Dinge des Lebens

Seine Welt ist eine Scheibe

Bernard Wedig, 46 Jahre, Regisseur aus Prenzlauer Berg

Aus den Boxen ertönt ein Klick, dann ein leises Knistern. Fleißig arbeitet sich die Plattennadel zu der Rille vor, die das Leben eines 18-Jährigen verändern sollte. Das hätte wohl niemand zuvor ahnen können - am wenigsten der Besitzer der Schallplatte selbst.

46 Jahre ist Bernard Wedig heute alt und sein Mund verzieht sich zu einem breiten Lächeln, als die ersten Takte von "Mick's Blessings" erklingen, dem ersten Track des Albums "Café Bleu". 1984 erschien die LP, sie war der Erstling von Paul Wellers damals neu gegründeter Band "The Style Council". "Ahhh, Paul Weller", sagt Bernard Wedig. Er spricht den Namen des britischen Musikers so genüsslich aus, als würde er Vanilleeis auf seiner Zunge zergehen lassen. "Manche Musiker werden ja peinlich im Alter", sagt Bernard Wedig. "Aber der Herr Weller, der ist heute noch relevant. Der bringt immer noch was Neues. Und die frühen Sachen, die sind gut gealtert." Die höre man auch heute, fast 30 Jahre später, gern wieder an.

Jeder Song ein kleiner Schock

"Café Bleu" ist so ein Album. Es beginnt mit einem Klaviersolo, führt dann weitere akustische Instrumente und Stimmen ein und wächst so zu einer vielschichtigen, variantenreichen Pop-Platte mit viel Jazz, Soul und Funk heran. Es ist keine Musik zum Tanzen, sondern zum Zuhören. Nie laut, aber auch nie belanglos. "Caféhausmusik", stellt Bernard Wedig fest und rührt etwas Honig in seinen Latte Macchiato. Entspannt lehnt er sich in seinem Küchenstuhl zurück, genießt für einen Moment Kaffee und Klangteppich. Um sich dann wieder aufzurichten, die blauen Augen weit aufgerissen. "Für mich als 18-Jährigen war diese Platte allerdings ein Schock", sagt er mit Nachdruck.

Schon als Kind hatte sich Bernard Wedig für Musik begeistert. In der Grundschule in Tempelhof bastelte er aus Pappe Instrumente, trat damit vor der Klasse auf. Später entdeckte er die britische Popmusik, dabei auch unweigerlich Paul Weller, den "Godfather of Britpop". Den Paten. Der Schüler liebte die rebellische Gitarrenmusik von Wellers erster Band "The Jam", er bewunderte und imitierte den Mod-Style, den Weller verkörperte: seine stilbewusste Kleidung, sein Selbstbewusstsein, seine Linie, die alle Lebensbereiche durchzog. Doch dann diese Platte. Ein Bruch. Statt Geltungsdrang zurückgenommene Töne, statt Härte Harmonie.

Doch weil Bernard Wedig wie seine Kumpels Weller-Fan war und sich die fünfzehn hart ersparten D-Mark für die Platte rentieren mussten, gab der Jugendliche der Musik eine Chance. Und fand Gefallen an ihr. Mehr noch: Sie wurde zu einer Offenbarung. "Da tat sich eine neue Welt auf", sagt Bernard Wedig. Jedes Mal, wenn er die Platte laufen ließ, entdeckte er eine neue Raffinesse, die ihn faszinierte und neugierig machte. Neugierig auf den Einfluss anderer Musikstile, anderer Künstler. Das ist es, was Bernard Wedig, der heute an die 600 LPs und 2000 CDs besitzt, noch immer am Vinyl schätzt. "Es gibt einem die Chance, ein Album als Ganzes zu entdecken, anstatt dass man sich nur die drei Hits aus dem Netz herunterlädt. Das entschleunigt, das beruhigt, das inspiriert. Das ist wie gutes Essen im Vergleich zu Fastfood."

Nach dem Abitur reiste der Jugendliche mit zwei ebenfalls musikverrückten Freunden nach London, streifte dort tagsüber durch Plattenläden und nachts durch Clubs. Weil das ganze Geld für Platten draufging, übernachteten die drei zuletzt im Auto anstatt im Bed & Breakfast. Und schafften es sogar, an ihrem letzten Abend in einem Club aufzulegen. "Wir hatten erzählt, dass wir DJs aus Berlin sind", sagt er und grinst. "Platten genug hatten wir ja dabei." Die Wichtigste liegt vor ihm: "Café Bleu" im englischen Original. Was diese LP von der deutschen Pressung unterscheidet, kann nur der Sammler ermessen: Den Plattenaufdruck ziert das Bild einer Cappuccino-Tasse, während auf der deutschen LP nur in schlichten Lettern auf rotem Grund Titel und Band stehen. Zudem gab es in England ein Heft mit Fotos und Songtexten als Zugabe. Fast andächtig zieht Bernard Wedig die Scheibe aus ihrer Hülle. Dabei flattert ein Konzertticket auf den Boden: Style Council am 11. Oktober 1985 im Tempodrom. Auf der Rückseite ein Autogramm Paul Wellers.

Ein Traum geht in Erfüllung

1985: Da machte Bernard Wedig eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Vernünftig, aber langweilig, fand er. "Abends bei Konzerten fragte ich mich: Warum mache ich nicht auch das, was mich packt?" Die Musik, sagt er, habe ihn beflügelt, seine Berufung zu finden. Bernard Wedig begann, in Berlin Medienkunst zu studieren, spezialisierte sich auf Videos. Ein Glücksgriff: Durch die Gründung des Musiksenders Viva gab es plötzlich einen Riesenbedarf an Künstlern, die ein Video brauchten. So konnte Bernard Wedig bald seine Leidenschaft mit seinem Beruf verbinden: als Regisseur von Musikclips. Seine Firma "Blow Film" führte er von einem besetzten Haus in der Oranienburger Straße aus. Sie bestand zehn Jahre, prominente nationale und internationale Künstler von Nena bis Lionel Richie zählten zu seinen Kunden.

Heute, sagt Bernard Wedig, könne man allein von Musikvideos nicht mehr leben. Daher arbeitet er mittlerweile vornehmlich für die Werbung. Coca Cola, Langnese, Danone, Hexal, Tchibo: Viele bekannte TV- und Kinospots stammen von dem Regisseur aus Prenzlauer Berg. Zum Drehen ist er weltweit unterwegs. Osteuropäische Firmen wünschen sich den modernen Look seiner Videos; sogar ein indischer Waschmittelkonzern zählt zu seinen Kunden.

Doch die Welt, die findet Bernard Wedig auch immer noch in Berlin. Auf dem Plattenteller. Oder bei Konzerten. Am 16. Dezember ist auch Paul Weller wieder in der Stadt, Bernard Wedig freut sich schon. "Im Huxley's werde ich viele alte Freunde treffen, wie bei einem Klassentreffen." Doch begleiten wird ihn diesmal sein Sohn. 15 Jahre ist er alt - und heißt wie der Held seiner Jugend: Paul.

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