Sprechstunde

Kann der leibliche Vater auf den Umgang bestehen?

Wir stellen eine Frage wegen unserer achtjährigen Enkelin. Deren Vater war mit unserer Tochter verheiratet. Die Ehe ist geschieden, weil der Mann Alkoholprobleme hatte. Inzwischen ist unsere Tochter wieder glücklich verheiratet und hat noch zwei Kinder. Ihr jetziger Mann hat die älteste Tochter adoptiert. Damals hat der Vater zugestimmt. Jetzt verlangt er plötzlich, seine Tochter regelmäßig zu sehen. Er behauptet, dass aus einem Urteil des Menschengerichtshofes sich für ihn ein Recht ergeben würde. Wir sorgen uns, dass das die neue Familie gefährden würde. Anna und Klaus F., Hakenfelde

Sie müssen um Ihre Enkelin nicht besorgt sein. Ihre Tochter und deren jetziger Mann entscheiden alleine, mit wem das Kind Umgang hat. Wenn sie es nicht für gut halten, dass das Kind seinen früheren Vater sieht, dann hat dieser keine Möglichkeit, ein Umgangsrecht durchzusetzen.

Normalerweise kann jeder Vater verlangen, zu seinen Kindern regelmäßigen Besuchskontakt zu haben. Auch wenn die Eltern völlig zerstritten sind, soll das Band zwischen dem Vater und seinen Kindern nicht ganz zerschnitten werden. Das Recht gibt es in Ihrem Falle aber nicht, weil der frühere Ehemann Ihrer Tochter im rechtlichen Sinn gar nicht mehr der Vater ist. Vater Ihrer Enkelin ist jetzt der neue Ehemann Ihrer Tochter, der das Kind adoptiert hat. Dieser Adoption hatte der frühere Vater zugestimmt. Mit der Annahme als Kind, wie die Adoption eigentlich heißt, werden die Bindungen an den früheren Elternteil gekappt und stattdessen eine neue Verwandtschaftsbeziehung zu dem Adoptionsvater geschaffen. Der jetzige Ehemann Ihrer Tochter ist der rechtmäßige Vater aller drei Kinder mit allen Rechten und Pflichten, die sich daraus ergeben. Der frühere Vater hat deshalb auch kein Recht mehr, Umgang mit dem Kind zu verlangen.

Es gibt aber tatsächlich eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, auf die sich der Mann vermutlich bezieht. Wegen dieser Entscheidung soll in Deutschland das Gesetz geändert und den leiblichen Vätern erweiterte Rechte eingeräumt werden. Es ist nämlich gar nicht so selten, dass der biologische Vater eines Kindes ein anderer Mann ist als der rechtliche Vater. Dazu kommt es immer dann, wenn die Mutter noch mit einem anderen Mann als mit dem wirklichen Vater ihres Kindes verheiratet ist. Im Rechtssinn gilt dann der Ehemann als Vater. Der wirkliche Vater hat gegenüber dem Kind weder Rechte noch Pflichten, solange der Ehemann als rechtlicher Vater gilt. In den meisten Fällen wird durch eine notarielle Erklärung oder einen gerichtlichen Beschluss der wirkliche Vater auch zum Vater im Rechtssinne gemacht. Manchmal geschieht das aber auch nicht. Mit diesem Ausnahmefall hatte sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zu befassen. Manchmal verzichten Eheleute ganz bewusst darauf, den wirklichen Vater feststellen zu lassen, damit das Kind in einer intakten Familie aufwachsen kann. Der Mann, der das Kind gezeugt hat, hat darauf keinen Einfluss. Wenn der Ehemann der Mutter seine Vaterschaft nicht anficht, dann kann der andere Mann nicht feststellen lassen, dass er in Wirklichkeit der Vater sei. Für solche Fälle ist die Gesetzesänderung in Arbeit. Damit soll dem leiblichen Vater eines Kindes, auch wenn er im Rechtssinne keine Verwandtschaftsbeziehung hat, eine Umgangsmöglichkeit mit seinem Kind eingeräumt werden.

Dieses neue Gesetz wird voraussichtlich nicht auf die Familie Ihrer Tochter anzuwenden sein. Der erste Mann ist ja nicht gegen seinen Willen aus der verwandtschaftlichen Beziehung zu seiner Tochter ausgeschlossen worden. Er hat freiwillig einer Adoption zugestimmt. Diese Zustimmung ist notariell beurkundet worden, und der Notar hat den Mann über die Folgen der Zustimmung sicherlich belehrt. Diesen Vorgang kann er nun nicht mehr rückgängig machen, auch nicht mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die jetzigen Eltern können natürlich den leiblichen Vater auch weiterhin in das Leben der Tochter einbeziehen. Sie müssen das aber nicht tun, sondern können selbst entscheiden, was für ihre Tochter am besten ist.

Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Experte für Familienrecht

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