Dinge des Lebens

Ein Tuch fürs Leben

Ursula Stechow, 83 Jahre, Rentnerin aus Rudow

Die Tafel wirkt festlich. Das gute Porzellan mit dem Blumendekor ist aufgedeckt, in der Mitte des Tisches ein selbstgebackener Bienenstich und ein frischer Krümelkuchen. "Doch das eigentlich Besondere ist die Tischdecke", sagt Ursula Stechow und fährt mit der Hand über das weiße Leinen. Das Licht, das auf die Decke fällt, macht das eingewebte Muster sichtbar. Sterne, Kästchen und Blumen. "Es ist kaum vorstellbar, was dieses Tuch schon mitgemacht hat", sagt Ursula Stechow.

Nur zu gut erinnert sich die zierliche alte Dame an den Tag, an dem sie das Leinen zum ersten Mal sah. Es war auf einem Dachboden, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ursula Stechow war ein zehnjähriges Mädchen und lebte mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Guben im heutigen Polen. In der Schule stand Handarbeit auf dem Stundenplan, aber in den Geschäften gab es praktisch nichts mehr zu kaufen. "Wir hatten junge, engagierte Lehrerinnen. Und die meinten, wir sollten alle ein bisschen Material von Zuhause mitbringen", sagt Ursula Stechow. Eine Nadel, etwas Garn, ein Stück Stoff, aus dem man Fäden ziehen konnte. Mit ihrer Mutter ging sie auf den Dachboden - und traute dort ihren Augen kaum. "In riesigen Truhen lagerten hier Berge von Leinen", erinnert sich Ursula Stechow, "das Leinen war noch ganz braun, weil es noch nicht gekocht war. Drumherum standen Web-stühle und auf den Spinnrädern steckten noch die Spulen. Es sah aus, als sei der Boden eine Spinnstube und gerade erst verlassen worden."

Dabei war die Webstube schon lange verwaist. Das Leinen war ein Relikt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die Großeltern von Ursula Stechow hatten damals große Leinenfelder - das Öl war ein wichtiges Nahrungsmittel. Der Rest der Pflanzen wurde verwebt. "Meine Tante Martha hat noch selbst mit am Webstuhl gesessen", sagt Ursula Stechow. Nach dem Krieg kümmerte sich dann niemand mehr so recht um die fertigen Leinentücher auf dem Dachboden. Der grobe Stoff war auch gar nicht mehr modern, Damast wurde gewünscht. Also ruhten die riesigen Tücher auf dem Dachboden.

Auch als Ursula Stechow am 21. Februar 1945 mit ihrer Familie in großer Hast das Haus verlassen musste und auf die Flucht ging, dachte niemand an die Tücher. "Natürlich nicht", sagt Ursula Stechow, "es ging ja um unser Leben." Als die Familie am 1. Mai zurückkehrte, kam sie in ein Geisterdorf. Alle Fenster und Türen ihres Hauses standen offen, es gab kein Lebewesen mehr weit und breit. Im Hof hatten die russischen Soldaten offensichtlich ein Fest gefeiert, in alten Holzfässern Schnaps gebraut. "Und den Boden hatten sie mit den Leinentüchern vom Dachboden ausgelegt", sagt Ursula Stechow, "darauf haben sie sich vergnügt." Ursula Stechows Mutter sammelte die Stofftücher ein und wusch sie nach und nach im Brunnen. Danach kamen sie zum Trocknen auf den Koppelzaun. Auch das Tuch, das heute auf dem Tisch von Ursula Stechow liegt, war dabei. Es lag ganz zu oberst, als die Familie am 20. Juni erneut fluchtartig das Haus verlassen musste. In weniger als einer Stunde warf die Familie alles zusammen, was ihr wichtig erschien. Ein Tuch zum Abtrocknen könne man vielleicht auch brauchen, dachte Ursula Stechows Mutter damals und packte deshalb auch das Leinentuch aus dem Wäschekorb ein. "Wir mussten die Neiße durchqueren", sagt Ursula Stechow, "da haben wir das Tuch auch noch hindurchgeschleppt." Die Flucht ging weiter über Kaltenborn, Sembten und Göhlen bis nach Bahro. "Hier wurden viele von uns krank", sagt Ursula Stechow. "Viele bekamen Typhus, dazu die Mangelernährung, der schlechte Zustand." Auch Ursula Stechow lag auf dem Feldbett, aus ihren Armen lief Flüssigkeit. Eine Folge der Hungerödeme. "Dauernd setzten sich die Fliegen auf mich", erinnert sich Ursula Stechow, "ich war sehr schwach. Dann deckte meine Mutter mich mit dem Leinentuch zu. Darunter schlief ich gut und wurde wieder gesund."

Constanze Hahn hat die Geschichte ihrer Oma schon oft gehört. Dennoch läuft es der 20-Jährigen an vielen Stellen immer noch kalt den Rücken herunter. "Es ist unglaublich, was diese Generation durchgemacht hat", sagt die Psychologie-Studentin. Für sie ist es etwas Besonderes, dass ihre Oma ein Stück ihrer Geschichte, ihrer Wurzeln, auf der Flucht mit durch die Neiße genommen hat. Von klein auf hat Constanze erlebt, dass zu besonderen Anlässen das alte Leinentuch auf den Tisch kam. "Es ist ja auch sehr schön", sagt die Studentin. Mittlerweile wurde es etliche Male ausgekocht und ist wunderbar weiß. "Ich möchte diese Tradition meiner Oma später einmal fortführen und das Tuch an Festtagen hervorholen", sagt Constanze Hahn. Doch bis es soweit ist, bleibt das Tuch bei Ursula Stechow. "Es erinnert mich an meine Eltern und Großeltern, an Äcker und fleißige Hände. Es erinnert mich an mein Dorf, an das ich so oft denke, je älter ich werde. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Erinnerungen haben darf."

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