Ernährung

Bewegt euch!

Fettsucht, Kopfweh, Rückenschmerzen: Immer mehr Kinder leiden. Gesundheitspapst Grönemeyer ruft zu mehr Sport und besserer Ernährung auf - mit einer Show in Berlin

Gesundheit und Spaß am Leben schließen sich nicht aus: Das ist die feste Überzeugung von Professor Dietrich Grönemeyer. Ganz im Gegenteil - wer gesund lebt, hat mehr Spaß am Leben, findet der "Arzt mit Leib und Seele" und erfolgreiche Sachbuchautor. Möglichst früh, sagt er, sollte man anfangen, sich mit seinem Körper und dessen Bedürfnissen zu beschäftigen, am besten schon als Kind. Und damit auch dies schon Spaß macht, hat Dietrich Grönemeyer kindgerechte Formen gefunden, Gesundheitswissen zu vermitteln. Denn auch er liebt, wie sein berühmter Bruder Herbert, Musik und Show. Sein "Medi-Circus", ein Unterhaltungs- und Lehrmusical mit viel Musik, Bewegung und Artistik, tourt derzeit durch hessische Schulen. In Berlin ist Dietrich Grönemeyer am Montag zu Gast - mit einer interaktiven Familienshow rund um das Thema gesundes Essen. Es basiert auf Grönemeyers neuem Buch "Wir Besser-Esser". Darin erfahren kleine und große Leute, woher gesunde Nahrungsmittel kommen, wie man sie lecker zubereitet, was mit ihnen im Körper passiert und warum sie uns so gut tun. Denn auch wenn Studien zeigen, dass der Nachwuchs gern aktiv ist und auch ziemlich genau weiß, was gesund ist und was nicht - die Statistik über die Gesundheit unserer Kinder ist alarmierend und die Folgen von Bewegungsarmut und schlechter Ernährung sind gravierend. Nicole Dolif sprach mit Professor Grönemeyer über gutes Essen, ganzheitlichen Schulunterricht, eine kluge Umstellung der Ernährung - und wie man die Kinder zu mehr Bewegung und regelmäßigen, gesunden Mahlzeiten motiviert. Und - ganz nebenbei - auch sich selbst.

Berliner Morgenpost:

Herr Professor Grönemeyer, was essen Sie am liebsten?

Dietrich Grönemeyer:

Ich esse gern Nudeln, in jeder Form, auch Gemüse, am liebsten mehrmals täglich. Das habe ich mir schon als Kind angewöhnt. Meine Eltern hatten einen Garten mit Obst und Gemüse.

Bei den meisten Kindern stehen auf der Liste der Lieblingsessen Pommes und Hamburger ganz oben. Wie macht man ihnen andere Gerichte schmackhaft?

Kinder kann man vor allem motivieren, wenn man das Essen schrittweise umbaut. Zum Beispiel beim Müsli: Nach und nach immer mehr Obst darunter mischen, Zucker allmählich reduzieren. Vielen Kindern macht es erst mal keinen Spaß, Obst zu essen. Man muss also den Spaß daran wecken, die Sache ein bisschen inszenieren. Schneiden Sie das Obst in Stücke, geben Sie den Früchten Phantasienamen. Eine Karotte ist viel interessanter, wenn man sie "Zauberstab orange" nennt. In meinem Buch "Wir Besser-Esser", an dem auch Kinder mitgewirkt haben, möchte ich das vermitteln: Mir geht es darum, Freude am gesunden Essen zu wecken. Die "Besser-Esser" sind fröhliche Kinder, die selbst entdecken, was zur gesunden Ernährung gehört. Bei fiktiven Exkursionen durch den menschlichen Körper, bei Ausflügen auf den Bauernhof und beim gemeinsamen Kochen erarbeiten sie selbst das Wissen um gesunde Ernährung. Aus der Forschung wissen wir, dass Kinder am besten lernen, wenn sie nicht nur lesen, sondern das Gelesene zugleich erleben und nachmachen können.

Aber gehören kleine Sünden wie hier mal eine Currywurst oder da mal eine Pizza vor dem Fernseher nicht auch zum Leben?

Durchaus, sonst macht die ganze Sache ja keinen Spaß. Essen hat etwas mit Genuss zu tun. Es geht auch nicht darum, bestimmte Lebensmittel zu verteufeln. Wichtig ist, dass die Kinder wissen, was sie da eigentlich essen. Sie müssen wissen, was gesund ist. Und auch, wie viel ihr Körper wovon braucht.

Sie sind ja eigentlich Radiologe und haben mit Ernährung und Kinderheilkunde wenig zu tun...

Ich habe selbst Kinder und Enkel, und das Thema liegt mir am Herzen. Außerdem kommen zu mir viele Menschen mit Rückenschmerzen. Viele von ihnen wären vielleicht keine Patienten, wenn sie sich besser ernähren würden und sich mehr bewegen würden. Je eher man damit anfängt, desto besser. Mit Prävention kann man wirklich viel erreichen. Ich habe das ja auch bei meinen eigenen Kindern gesehen. Die wollten natürlich auch immer gern Pizza. Wir haben dann einfach angefangen, die Pizza selbst zu machen. Den Teig schön dünn, dazu ein guter Belag, mit viel Gemüse. Und das gemeinsame Zubereiten hat auch noch Spaß gemacht.

Ist das auch das Ziel der Gesundheitsshow "Wir Besser-Esser"?

Ja, eigentlich ist es genau das. Wir planen eine Kindershow rund um gesunde Ernährung mit viel Spaß und Musik. Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass es sehr fröhlich und lehrreich zugleich zugehen wird. Schauspieler bringen den "kleinen Medicus" und "Spekki Bulletti" auf die Bühne. Immer wieder gibt es Mitmach-Möglichkeiten für die Kinder. Es wird gemeinsam gelacht, gesungen und getanzt. Auch Malte Arkona, den die meisten Kinder bereits als Moderator aus dem Fernsehen kennen, wird dabei sein.

Ich habe das Gefühl, dass es gar nicht nur die Kinder sind, die etwas über eine ausgewogene Ernährung lernen müssen. Das Schulessen zum Beispiel ist an vielen Orten eine Zumutung.

Natürlich ist da noch ganz viel zu tun. Vor allem aber muss es ein Miteinander von Eltern und Lehrern geben. Es nützt nichts, wenn die Schule mehr Bewegung fordert, das Kind aber zuhause stundenlang vor dem Computer sitzt und dabei Süßigkeiten oder Chips verschlingt. Die Grundlagen werden in der Kindheit gelegt. Das kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen. Um das zu erkennen, muss man kein Ökotrophologe sein. Ich bin auch kein Ernährungswissenschaftler, möchte aber zur Freude an einem gesundheitsbewussten Lebensstil ermuntern.

Liegt es nur am Essen, dass die Kinder immer dicker - und damit auch immer kränker - werden?

Die Ernährung spielt auf jeden Fall eine große Rolle. Ein weiterer Aspekt ist fehlende Bewegung. Rund 70 Prozent der 10- bis 17-jährigen Schüler haben heute bereits Rückenschmerzen. Jedes Kind im Alter von sechs bis 10 Jahren hatte schon mal Kopfschmerzen und jedes dritte Kind kommt ganz ohne Frühstück in die Schule. Folgen sind Unterzuckerung, mangelnde Aufmerksamkeit, Hyperaktivität oder sogar Aggressivität. Diese Entwicklung halte ich für alarmierend.

Fehlen vielen Kindern vor allem in der Stadt nicht einfach auch Räume, in denen sie richtig herumtoben können?

Das stimmt. Da sind wir Erwachsenen gefragt. Und wir müssen selbst mit unseren Kindern mehr in Bewegung kommen, auch im Freien. Wochentags ist das oft nicht möglich, aber dafür dann am Wochenende. Und gut tun würde das gleich allen, den Kindern und den Erwachsenen.

Sie fordern Gesundheitsunterricht an Schulen. Wie sollte der aussehen?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wichtig finde ich, dass das Thema Ernährung eine Rolle spielt. Das kann fächerübergreifend sein. Zum Beispiel im Biologie- oder Sportunterricht. Außerdem sollten sich Ärzte bereit erklären, in die Schulen zu gehen und mit den Kindern zu reden. Ich mache das regelmäßig. Es ist enorm, wie sehr sich die Kinder für ihren Körper und die Reise des Essens durch den Körper interessieren. Sie wollen wissen, was gesundes Essen ist, wie die Nahrungsmittel produziert, vertrieben und zubereitet werden, wozu der Körper diese oder jene Nährstoffe braucht.

Wir brauchen ein ganzheitliches Bildungsverständnis, das Körper und Seele als eine Einheit betrachtet, neue Konzepte. Dazu gehört auch viel mehr Bewegung. Eine Doppelstunde Sport in der Woche ist einfach viel zu wenig. Bewegung muss jeden Tag eine Rolle in der Schule spielen. Vielleicht muss man da die Sportvereine viel mehr mit ins Boot holen.

Bei einer neuen Studie, die unter anderem der Kinderschutzbund in Auftrag gegeben hat, ist herausgekommen, dass die Kinder zwischen sieben und neun Jahren sich gern bewegen und ziemlich genau wissen, was gesund ist und was nicht. Warum ist Übergewicht trotzdem so ein Problem?

Das Ergebnis dieser Studie hat mich auch überrascht. Und es freut mich. Denn es zeigt, dass Kinder sich für Ernährung und Gesundheit interessieren. Es ist nun unsere Aufgabe, also die der Eltern, Lehrer und Ärzte, ein gutes Vorbild zu sein und dieses Interesse wach zu halten. Denn es ist wichtig, dass Kinder die richtigen Antworten auf ihre Fragen bekommen. Es war auffällig, wie viele Kinder bei der Umfrage angegeben haben, dass sie ihr Wissen über Ernährung aus der Werbung haben. Deshalb brauchen sie kompetente Ansprechpartner, also geschulte Lehrer oder Erzieher und Eltern, die sich mit dem Thema sachlich und objektiv auseinandersetzen.

Bei meiner Oma hieß es noch: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Um eine Ernährungspyramide hat sie sich nicht geschert. Machen wir heute vielleicht auch zu viel Gewese?

Nein, Essen ist wichtig. Und es ist auch normal, dass Kinder mal etwas nicht mögen. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich bestimmte Speisen überhaupt nicht mochte. Rosenkohl zum Beispiel. Da wurde mir einfach schlecht. Kinder haben prinzipiell noch einen anderen Geschmackssinn, mögen erst mal keine Bitterstoffe. Deshalb halte ich es für falsch, Kinder zum Essen von Speisen zu zwingen, die sie einfach nicht mögen. Zu Großmutters Zeiten war das noch üblich, heute sollte das so nicht mehr sein. Essen muss Spaß machen, vor allem das gemeinsame Essen, darum sollten wir uns bemühen, da ist jede Idee gefragt.

Es ist utopisch, Süßigkeiten und Fast Food vom Kinderspeiseplan zu streichen. Wie können Eltern einen Ausgleich schaffen?

Kinder sind durchaus empfänglich für Veränderung auch beim Essen und Trinken. Wenn Sie Ihnen beispielsweise eindrucksvoll vorführen, wie viel Zucker in Limo oder Cola steckt, kann man den Appetit darauf schon verlieren. Füllen Sie mal ein Glas mit Zuckerwürfeln und erklären Sie den Kindern, dass das die Menge Zucker ist, die sie mit der Limo oder dem Cola zu sich nehmen würden. Oder machen Sie einen Haufen aus 4o Zuckerwürfeln und erklären, dass so viel Zucker im Pizzateig steckt. Und dann fragen Sie Ihr Kind, ob es nicht Lust hat, diesen Zuckerberg auf einmal aufzuessen. Die allermeisten Kinder werden das Gesicht verziehen. Diese kleine Demonstration wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Ganz streichen braucht man Süßigkeiten ja auch gar nicht. Wenn eben mal viel gegessen wurde, auch zu viel Süßes, dann ist Sport und Bewegung umso wichtiger. Treiben Sie einfach zusammen Sport. Das ist ohnehin das Beste, was man für die Kinder und sich selbst tun kann. Da kann man so viel Spaß gemeinsam haben.

"Wir Besser-Esser"auf der Bühne: Als große interaktive Familien-Gesundheitsshow mit Dietrich Grönemeyer, Spekki Bulletti und Moderator Malte Arkona im Großen Sendesaal des rbb. Am 26. November um 16.30 Uhr. Tickets: 6 Euro. Der Erlös geht an das Berliner Kinderhospiz "Sonnenhof".

Dietrich Grönemeyer: Wir Besser-Esser - Gesunde Ernährung macht Spaß. S. Fischer Verlag, 19,99 Euro