Konflikte

Zofft euch!

Schweigen, schreien, Vorwürfe machen: So werden Konflikte kaum gelöst. Besser ist es, dem anderen seine Gefühle und wahren Bedürfnisse zu zeigen. Das lernt man im "Streitclub"

Es ging um die Gans. Genauer: um die Füllung derselben. Äpfel sollten hinein in das Tier, darüber waren sich Gabi Nöldner und Dieter Hombach einig. Seit 24 Jahren ist das Paar liiert und hat schon einiges gemeinsam gemeistert. Doch bei der Zubereitung des Festtagsbratens gerieten sich die beiden in die Haare. Munter schälte Dieter Hombach die Äpfel, als Gabi Nöldner ihn anfuhr: "Was machst du denn da?" Für die 58-Jährige war klar: Die Füllung kann nur gelingen, wenn die Äpfel ungeschält bleiben. Dieter Hombach (59) hielt inne und sah seine Frau empört an. Schließlich ist das Kochen seine Domäne. Gabi Nöldner schaute wütend zurück. Denn eine Gans zubereiten - das kann sie mindestens genauso gut wie ihr Mann, findet sie.

Es ist nicht allzu lange her, da wäre das Kochen bei dem Paar aus Hermsdorf unschön ausgegangen. Bis zum nächsten Morgen hätten sich die beiden beleidigt angeschwiegen, zumindest aber schlechte Laune verbreitet - womöglich sogar vor den Gästen, die zum Gänseessen geladen waren. Dass der Abend anders verlief, ist das Resultat harter Arbeit. Gabi Nöldner und Dieter Hombach haben gelernt, miteinander zu streiten. "Nachdem wir unsere Meinungen ausgetauscht und unsere Gefühle geklärt hatten, konnten wir über die Lappalie lachen", sagt Gabi Nöldner. Eine Lösung fanden die beiden auch: Der eine Teil der Äpfel kam geschält, der andere ungeschält in den Bräter.

Unterm Tannenbaum fliegen die Fetzen

Selten wird so viel gestritten wie in der Weihnachtszeit. Wenn die Familie auf engem Raum zusammenkommt und alles so friedlich und harmonisch sein soll wie im Bilderbuch, fliegen häufig die Fetzen. Das liegt zum einen an den hochgesteckten Erwartungen, zum anderen daran, dass sich übers Jahr häufig Ärger angestaut hat. Schon die kleinste Bemerkung kann dann das Fass zum Überlaufen bringen und Anlass sein für einen heftigen Gefühlsausbruch.

Doch warum lassen wir es so weit kommen? Warum vertrauen wir uns unseren Liebsten nicht rechtzeitig an, bevor uns die Emotionen überwältigen? "Die meisten von uns haben nicht gelernt, Konflikte auszutragen", sagt Diplom-Psychologin Lisa Zimmermann. "Bitten, fordern, wünschen, Nein sagen, Grenzen setzen, annehmen: Das sind zentrale Themen in Beziehungen. Doch weil unsere Erziehung in der Regel mehr auf Anpassung als auf die Stärkung der Eigenart ausgerichtet ist, werden diese Fähigkeiten nicht gelernt und noch weniger trainiert."

Lisa Zimmermann ist Initiatorin und Leiterin des Berliner "Streitclubs". Seit zehn Jahren trifft sich der Club in Charlottenburg. Der Name sagt, worum es bei diesen Treffen geht: nicht nur um das Teilen von Problemen, sondern vor allem darum, für diese Lösungen zu entwickeln. Ob es sich um Konflikte mit dem Partner, den Eltern, Kindern oder Freunden handelt: Sie zu klären, trainieren die rund 20 männlichen und weiblichen Teilnehmer Woche für Woche. Auch berufliche Konflikte sind häufig Thema.

Lisa Zimmermann sagt, sie selbst habe großes Glück gehabt: "Ich habe mich als Jugendliche mit meinem Vater viel gestritten, vor allem über Politik" erzählt sie. "Er hat sich auf mich eingelassen und so konnte ich die Erfahrung machen, dass ich sagen darf, was ich denke, und dass eine Auseinandersetzung ein gutes Ende finden kann." Mehr noch: Das Streiten habe die Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater gestärkt. "Daher bin ich der festen Überzeugung, dass Streiten nicht entzweit, sondern verbindet." Von dieser Erfahrung sollen auch die Teilnehmer des Streitclubs profitieren. Zum Beispiel Marlene*.

Marlene hat es satt. Immer häufiger studiert die junge Frau Immobilienangebote, denn so kann es nicht weitergehen. Jedes Wochenende wird die Wohnung, die sie sich mit ihrem Freund Richard* teilt, von dessen Familie und Freunden belagert. Vater, Bruder, Schwester, Nichten, Kumpels: Sie kommen einfach vorbei, vereinnahmen die Sofas und campieren, wenn alle Plätze im Haus belegt sind, im Sommer gern auch in einem Zelt im Garten. "Ich will mit Richard leben und nicht in einer Kommune. Wenn das nicht geht, muss ich ausziehen", klagt Marlene.

Hilfesuchend schaut sie sich um. Die anderen Teilnehmer des Streitclubs haben ihrem Bericht aufmerksam gelauscht, teilweise über ihre drastischen Schilderungen ungläubig gelacht. Ihre Gesichter zeigen Mitgefühl: Es ist nicht das erste Mal, dass Marlene von den Schwierigkeiten in ihrer Partnerschaft berichtet. Lisa Zimmermann stellt Stühle im Raum auf und bittet Marlene, aus der Gruppe Stellvertreter für Richard und seine Familie auszusuchen. Dann wird erprobt, wie ein Gespräch aussehen könnte.

Marlene ist ratlos. Außer Vorwürfen und dem Wunsch, dass Richard endlich mal etwas unternehmen solle, fällt ihr nichts ein. "Was genau brauchst du?", hakt Lisa Zimmermann nach. "Ich brauche Handlung, Richard soll sich positionieren", fordert Marlene wütend. Einige Teilnehmer lächeln, weil sie sich selbst in Marlene wiedererkennen. Lisa Zimmermann spricht aus, was sie denken: "Marlene, du delegierst. Was fühlst du denn, was ist dein Bedürfnis?" Schritt für Schritt nähert sich Marlene ihrem Wunsch an. Traurig sei sie, gesteht sie. Und dass sie einen Tag am Wochenende für sich allein und die Zweisamkeit mit Richard brauche. Doch schafft Marlene es im Rollenspiel nicht, Richard ihren Wunsch freundlich und doch bestimmt zu vermitteln. Zunächst fordernd und streng, wird sie später zaudernd und unkonkret, um schließlich in einen genervten, ungeduldigen, wütenden Ton zu fallen.

Wut konstruktiv nutzen

Wut sei ein typisches Gefühl, das bei einem ungelösten Konflikt entsteht, sagt Lisa Zimmermann. "Diese entsteht in der Regel aus Frustration, manchmal auch aus Angst", erläutert sie. "Dahinter wiederum steckt ein Bedürfnis, zum Beispiel nach mehr Nähe oder mehr Abstand oder auch nach Anerkennung." Daher lohne es sich, das Tieferliegende hinter einem Streit zu ergründen - und die Wut in eine konstruktive Richtung zu lenken. "Wut ist reine Energie", so Zimmermann. Wenn diese Energie dem Bedürfnis zufließe, dann wirke sie nährend und verbindend. "Der Konflikt, den du mit Richard hat, liegt bei dir", sagt die Diplom-Psychologin zu Marlene. "Du hast offenbar noch ein Problem damit, dir deinen Wunsch nach einem freien Tag am Wochenende ohne seine Familie wirklich zu erlauben."

Die junge Frau schaut nachdenklich und zugleich dankbar. "Durch die Inszenierung meiner Situation und das Feedback habe ich jetzt eine neue Ausgangsposition", sagt sie. "Das war wie eine Entschlüsselung." Teilnehmerin Susanne* nickt ihr freundlich zu. "Ich konnte mich mit Marlene sehr gut identifizieren, denn ich hätte ähnlich agiert. Und gleichzeitig habe ich beim Zuschauen erkannt, woran es bei ihr und in ihrer Beziehung hakt."

Auch Charlotte* (67), Clubmitglied von Anfang an, schätzt vor allem die Aufstellungen und Rollenspiele im Streitclub. "Dabei lernt man nicht nur Techniken der Konfliktlösung, sondern realisiert vor allem die eigene Haltung." Wie bei einem Film ziehe die Situation in Zeitlupe an einem vorbei, so dass man in Ruhe aufdröseln könne, was passiere und was man selbst zu der Situation beigetragen habe. "Ich neige dazu, mich unauthentisch zu machen, um Harmonie zu garantieren", hat Charlotte über sich herausgefunden. "Dieses Verhalten stammt wohl noch aus meiner Kindheit. Konflikte wurden in meiner Familie nicht gelebt, sondern die Kommunikation wurde kurzerhand abgeschnitten, das war wie eine Strafe."

Neulich konnte die Großmutter ihre Erkenntnisse anwenden, um einen Konflikt mit ihrer Tochter lösen. Anstatt ihre Meinung über eine medizinische Behandlung ihres Enkels wie üblich herunterzuschlucken, suchte sie die Konfrontation. "Natürlich muss ich die Entscheidung meiner erwachsenen Tochter respektieren", so Charlotte. "Aber ich wollte gehört werden und zeigen, wie wichtig mir das Thema ist." Die Auseinandersetzung habe sie und ihre Tochter neu verbunden, erzählt Charlotte begeistert. "Ich mache mich nicht mehr klein vor ihr, und sie sucht jetzt das Gespräch mit mir über medizinische Fragen."

Auch Gabi Nöldner aus Hermsdorf hat erfahren, dass durch das Sprechen über Konflikte eine große Nähe entstehen kann. Regelmäßig übt sie sich mit ihrem Mann Dieter Hombach im Zwiegespräch, einer in Paartherapien oft empfohlenen Methode. Dabei darf - und muss - der eine Partner 45 Minuten lang reden, während ihm der andere ohne Unterbrechung zuhört. Dann werden die Rollen getauscht. "Bei diesen Gesprächen kommen wir über Alltagsfragen auf tiefere Gefühle und Themen wie Ängste oder Sorgen", sagt Gabi Nöldner. "Allein darüber zu sprechen, nimmt den Dingen oft die Schärfe." Das Zuhören wiederum helfe, den Partner besser zu verstehen. Dieter Hombach schätzt vor allem die reglementierte Form des Zwiegesprächs, weil dadurch rechthaberische, überhebliche und verallgemeinernde Bemerkungen wegfallen. "Das übliche Hickhack eben", sagt er. Darüber ginge ja nicht selten der Inhalt verloren. "Mittlerweile habe ich gelernt, Auseinandersetzungen gut zu finden", sagt Gabi Nöldner. Dieter Hombach mag Streiten zwar immer noch nicht - er sei "harmoniesüchtig". Aber die konstruktive Aussprache empfindet er genauso wie seine Frau erleichternd.

Jede Beziehung lässt sich verändern

Die Aufgabenverteilung im Haushalt, die Freizeitgestaltung, die Finanzen, die Kindererziehung: All dies sind Umfragen zufolge typische Punkte, die in Partnerschaften für Konflikte sorgen. Eine Vielzahl weiterer Streitthemen bergen die Kontakte zu Freunden, Kollegen, den eigenen Eltern oder Kindern. Lisa Zimmermann ist überzeugt, dass auch eine einzige Person Kraft genug hat, Beziehungen zu verändern - und dass Eltern ihren Kindern das Streiten frühzeitig beibringen sollten. "Sich lauthals vor dem Nachwuchs zu fetzen, ist natürlich nicht der richtige Weg", sagt sie. "Das macht Angst. Die Kinder sollten aber erleben, dass ihre Eltern Emotionen haben und sich diese positiv auflösen lassen." Zudem sei es wichtig zu vermitteln, dass "negative" Gefühle wie Wut oder Trauer in Ordnung sind und es kein Drama ist, im Aufruhr auch mal sein Gesicht zu verlieren. "Cool sein - das ist Fassade", sagt Zimmermann. "Dafür zahlen die Menschen einen hohen Preis."

Die fröhliche Stimmung beim Gänseessen in Hermsdorf hielt übrigens sogar an, als sich herausstellte, dass die Gans nicht gut gelungen war. "Das lag aber nicht an der Füllung", sagt Gabi Nöldner. Ihr Mann lächelt sie liebevoll an: "Richtig, das lag am neuen Ofen."

Mit * gezeichnete Namen geändert