Dinge des Lebens

Ode an die Freiheit

Christa Timm, 68 Jahre, Rentnerin aus Potsdam

Es war die Freiheit, die sie lockte. Die Freiheit, den Gedanken ihren Lauf zu lassen, zu experimentieren, die eigenen Wünsche und Ideen künstlerisch umzusetzen. Ohne Zwang, ohne Vorgabe. "Kreativ zu sein macht unabhängig", sagt Christa Timm. Sie lächelt, ihre blauen Augen beginnen zu strahlen. "Und gut für das Selbstbewusstsein ist es auch."

Christa Timm ist 68 Jahre alt. Die prägenden Jahre ihres Lebens verbrachte sie in der DDR. Sie weiß, wovon sie redet, wenn sie von Freiheit spricht - oder vom Mangel an derselben. Allerdings spricht sie nicht so gern darüber. Christa Timm ist keine, die jammert oder sich beschwert. Sie ist eine, die das Positive im Leben sucht, egal wie widrig die Umstände sind. Das ist heute so, das war früher so. Auf diese Weise gelingt es der agilen Frau immer wieder, aus wenig oder gar nichts viel zu erschaffen. Es gibt einen Beweis dafür.

100 Stunden Fleißarbeit

Vorsichtig nimmt Christa Timm das Stück Textil in die Hand, rollt es auseinander. Es ist ein Wandbehang mit Applikationen, den sie vor mehr als 30 Jahren gefertigt hat. Der Untergrund besteht aus Jutestoff. Er ist an einem gedrechselten Holzstab befestigt und wird geschmückt vom anmutigen Antlitz einer jungen Frau und einer ausladenden Blumenranke. Ein leuchtender Mond umrahmt das Gesicht. Ganz verschiedene Stoffe hat Christa Timm verwendet: zarten Tüll, schimmernden Samt, grobes Leinen, geschmeidige Baumwolle, weichen Velours. Jedes Teil hat sie sorgfältig von Hand aufgenäht, es teilweise zuvor mit Vlieseline von hinten verstärkt. Dem Haar der jungen Frau hat sie zusätzlich Lebendigkeit verliehen, indem sie mit Zopfstich Strähnen eingestickt hat. Man kann nur erahnen, wie viel Zeit die damals 32-Jährige für das Werk aufgebracht hat. "Hundert Stunden waren es bestimmt", sagt Christa Timm. "Ach, vielleicht möchte man das gar nicht so genau wissen." Was zählt, ist das Ergebnis.

Entstanden ist der Wandbehang im Rahmen einer Ausbildung in Künstlerischer Textilgestaltung. "Wir hatten in der DDR Volkskunstgruppen, für die Dozenten gesucht wurden. Dazu habe ich mich ausbilden lassen." Der Lehrgang dauerte dreieinhalb Jahre und beinhaltete eine Abschlussprüfung. Neben dem Wandbehang als praktischer Arbeit fertigte Christa Timm eine Abhandlung über "Das Ornament als künstlerisches Hilfsmittel" an. Die Note dafür: ein "sehr gut". Allerdings ging es Christa Timm nie um eine gute Beurteilung, sondern um die Freude am Gestalten. Auch als Dozentin war sie nie tätig. "Doch konnte ich die erworbenen Kenntnisse bei meiner Arbeit gut gebrauchen", sagt sie. Christa Timm arbeitete als Erzieherin im Kindergarten und im Hort. "Ich habe die Kinder immer gern an Materialien herangeführt, erstellte mit ihnen Collagen oder gestaltete die Gruppenräume aus." Weil die anderen Erzieherinnen dies sehr schätzten, ließen sie ihre Kollegin gern alle Vierteljahre zu dem jeweils fünftägigen Kurs ziehen.

Für Christa Timm waren diese Auszeiten Quellen der Kraft und der Inspiration. Die Leiterin der Kurse, die in der DDR bekannte Künstlerin Ingeborg Bohne-Fiegert, habe sie sehr bewundert. Und erst die Gruppe! "Wir waren etwa 20 Teilnehmer, von der Hausfrau bis zum Maschinenbauingenieur. Bei allen vorhandenen Zwängen haben wir dort Freiheit genossen. Wir konnten experimentieren und hatten einen tollen Zusammenhalt. Wir haben Stoffe geteilt und getauscht, mit Farbe oder Tee eingefärbt. So viel hatten wir ja nicht. Zu einigen Frauen habe ich heute noch Kontakt."

"Liebe": So lautete die Themenstellung für den Wandbehang. War sie denn damals auch verliebt? Christa Timm lacht. "Ach, da war ich schon einige Jahre verheiratet, unsere Tochter schon 14 Jahre alt. Aber das Thema ist ja immer aktuell." Gedankenverloren ruht ihr Blick auf der jungen Frau. Erwartungsvoll wirkt sie auf Christa Timm, auch voller Geheimnisse. "Es ist eine sehr persönliche Arbeit", sagt die Potsdamerin. "Sie stellt die Liebe zur Schönheit und zur Fantasie dar und gleichzeitig eine tiefe Verwurzelung. Die Festigkeit, das Verbundensein mit der Erde ist wichtig als Kontrast zur Leichtigkeit und Freiheit."

Ein Mittel gegen Burnout

Für heutige Verhältnisse, merkt die Rentnerin an, wirke der Wandbehang natürlich sehr brav. "Er zeugt von der gewollten Ordnung, der gewünschten Fleißarbeit." Aber eine lockerere Gestaltung, die Verwendung von Elementen wie Ringen oder Ketten, das sei damals "absolut nicht gestattet" gewesen. Solche Variationen erlaubt sich Christa Timm heute selbst. Sie schneidert mit Leidenschaft Kleidung und Taschen, gibt fertig gekauften Teilen gern stickend oder häkelnd eine individuelle Note. Den Stoffmarkt in Potsdam hat sie stets in ihrem Terminkalender, neulich hat sie dort sogar eine Nähmaschine gewonnen. "Handarbeit ist ja heute wieder modern", sagt Christa Timm. "Die Gleichmäßigkeit, die Konzentration, die Geduld, die sie erfordert: Das bringt die Menschen zur Ruhe und soll sogar gegen Burnout helfen."

Sie selbst findet Ruhe beim Spazierengehen in der Natur. Aber auch da steht ihre Kreativität nie still. "Da sehe ich dann einen bizarren Ast und denke: Ach, daraus könntest du mal eine Borte entwickeln." Christa Timm schaut dankbar. "Diese Kurse - das war eine sehr gute Zeit. Da wurde mein verborgenes Talent entdeckt." Den Wandbehang, überlegt sie laut, könnte sie eigentlich wieder einmal gut sichtbar in ihrer Wohnung aufhängen. "Er hätte es verdient."

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