Mamas & Papas

Kampfbasteln für eine gute Sache

Wir sind eine rücksichtsvolle Familie. Fleiß, Kreativität und gute Absichten gelten bei uns noch was. Deswegen wird jegliche Bastelarbeit über Jahre gut sichtbar in der Wohnung präsentiert.

Vor lauter Osterhasen und Schneemännern der Jahrgänge 1998 bis 2011 kann man kaum noch durch unsere Fenster spähen. Letzte Sichtlöcher boten die ausgeschnittenen Schneeflocken, bis der Große begann, in Großserien graffiti-artige Schriftzüge zu produzieren, die je eine halbe Wand füllen. Wahrscheinlich übt er zuhause schon mal, was er demnächst auf Nachbars Garagentor sprüht. Um zu dokumentieren, dass es sich um eine Art Kunst, aber keinesfalls um Sachbeschädigung handelt, werden wir den freundlichen Polizisten die gesammelten Werke unserer Kinder zeigen, bevor sie mich abführen und in der JVA Tegel endlagern, wo ich für den Rest meines Leben dann nach Herzenslust basteln kann.

Die verklebten Fenster bieten immerhin drei Vorteile: Zarte Kinderseelen erfahren tagtäglich Wertschätzung durch das repräsentative Ausstellen ihrer Werke. Zarten Elternseelen bleibt die Fensterputzerei erspart. Und zarte Ökos freuen sich über die Wärmedämmung. Reststrahlen fahlen Sonnenlichts weisen auf die Bedeutung der Materialauswahl hin. Nimmt man billiges Papier, gilben die Fensterflocken mit den Jahren, als hätte ein Hund in den Schnee gemacht. Weit schlimmer sind Naturmaterialien. Neulich erst kollabierte der Kürbis, den wir zu Halloween ausgehöhlt und mittels kühner chirurgischer Schnitte in eine Art orangenen Altmaier verwandelt hatten. Wir wollten die Feldfrucht eigentlich so lange in der Küche stehen lassen, bis der Adventskranz den Platz einnehmen würde. Nichts ist ja quälender als bastelarbeitsfreie Flächen in der Wohnung. Sonst denkt der Besuch noch, wir liebten unsere Kinder gar nicht. Leider machte der Kürbis schlapp. Bioware halt. Als er zusammenfiel, staubte es gewaltig. Flach atmen, Fenster auf. Sind Schimmelsporen eigentlich tödlich oder Abhärtung für die Kinder? Vielleicht sollte ich doch die Bundeswehr anrufen, Abteilung chemische Kampfstoffe? Ach was: Wer drei Tage getragene Jungssocken überlebt, weiß, dass Augenbrennen vergeht.

Wir freuen uns schon auf die Phase verschärften Kampfbastelns, die zum Jahresende droht. Schere, Klebe und eine Kerze seien mitzubringen, befahl ein Schulschreiben unlängst. Offenbar wird die Weihnachtsgeschenkproduktion wieder angeworfen. Kerzenhalter kann man nicht genug haben, vor allem wenn die Fenster mit Bastelarbeiten vollverdunkelt sind. Bei Weihnachtsgeschenken komme es nicht auf Größe und Preis an, sondern auf die vielen guten Absichten, die damit verbunden seien, las ich neulich in einem Erziehungsratgeber. Okay, Kinder, das nehmen wir dann mal ernst. Ab sofort bastelt Vati gnadenlos zurück. Ich werde in der Domäne Dahlem einen Strohballen erwerben, aus den Latten vom Babybett eine Krippe zusammennageln und mich in ein Ochsenkostüm zwängen. Statt Elektronikschrott gibt es zu Weihnachten ein Krippenbild mit der Chefin als Jungfrau Maria. Aus dem Reststroh werde ich mit Lassoband dicke, mannshohe Sterne basteln, die die Türen zu den Jungszimmern schalldicht verschließen. Damit ich das Geheule nicht höre, wenn es dieses Jahr statt Elektronikschrott einfach mal Selbstgebasteltes aus Stroh gibt, total herzlich, mit ganz viel guten Absichten.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann