Interview

Navi statt Stadtplan

Technischer Fortschritt ist für die Kinder heute ganz normal. Und: Dümmer macht er die Menschen auch nicht. Im Gegenteil, so Wissenschaftlerin Nicole Krämer

Ganz selbstverständlich hantieren schon kleine Kinder mit Digitalkamera, Computer und MP3-Spieler. Ältere Menschen hingegen haben oft Berührungsängste. Wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene mit dem technologischen Fortschritt umgehen - darüber sprach Anette Nayhauß mit Nicole Krämer, Professorin für Sozialpsychologie, Medien und Kommunikation an der Universität Essen.

Berliner Morgenpost:

Warum können Kinder problemlos ein Smartphone bedienen, scheitern aber an der Wählscheibe eines Telefons?

Prof. Nicole Krämer:

Das ist ganz einfach eine Frage der Umgebung. Kinder lernen das eine wie das andere ganz schnell - übrigens beides nicht intuitiv. Auch wie man ein angeblich intuitiv zu bedienendes Smartphone nutzt, muss man Kindern zeigen.

Ist es eine Altersfrage, wie schnell man sich auf Neues einlässt?

Es gibt Untersuchungen aus den 90er-Jahren, nach denen Menschen ab 55 Jahren Schwierigkeiten haben, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. Ergebnis dieser Studien war, dass der Bereich der Intelligenz, der durch Lernen aufgebaut wird, sich ab diesem Alter nicht mehr entwickelt. Das würde ich aber heute anders sehen, weil wir beobachten, dass sich Menschen weit über dieses Alter hinaus mit neuen Technologien beschäftigen. Das ist natürlich abhängig von der Motivation: Es gibt Menschen, die sich sagen, sie müssten sich nicht mehr auf alles Neue einlassen. Und es gibt die, die großes Interesse daran haben. Die Computerkurse der Volkshochschulen sind voll. Und die Enkel wissen, dass sie ab und zu bei den Großeltern vorbeigehen müssen, um den PC auf den neuesten Stand zu bringen.

Muss man sich vor dem technischen Fortschritt fürchten? Stresst zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit tatsächlich so wie oft behauptet?

Bedeutet es Stress, wenn ich auf Facebook gehe und sehe, dass es 40 neue Angaben gibt, wer was geliked hat? Es ist sicher Stress im Sinne von: Es gibt sehr viele neue Informationen. Sowohl im Privat- als auch im Geschäftsleben sind niemals so viele Briefe geschrieben worden wie heute E-Mails verschickt werden. Das führt zu einer erhöhten kognitiven Belastung, weil ich all diese Informationen wahrnehmen muss. Erste Beobachtungen legen nahe, dass Kinder, die damit aufwachsen, auch besser lernen, damit umzugehen. Zur Frage, ob die Zunahme an Informationen schädlich ist oder ob sie vielleicht ganz im Gegenteil die Intelligenz fördert, gibt es unterschiedliche Studien, die das eine oder das andere belegen.

Viele Erwachsene klagen, dass E-Mails und sonstige Nachrichten sie dauernd aus dem Arbeitsablauf reißen und die Konzentration stören. Wie kann man sich davor schützen?

Die Lösung kann nicht sein, sich dem Internet, E-Mail oder sozialen Netzwerken völlig zu entziehen. Dann kann man heute seinen Job nicht mehr richtig machen, und auch die privaten Kontakte lassen sich kaum noch organisieren. "Vier Wochen ohne Internet", so etwas eignet sich nur als Experiment, über das man dann hinterher einen schönen Artikel schreibt. Man muss für sich selbst einen Weg finden damit umzugehen, in Analogie zu "vernünftigem Trinken": Da muss man ja auch nicht unbedingt völlig abstinent leben, aber man darf sich auch nicht ständig volllaufen lassen. Es ist sicher hilfreich, sich zeitweise abzuschotten. Wobei das gerade bei E-Mails nicht unbedingt funktioniert, wie jeder feststellt, der mal zwei Tage seine Mails nicht gelesen hat: Die gehen ja nicht weg. Und anders als in sozialen Netzwerken verlangt fast jede Mail eine Antwort.

Für Jugendliche gehört es dazu, ständig nachzusehen, ob es auf Facebook etwas Neues gibt. Hat das auch Auswirkungen darauf, wie ihre Gehirne arbeiten? Sind sie anders "verdrahtet"?

Ob sich die anatomischen Gegebenheiten und Schaltungen im Gehirn verändern, lässt sich schwer feststellen. Auch Untersuchungen zu funktionalen Veränderungen im Gehirn lassen sich zu dieser Frage nur schwer durchführen, da man Jugendliche mit ansonsten gleichen Ausgangsbedingungen untersuchen müsste, von denen ein Teil mit und der andere ohne medialen Einfluss aufwächst. Die These, dass Kinder durch die Nutzung des Internets immer dümmer werden, lässt sich jedenfalls nicht belegen. Im Gegenteil: Die Welt wird immer intelligenter, der Intelligenzquotient steigt.

Viele Erwachsene finden es unhöflich, wenn ihr Gesprächspartner dauernd aufs Handy schaut. Für Kinder und Jugendliche ist das ganz normal. Wie verändert sich dadurch das soziale Miteinander in dieser Generation?

Ich bin ein Verfechter der These, dass es keine große Umwälzung gibt. Diese Befürchtungen, dass durch den technischen Fortschritt das Abendland untergeht, hat es immer gegeben, bei jedem neuen Medium. Kürzlich habe ich einen Zeitungsartikel von 1911 gelesen, der warnte, das Kino werde die Moral der Jugendlichen zerstören. Ähnliche Warnungen gab es schon beim Buchdruck, später dann beim Computer. Aber das Abendland ist nicht untergegangen. Und auch die sozialen Netzwerke werden nicht dazu führen, dass es kein soziales Miteinander mehr gibt. Facebook verstärkt die Netze sogar, weil es leichter ist, Kontakt zu halten, und die Menschen treffen sich trotzdem nach wie vor persönlich.

Eigentlich wird das Leben durch den technischen Fortschritt einfacher. Trotzdem hängen viele Leute an Dingen aus der Vergangenheit und stellen sich ein Wählscheiben-Telefon oder ein Grammofon ins Wohnzimmer. Warum?

Manche Menschen haben einfach Gefallen an alten Dingen. Das erklärt auch den Erfolg von Geschäften oder Versandhäusern, die damit werben, dass sie "schöne, alte Dinge" verkaufen. Natürlich haben die Menschen unterschiedliche Motivationen, sich ein Wählscheibentelefon hinzustellen. Es gibt die alte Dame, die sich kein neues Telefon kauft, weil das alte doch noch funktioniert, genauso wie den Hipster, der damit "Impression Management" betreibt, bei anderen also einen bestimmten Eindruck erwecken will.

Die alte Dame, die ihr Telefon nur deshalb nicht wegwirft, weil es noch funktioniert, ist heute aber die Ausnahme.

Das liegt auch daran, dass die Technologie heute irgendwann tatsächlich nicht mehr funktioniert. Ein Handy geht nach fünf Jahren nicht mehr, neue Software funktioniert auf einem zehn Jahre alten Computer nicht. Aber natürlich kaufen Menschen sich vor allem ein neues Handy, um nach außen etwas darzustellen. Würde die alte Dame Wert darauf legen, als technisch up-to-date wahrgenommen zu werden, hätte sie kein Wählscheibentelefon.

Hängen Kinder noch an alten Sachen?

Natürlich! Der Nostalgie-Gedanke ist überhaupt nicht aus der Welt, ganz im Gegenteil. Kinder heben den alten Teddy auf oder das tolle selbst gebaute Raumschiff. Ein Computerspiel aufzuheben, ist ein bisschen schwieriger, aber denken sie nur an die Mitt-Vierziger, die von ihrem alten Commodore C 64 schwärmen! Nein, an eine komplette Umwälzung auf emotionaler Ebene glaube ich überhaupt nicht. Wir werden doch nicht zu anderen Menschen, nur weil es Smartphones gibt.