Mamas & Papas

Süße Waffeln für kleine Fußballgötter

Bin ich eine Eiskunstlaufmutter? Eine von den krankhaft Überehrgeizigen, die aus ihrem Kind um jeden Preis einen Star machen wollen? Diesen Eindruck habe ich wohl am Wochenende hinterlassen. Die Gastgeber hatten uns eingeladen und noch ein befreundetes Paar, einen Arzt und seine Frau, eine Lehrerin. Anfangs saß man mit einem Prickelgetränk zusammen und übte sich in Smalltalk.

"Sie waren also heute in Helmstedt?", erkundigte sich der Arzt höflich - er war offenbar von den Gastgebern gebrieft worden. "Ja", antwortete ich, "ein ganztägiges Hallen-Fußballturnier unseres Sohnes. Um sechs mussten wir aufstehen, der kleine Kerl schlief noch halb, als er in seinen Trainingsanzug stieg. Aber um kurz nach neun traf sich seine Mannschaft und bis Helmstadt fährt man ja zwei Stunden. Und dann das Wetter..."

"Die Mannschaft reist nicht gemeinsam?", fragte er erstaunt. "Nein, nein. Das muss jeder für sich organisieren. So ist das bei Auswärtsturnieren."

"Wie alt ist denn Ihr Sohn?", hakte er nach. "Sieben", sagte ich.

Es entstand eine peinliche Stille. Siebenjährige an einem schulfreien Sonnabend vor Morgengrauen zu wecken, damit sie 200 Kilometer entfernt um irgendeinen Pokal spielen - das klingt verdammt nach Eiskunstlaufmutter. Ich versuchte, dem Gespräch eine andere Temperatur zu geben. "Ach, das Turnier lief nicht so toll. Sie haben gleich das erste Spiel verloren - weil die Jungs zu müde waren. Ein Haufen geschaffter Siebenjähriger nach einer langen Schulwoche. Das haben die Trainer unterschätzt." "Aha", meinte der Arzt neutral.

"Aber keiner hat geweint. Die Mannschaft hielt sich gut, trotz des sechsten Platzes am Ende. Naja, bei vierzehn Mannschaften ist das Ergebnis keine Katastrophe."

Das stimmte. Die Stimmung stieg mit den Spielen, die Truppe unseres Sohnes spielte immer besser. Das lag nicht nur an den Waffeln. Bei Hallenturnieren gibt es immer Waffeln. Und viel Kaffee für die Eltern. Verpflegung ist wichtig. Solche Tage in der Halle sind lang und Tränen nicht selten. Auch in Helmstedt wurde viel geheult. Manche Mini-Fußballhoffnung verschoss den entscheidenden Ball und kam damit nur schwer klar.

"Wir sind auch nicht ganz sicher, was wir da treiben...", begann mein Mann zögerlich. "... aber unser Sohn liebt Fußball über alles. Deshalb ziehen wir mit", ergänzte ich. "Verstehe", sagte der Arzt, aber man sah ihm an, dass sein Verständnis begrenzt war. Das wiederum verstehe ich. Früher hätte ich auch skeptisch geschaut - bevor der Fußball mit Wucht in unser Leben trat. Dabei sind wir nicht so schlimm. Hätte ich ihm von den Eltern erzählen sollen, die schreiend am Rand stehen? Oder von denen, die ihre Söhne mit sieben ins Fußballinternat stecken - in der Hoffnung, er werde in zehn Jahren zum Profi heranwachsen? Heute beginnt die Karriere im Grundschulalter. Irrsinn.

Unser Ehrgeiz ist begrenzt. Aber wir sehen die Leidenschaft unseres Sohnes und respektieren sie. Niemand im Haus war vorher fußballverrückt. Ob der Fußballwahn unseres Sohnes die Pubertät überdauern wird? Keine Ahnung. Das nächste Auswärtsturnier seiner Mannschaft in Köln haben wir abgesagt - zu weit. Aber in Magdeburg sind wir wieder dabei. Ein bisschen freue ich mich schon drauf. Denn wenn die Jungs gut Fußball spielen, macht es Spaß, ihnen zuzusehen.

Na gut, ein ganz klein bisschen Eiskunstlaufmutter steckt auch in mir.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher