressourcen besser auszuschöpfen. Auch die deutsche Musik, findet Hammond, sei mit der Wiedervereinigung besser geworden. Der Mauerfall, den er hautnah miterlebte, hat ihn tief beeindruckt.

"Vielleicht brauche ich den Blues"

Jonas Bibi Hammond greift nach seiner Gitarre. Er erinnert sich genau an den ersten Akkord, den er mit dem Instrument gespielt hat. "Die Resonanz des Holzes war wie eine Liebeserklärung an mich", sagt der Musiker. Und die Gitarre damit perfekt für die Liebeserklärung an seine Mutter. Doch das CD-Projekt fand kein Happy End. "Jamestown" erschien - doch Hammonds Mutter war drei Monate zuvor gestorben.

"Meine Mutter hat immer zu mir gehalten, sie hatte Mut, Gefühl und Intuition", sagt der Sohn. Er hat den Schmerz über ihren Tod und das Geburtstagsgeschenk, das nicht mehr ankam, in einer neuen CD verarbeitet, die in Kürze in den Vertrieb gehen soll. "The Rapture of Love" wird sie heißen, "Wounded" lautet der Titel des ersten Songs. "Vielleicht brauche ich den Blues", sagt Hammond. "Wenn ich keinen Schmerz hätte, würde mir vielleicht nichts mehr einfallen."

Die "Rambler" ist auch auf der neuen CD Hammonds Begleiter. Mit dieser Gitarre habe er sich selbst entdeckt, sagt er. Und das soll so bleiben. "The Rambler", das heißt: "Der Wanderer". Auch Jonas Bibi Hammond wandert weiter - die Gitarre auf dem Rücken.

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