Mamas & Papas

Verstimmung vor dem Festkonzert

Wir sind eine musikalische Familie. Schon als Kind habe ich mit dem Mikrofon die Hitparade aus dem Radio aufgenommen, "Dual" und "Nordmende" sind Musik in meinen Ohren, so wie "Hilversum" und "Beromünster". Die Chefin singt auch sehr schön, nach ein paar Gläsern Schaumwein. Nur zu einem Instrument haben wir es nie gebracht. Das müssen die Jungs nun nachholen, wie es sich für einen Aufsteigerhaushalt gehört. Vielleicht wird's dann ja doch noch was mit einer Grunewald-Braut.

Der Große hat ein paar Jahre Schlagzeug gespielt, zur Freude der Nachbarn. Laut falsch trommeln ist allemal erträglicher als leise falsch geigen, klimpern oder trompeten. An die Ohrstöpsel gewöhnt man sich rasch. Nun arbeiten wir am musikalischen Feinschliff des Jüngsten - an der Gitarre. Mit sieben Jahren treten andere Kinder in der Met auf; da wird es bei uns ja wohl für ein kleines Konzert unterm Weihnachtsbaum reichen. Wie die ganze Familie hat der Kleine eine unheimliche Musikalität im Blut. Er kann es nur nicht so zeigen. Gelegentlich lässt uns der Gitarrenlehrer ausrichten, Hans übe nicht genug. Paah: Üben ist für die, die es nötig haben. Neulich hat Hans wirklich geübt, das Weihnachtslied, das er uns zum Fest zu präsentieren gedenkt. Es klang sehr schön, wir waren allerdings nicht ganz sicher, ob es sich um "Schneeflöckchen", "Last Christmas" oder "Oh Tannenbaum" handelte. Es muss da wohl einen schwierigen Wechsel von Dur nach Moll geben oder umgekehrt. Ich bin kein Notenexperte, weshalb wir das Training an den Großen delegiert haben, der feststellte: "Die Gitarre ist verstimmt." Wie konnte ich überprüfen, ob er Recht hatte oder sich vor seinen großbrüderlichen Pflichten drücken wollte? Ich zupfte an einer Saite. Klang wie immer. Ich zupfte noch mal. "Eindeutig verstimmt", wiederholte Karl. Ich entschied mich für einen skeptischen Blick, der zwischen Söhnen und Instrument hin und her wanderte, fühlte mich solidarisch mit der Gitarre, war auch verstimmt und befahl: "Dann stimmt das Ding halt." Karl setzte sein Schlaumeier-Gesicht auf und entgegnete: "Dafür braucht man ein Stimmgerät. Haben wir aber nicht." Ach nee, und was haben die Menschen früher gemacht, als es schon Gitarren gab, aber keine Stimmgeräte? Kann ja wohl nicht so schwer sein, ein bisschen an den Knöpfen oben am Stiel herumzudrehen. Wollen doch mal sehen.

Ich konsultierte Youtube. Da lernt auch der letzte Trottel Atomphysik. Tatsächlich gibt es zahllose Videos zum Gitarrenstimmen. Leider verstand ich kein einziges. Auf einer Website werden immerhin die richtigen Töne vorgespielt. Zuerst das "A". Ich zupfe und drehe und lausche. Schon sehr ähnlich, vielleicht noch ein wenig C-lastig.

Kaum eine Viertelstunde später hatte ich die Gitarre gestimmt. Bruce Springsteen wäre stolz auf mich. Hans hat derweil im Fernsehen gesehen, wie Kater Tom der Maus Jerry mit einer Gitarre versucht, einen Scheitel zu ziehen. Stolz halte ich Karl das perfekt klingende Instrument hin. Der Bengel lacht frech: "Da stimmt ja gar nichts mehr." Aber ich habe alles genau so gemacht, wie's im Internet stand. Hat mein Sohn einen Knick im Gehörgang? Üben fällt jedenfalls aus, bis zur nächsten Stunde. Wer ist schuld? Ich natürlich, der Stimmer der Herzen. Egal. Kommt das Weihnachtskonzert eben von der CD. Es reicht völlig, wenn Hans mit acht Jahren seinen ersten großen Auftritt hat.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann